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27.08.2016
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Tagungsraum einer kirchlichen Gremiensitzung.

Blick in den Tagungsraum einer kirchlichen Gremiensitzung im Bistum Münster.

"Autoritäre Leitungsstile sind ungeistlich und unreif"

Pfarrer Stefan Jürgens über geistliche Leitung

Kirche+Leben: Seit einigen Jahren leiten Sie eine größere Pfarrei. Regelmäßig treffen Sie sich mit Gremien und Gruppen, auch das Seelsorgeteam kommt wöchentlich zusammen. Wie können solche Zusammenkünfte geistlich geleitet werden?

Stefan Jürgens: Das geht ganz praktisch: Bevor wir konkret planen, hören wir auf das Wort Gottes. Wir lesen es, bedenken es und teilen es betend miteinander. Dieser Einstieg ist von hoher Bedeutung. Er verhindert, dass man sich im Pragmatismus von Satzungen und Sitzungen verliert. Oder, noch schlimmer, dass man einfach drauflos diskutiert. "Aus der Heiligen Schrift" ist immer besser und tiefer als "aus dem hohlen Bauch". Ohne diesen geistlichen Weg genehmigt man sich nämlich meistens nur die Lösungen der Vergangenheit. Man sucht nach dem bereits Bekannten, anstatt unter der Führung des Gottesgeistes das wirklich Neue zu finden. Das Wort Gottes hilft, die konkrete Situation in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Darüber hinaus bedarf auch die Art und Weise, Zusammenkünfte zu leiten, einer Sensibilität, die im aufmerksamen Hören auf den jeweils anderen einen Widerhall der Stimme Gottes vernimmt. Geistliche Leitung ist damit auch eine Form menschlicher Wertschätzung aus dem Geist des Evangeliums heraus.

Kirche+Leben: Was verstehen Sie unter geistlicher Leitung?

Jürgens: Bei dem Adjektiv "geistlich" muss man gut aufpassen, denn es wird in letzter Zeit häufig, ja beinahe inflationär benutzt, um ein Vorhaben oder eine Autorität irgendwie unangreifbar (leider auch ungreifbar, gar unbegreiflich) zu machen. Viele "geistliche Worte" zum Beispiel klingen allein deshalb so fromm, weil man inhaltlich an keiner Stelle konkret wird: Was "geistlich" sein soll, ist in Wirklichkeit nur ziemlich allgemein formuliert. Es handelt sich oft um fromme Phrasen, die man "geistlich" nennt, weil sie letzten Endes unverbindlich bleiben und damit schlicht bedeutungslos sind. So werden Meinungen und Autoritäten vor Kritik geschützt: Wer hinterher nicht hundertprozentig zustimmt, ist eben nicht "geistlich" genug. Das Adjektiv "geistlich" führt damit faktisch zu einem innerkirchlichen Widerspruchsverbot. "Man muss das geistlich sehen" heißt dann soviel wie: "Bitte keine weiteren Fragen, die Diskussion ist beendet!"

So wird aus "geistlich" geradezu eine Selbst-Immunisierung der Kirche gegen den Geist Gottes, ein subtiler Gehorsams- und Stillhalte-Appell seitens der kirchlichen Autorität. Wer nicht spurt, wird als oberflächlich diffamiert, eine andere Spielart des Illoyalitätsverdachts. So ist "geistlich" aber keineswegs gemeint!

Geistliche Leitung darf kein frommes Deckmäntelchen für falsch verstandenen Autoritarismus oder gar für die Bewahrung des Status Quo sein, sondern sie ist das Sich-Öffnen für das, "was der Geist den Gemeinden sagt", und das kann provozierend neu und anders als erwartet sein!

Letztlich geht es darum, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie ist, und diese dann in den größeren Horizont Gottes zu stellen. Im Vertrauen auf die Führung des Heiligen Geistes gilt es, um die Gabe der Unterscheidung zu beten und erst dann konkrete Entscheidungen zu treffen.


Kirche+Leben: Wie können sich geistliche Leitung und moderne Führungs- und Kommunikationsmethoden ergänzen?

