
Generalvikar Norbert Kleyboldt.
Interview zur Neugliederung der Pfarreien
Generalvikar Kleyboldt: "Die Chancen erkennen"
Bistum. Im Bistum Münster werden die Pfarreistrukturen neu geordnet, die Pläne der Bistumsleitung in den Kreisdekanaten haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Pfarreien vorgestellt. Mit Generalvikar Norbert Kleyboldt sprach Kirche+Leben über Hintergründe und Notwendigkeiten für das Reformvorhaben.
Kirche+Leben: Sie ärgert, dass beim Thema Gemeindekooperation der Fokus nur auf die Frage nach der Leitung gelegt wird. Warum?
Generalvikar Norbert Kleyboldt: Ich erlebe in Diskussionen mit Gemeindevertretern immer wieder, dass mit Nachdruck darauf verwiesen wird: "Wir sind die Kirche!" Zum Teil geschieht dies in Analogie zu dem Ruf "Wir sind das Volk!" aus der Wendezeit in der damaligen DDR. Ich vermisse ein wenig das Bewusstsein, dass wir alle gemeinsam die Kirche bilden. Diese Kirche lebt weder auf der Ebene der Pfarrei noch auf Bistumsebene allein von der Leitung. Und die Leitung allein kann doch nicht garantieren, dass eine Pfarrei lebendig ist. Pfarreien leben ganz wesentlich vom Engagement der Ehrenamtlichen. Hauptamtliche sollen dies fördern, aber sie können es nicht erzwingen. Wir wollen keine Kirche, die nur aus Hauptamtlichen besteht.
Kirche+Leben: Und viele Katholiken haben die Sorge, dass es künftig nur noch Großpfarreien gibt ...
Kleyboldt: Dass es die Sorge vor der anonymen Großpfarrei gibt, weiß ich. Aber so wird es nicht sein. Zum einen werden wir auch weiterhin Pfarreien unterschiedlicher Größe haben, weil wir der Situation vor Ort gerecht werden wollen; für uns sind die Lebensräume der Menschen eine maßgebliche Größe in der Planung. Zum anderen wird es auch die Situation geben, dass Gläubige in einer größeren Einheit die Chance erkennen, ein facettenreicheres Seelsorgeangebot vorzufinden als es in einer kleinen Pfarrei personell überhaupt möglich ist.
Kirche+Leben: Pfarrei ist nicht gleich Gemeinde. Wo sind die Unterschiede?
Kleyboldt: Die Pfarrei ist eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen in einem Bistum, die von einem Pfarrer geleitet wird. Die Pfarrei ist territorial abgegrenzt und umfasst alle Gläubigen, die auf diesem Territorium leben. Gemeinde verstehen wir als eine pastorale und soziale Gemeinschaft von Glaubenden vor Ort. In einer Pfarrei kann es mehrere Gemeinden geben.
Kirche+Leben: Die Zahl der aktiven Bistumspriester in der Seelsorge wird in der Diözese Münster in den kommenden zehn Jahren kräftig zurückgehen. Was bedeutet das?
Kleyboldt: Es sollte uns klar sein, dass wir dies nicht allein als einen Notstand beklagen dürfen, sondern es als Faktum zur Kenntnis nehmen. Es gibt demografische Veränderungen, und wir haben leider deutlich weniger Gläubige. Wir hatten in früheren Zeiten zudem deutlich mehr Gottesdienstteilnehmer. Wenn das religiöse Leben hierzulande insgesamt rückläufig ist, dann dürfen wir uns auch nicht wundern, dass wir weniger Menschen haben, die eine Berufung zum kirchlichen Dienst verspüren. Daher mein Appell: Die verschiedenen Fakten sollten wir nüchtern und sachlich zur Kenntnis nehmen.
Kirche+Leben: Aber für andere zeigt sich darin auch ein Teufelskreis ...
Kleyboldt: Das Argument kenne ich auch: Weil es immer weniger Priester gibt, gehen immer weniger in die Kirche. Diese Logik erschließt sich mir aber nicht und ist zudem auch nicht zu halten, denn rückläufige Gottesdienstbesucherzahlen gibt es deutlich erkennbar seit Anfang der 1960er Jahre. Und damals gab es genügend Priester.
Natürlich können Hauptamtliche das Leben in der Gemeinde beleben, und das sollen sie auch. Aber wenn es Gemeindeleben nur durch die Animation der Seelsorger gibt, dann befinden wir uns auf dem Holzweg. Wir brauchen Aufbrüche und neue Impulse und dies sicher auch in der Berufungspastoral – aber es wird sie nicht geben durch immer mehr Personal.
Kirche+Leben: In den Gemeinden und wie jetzt auch durch prominente CDU-Parlamentarier wird in diesem Zusammenhang immer wieder die Forderung nach Aufhebung des "Pflichtzölibats" laut. Die Bistumsleitung sieht darin keine Lösung. Warum nicht?