Jürgens: Diesen modernen Methoden verdanken wir auch in der Kirche sehr viel, weil sie mit Wertschätzung zu tun haben und eine motivierende Wirkung haben. Wer geistlich leitet, entdeckt die Potenziale derer, für die er verantwortlich ist. Er sorgt dafür, dass sie eigene Initiativen einbringen und ihre Talente entfalten können. Demgegenüber sind alle autoritären Leitungsstile, die es an manchen Stellen noch gibt, nicht nur ungeistlich, sondern zutiefst unreif. Autoritarismus und Machtgehabe entstehen letztlich aus persönlichen Minderwertigkeitsgefühlen. Wer jedoch geistlich leitet, nimmt seine Schwestern und Brüder ernst; er bevormundet sie nicht, sondern findet gemeinsam mit ihnen einen Weg, der ihrer ureigenen Berufung zum Christsein entspricht.

Kirche+Leben: Welche Eigenschaften benötigen Menschen für eine geistliche Leitung?

Jürgens: Wer geistlich leitet, sollte selber geistlich leben. Das drückt sich aus im persönlichen Gebet, in einer guten Beziehung zur Heiligen Schrift und zu den Sakramenten sowie in einer kritisch-loyalen Kirchlichkeit. Gott und den Menschen gegenüber muss man liebesfähig sein, leidenschaftlich, solidarisch. Geistliche Leiter müssen reife Persönlichkeiten sein, die sich selbst annehmen können, weil sie von Gott geliebt sind. Geistliche Leiter dürfen keine Eigenbrötler sein, die andere nur dazu benutzen, ihre eigenen Ideen durchzusetzen. Vielmehr müssen sie aufmerksam hören und sich selbst zurücknehmen können. So bleibt der größere Zusammenhang stets im Blick: das Heil der Menschen, die Gemeinschaft der Kirche, Gott selbst.

Kirche+Leben: Wie wichtig ist die Selbstreflexion einer leitenden Person?

Pfarrer Stefan Jürgens, Stadtlohn.

Jürgens: Ganz wichtig! Wer selbst unangreifbar geworden ist, wird andere angreifen, ohne dies noch zu merken. Geistliche Leiter müssen sich beständig anfragen lassen. Sie müssen nicht perfekt sein, nicht für alles das passende Rezept haben, sondern im Hören auf Gottes Wort und im aufmerksamen Erkennen der "Zeichen der Zeit" das konkrete Miteinander gestalten. Wer in Gott ruht – und in sich selbst – kann sich in Frage stellen (lassen), kann daraus lernen und daran reifen.

Kirche+Leben: Wie kann die "geistliche Leitung" als zentrale Kompetenz von Priestern gefördert werden?

Jürgens: Zuerst einmal hoffe ich, dass es keine unbegleiteten Begleiter und keine orientierungslosen Leiter gibt: Jeder geistliche Leiter braucht einen geistlichen Begleiter! Dann erwarte ich, dass das zur Verfügung stehende Personal klug eingesetzt wird: Nicht jeder kann leiten, und nicht jeder muss es können! Schließlich stelle ich mir vor, dass man Priestern, die große Gemeinden leiten, Fortbildungen anbietet, damit sie ihre Leitungskompetenzen weiter entwickeln können, theologisch-spirituell wie in den Bereichen Psychologie, Kommunikation, Management.

Kirche+Leben: Wie könnten und sollten Laien für eine geistliche Leitung ausgebildet werden?

Jürgens: Amtsträger und Laien bilden gemeinsam das eine Volk Gottes. Mögen sie auch differenzierte Berufungen haben, so sind sie doch aufeinander verwiesen in der einen Kirche.

Gemeinsam ist ihnen der Heilige Geist, den sie in der Taufe als Gabe und in der Firmung als Aufgabe empfangen haben. Kommt aufgrund der Sakramentalität der Kirche für die Leitung einer Pfarrei nur der geweihte Amtsträger in Frage, so gibt es doch in jeder Gemeinde Gruppen und Aufgaben, die der geistlichen Leitung bedürfen.