Kleyboldt: Weltkirchlich haben wir eine Situation, in der die römische Kirche den Zölibat als fundamental für das Priestersein ansieht. Wir haben derzeit keinen Konsens, dies zu verändern. Und ehrlich gesagt: Ein Blick auf andere Kirchen, die den Zölibat nicht kennen, zeigt uns doch, dass auch sie nicht mehr Berufungen haben und wir damit nicht die entscheidenden Probleme der Entchristlichung und Entkirchlichung unseres Landes lösen.
Kirche+Leben: Ließe sich die Lücke in der Seelsorge nicht durch Pastoralreferenten und Diakone schließen?
Kleyboldt: Die Pastoralreferenten und Diakone sind nicht die Lückenbüßer! Das möchte ich nachdrücklich betonen. Aber auch in diesem Bereich müssen wir nüchtern zur Kenntnis nehmen, dass diesen Berufsgruppen der Nachwuchs fehlt. Wir erleben zurzeit, dass nachwuchsstarke Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Damit wird sich auch in diesem Bereich der Personalmangel verstärken.
Kirche+Leben: Die Laien – allen voran das Diözesankomitee der Katholiken – fordern eine stärkere Beteiligung an den Veränderungsprozessen. Was entgegnen sie dem?
Kleyboldt: Wir müssen handeln – ob wir wollen oder nicht. Die Strukturen sind sicher nicht das Wichtigste, aber wir wollen und werden sie zukunftssicher gestalten, damit kirchliches Leben weiter lebendig bleiben kann. Ich freue mich, dass das Diözesankomitee sich an den Überlegungen zur Neustrukturierung beteiligt. Das oberste Beratungsgremium dafür ist der Diözesanrat; das hat auch Bischof Felix immer wieder deutlich gemacht.
Kirche+Leben: Wie können und sollen die Laien sich an diesem Prozess der Veränderung beteiligen?
Kleyboldt: Wir müssen alle miteinander die Realitäten anerkennen. Es kann auch keiner sagen, dass all diese Fragen überraschend auf uns zukommen. Wer sich nüchtern die Zahlen ansieht, der kommt doch gar nicht daran vorbei anzuerkennen, dass wir unsere bisherigen Strukturen nicht aufrecht erhalten können.
Kirche+Leben: Was können die Laien für ein vitales Gemeindeleben tun?
Kleyboldt: Das ist ganz einfach, und das machen ja auch viele: Sie müssen bereit sein, in Gemeinden zu leben und das Leben dort mitzugestalten. Es gilt, die größere Pfarre zu sehen und sich dort einzubringen, aber eben auch vor Ort konkretes Gemeindeleben in Gruppen, im sozialen Engagement und in Gebet und Gottesdienst zu gestalten.
Kirche+Leben: Auch die kirchlichen Verbände, die seit Jahrzehnten das kirchliche Leben prägen, unterliegen einem tiefgreifenden Wandel. Glauben Sie, dass sich künftig die Sozialgestalt der Gemeinden anders darstellen wird?
Kleyboldt: Fakt ist, dass die bekannten volkskirchlichen Strukturen sich immer mehr auflösen und vielerorts kaum oder gar nicht mehr vorhanden sind. Früher gehörte die Teilnahme des Einzelnen und von großen Gruppen am kirchlichen Leben zu den nicht hinterfragten Selbstverständlichkeiten. Heute gibt es diese Selbstverständlichkeit für viele nicht mehr. Wir werden sicher diese Vielfalt der Verbände in der Gemeinde auf Dauer nicht mehr haben. Es wird Gruppen und Kreise – etwa Familienkreise – geben, die nicht einem Verband angehören; das gibt es bereits heute. Und: Unsere Schulen werden zunehmend zu Ganztagsschulen – das hat logischerweise Folgen für unsere kirchliche Jugend- und auch die Jugendverbandsarbeit. Aber in welche Sozialgestalt sich die Gemeinden konkret entwickeln, das vermag ich heute nicht zu sagen.
Kirche+Leben: Kritiker bemängeln, dass nur über die äußeren Strukturen der Gemeinden befunden wird, aber ein Pastoralkonzept fehlt. Was meinen Sie dazu?
Kleyboldt: Die Kritik kann ich verstehen. Wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass wir missionarische Kirche sein müssen. Aber wir werden das Thema intensiv angehen, sobald die Strukturen stehen. Mit Blick auf die neuen pastoralen Räume werden wir ein stimmiges und auch hier zukunftsfähiges Pastoralkonzept entwickeln und in den verschiedenen Gremien der Mitverantwortung zur Diskussion stellen.
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Interview: Norbert Göckener | Foto: Dirk Bauer in
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20.02.2011
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