Diese kann gerade von Laien besonders engagiert, intensiv und glaubwürdig ausgeübt werden. Die Ausbildung dazu kann, je nach Aufgabe, in der Gemeinde selbst oder zentral von der Diözese her erfolgen. Oft haben besonders charismatische Christen schon seit Jahrzehnten bestimmte geistliche Leitungsaufgaben in Caritas, Verkündigung, Liturgie und Gemeinschaft. Sie sind die "Säulen der Gemeinde". Zu den ersten Aufgaben der amtlichen Gemeindeleitung gehört das Aufspüren neuer Charismen. Wer "seine" Gemeinde gut kennt, wird garantiert fündig!

Kirche+Leben: Wie viel Beteiligung verträgt Leitung?

Jürgens: Leitung geht nicht ohne Beteiligung und Teilhabe! Der einsame Leiter, der alles vorgibt und dem alle folgen, ist allein menschlich gesehen undenkbar. Es geht nicht im Alleingang! Wer keine Querdenker duldet, produziert Ja-Sager, Schleimer und systemkonforme Karrieristen – und fährt damit langfristig "die Karre an die Wand", weil dabei nichts Neues entstehen kann, es wird ja nur der Status Quo verwaltet.

Damit aber der Geist wirklich "wehen kann, wo er will", braucht es eine Vielzahl an Meinungen, an konstruktiver Kritik – auch und gerade in der Kirche. Das ist nicht nur geboten und sinnvoll, sondern ein Zeichen der Glaubwürdigkeit: Denn wer hätte das Recht, einen anderen für ungeistlich zu halten, nur weil er eine abweichende Meinung vertritt?

Am Ende kommt es darauf an, wie derjenige, der seinen Leitungsdienst geistlich versteht, das Ganze zusammenführt: am besten als "Brückenbauer". Das bedeutet nicht, nur um des lieben Friedens willen faule Kompromisse einzugehen. Es bedeutet vielmehr, die Spannung zwischen Offenheit und Identität so auszuhalten, dass sie für das Ganze fruchtbar wird.

Kirche+Leben: Was hat Leiten mit Macht zu tun? Oder anders gefragt: Widersprechen sich geistliche Leitung und die Ausübung von Macht?

Jürgens: Macht ist an sich nichts Schlechtes, denn ohne Macht kann man nichts machen. Macht ist das Vermögen, überhaupt etwas in Bewegung bringen zu können. Deshalb ist nicht die Frage entscheidend, ob es überhaupt Macht geben darf, sondern die Art und Weise, wie man damit umgeht und wie diese Macht dann ausgeübt wird.

Für geistliche Leitung bedeutet das: Meinungen bedürfen einer Begründung, Beschlüsse einer nachvollziehbaren Argumentation, Wege und Ziele brauchen einen kooperativen Prozess. Wo Macht allein autoritär begründet und ausgeübt wird und man auf Argumente verzichtet, wird Macht meistens missbraucht. Der Wille einer Einzelperson allein kann nicht Maßgabe pastoralen Handelns sein.

Vielmehr gilt: Die Verantwortung liegt in der Communio, der geistliche Leiter jedoch steht für das Ganze. So ist es wichtig, dass ein Pastoralteam sich selbst, den Gremien und der Gemeinde gegenüber immer wieder Rechenschaft gibt über getroffene Entscheidungen und eingeschlagene Wege. Es muss ein lebendiges Miteinander geben, in dem Amtsträger und Laien, Kirchenleitung und Gemeindegremien gleichermaßen auf das Wort der Heiligen Schrift hören und auf Augenhöhe miteinander sprechen.

Nimmt man ernst, dass Getaufte und Gefirmte wahrhaft Geistliche sind, dann ist jede nur autoritäre oder nicht argumentativ kommunizierte Entscheidung zutiefst ungeistlich.

Im Gespräch:

Stefan Jürgens ist Pfarrer in Stadtlohn St. Otger, einer 16 800 Mitglieder zählenden Gemeinde. Er war bis 2002 Landesjugendseelsorger und Präses des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend Landesverband Oldenburg) und dann bis 2006 Geistlicher Rektor des Bildungszentrums "Kardinal-von-Galen" in Cloppenburg-Stapelfeld. Der 42-Jährige ist Autor zahlreicher Bücher und Mitglied im Priesterrat des Bistums Münster.

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