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30.05.2016
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Professor Thomas Söding

Professor Thomas Söding.

"Durch Argumente überzeugen – nicht durch Appelle"

Professor Söding kritisiert Theologen-Kollegen

Bistum. Mehr als 250 Theologen haben mittlerweile das Memorandum "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch" unterzeichnet. Nicht dabei ist der in Bochum lehrende Neutestamentler Professor Thomas Söding aus Münster; als Vorsitzender des Katholischen Bibelwerks im Bistum Münster verantwortet er die Bibelarbeiten in kirchensite.de. Den Wissenschaftler, der Mitglied der Internationalen Theologenkommission im Vatikan ist, fragte kirchensite.de, was ihn an dem schlagzeilenträchtigen Professorenpapier stört.

kirchensite.de: Herr Professor Söding, Sie haben das Memorandum von mehr als 200 Professorinnen und Professoren der katholischen Theologie nicht unterzeichnet. Warum nicht? Fühlen Sie sich nicht in Ihrer Freiheit beschränkt, wie es die Internetadresse des Memorandums –"www.memorandum-freiheit.de" suggeriert?

Professor Thomas Söding: Für die Theologie hat es noch nie so viel Freiheit gegeben wie heute. Wenn ein Papst ein Buch über Jesus schreibt und sagt: "Bitte, kritisiert mich!" – was will man dann eigentlich mehr? Es gibt allerdings Gegenkräfte, die nicht verstehen wollen, dass die Freiheit der Theologie für die ganze Kirche lebensnotwendig ist, weil der Glaube von der Kritik, vom Wissen, von der Forschung und Erkenntnis profitiert. Gegen Betonköpfe hilft nur bessere Theologie. 

kirchensite.de: "Die Zeit des Resolutionismus ist vorbei", Reformpapiere wie das Memorandum "bringen nichts", meinte der emeritierte Wiener Pastoraltheologe Professor Michael Zulehner. Sehen Sie das Papier ebenso pessimistisch?

Söding: Das Memorandum ist seiner Form und seinem Inhalt nach problematisch. Die katholische Kirche hat riesige Probleme. Aber der Theologie stehen tausend Türen offen. Sie kann nur durch Argumente überzeugen, nicht durch Appelle. Theologen machen sich zur innerkirchlichen Interessengruppe, wenn sie mit einer Sammelklage an die Öffentlichkeit treten. Von der Theologie muss man erwarten, dass sie den Kern den Problems erfasst: die gegenwärtige Krise des Glaubens. Wer die nicht beschreibt, versteht auch die Krise der Kirchenbindung nicht.

kirchensite.de: Und die Chancen, die noch in dieser Krise liegen?

Söding: Es ist die Stunde, den Glauben in Freiheit zu leben und die Bindung an die Kirche aus keinem anderen Grund als der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu pflegen. Das geschieht allenthalben, Gott sei Dank. Weil die Kritik nicht tief genug ansetzt und die vielen positiven Entwicklungen der Gegenwart nicht gesehen werden, bleiben die Vorschläge ambivalent.

kirchensite.de: Die öffentliche Debatte zeigt aber, dass von dem Memorandum ein Impuls ausgegangen ist. Wie bewerten Sie dies und wie sollte die Kirche – sowohl Kirchenleitung wie -volk – damit umgehen?

Söding: Die Bischofskonferenz hat einen Dialogprozess angekündigt. Ein Dialog hinter verschlossenen Türen ist aber keiner. Wo bleibt die Einladung an die Theologischen Fakultäten, in einem offenen Prozess über diejenigen Fragen mit den Bischöfen zu diskutieren, die in der Kirche anstehen? Wo bleibt das Gespräch mit den theologischen Zeitschriften, die seit Jahren die Debatte führen? Wo bleibt die Vernetzung mit Foren im Internet, bei Facebook und Twitter, auf denen sich diejenigen äußern, die nicht zum Establishment gehören? Das sind für mich die entscheidenden Fragen. Ja, und dass zwischen den Bischöfen und den Memorandums-Theologen nicht die große Sprach- und Ratlosigkeit herrscht, das hoffe ich auch. Der Gesprächsbedarf ist groß – nicht nur, aber auch bei den vom Memorandum markierten Punkten.

kirchensite.de: In der Einleitung erinnert das Memorandum an den Missbrauchsskandal, der im vergangenen Jahr die katholische Kirche erschüttert hat. Daran schließen sich verschiedene Themenkomplexe an. Wie empfinden Sie diese Verknüpfung?

Söding: Der Missbrauchsskandal ist ein ganz eigenes Thema. Er ist noch lange nicht aufgearbeitet. Mit den Reformvorschlägen, die im Memorandum gemacht werden, hat er nichts zu tun. Der Text sagt nichts zur Entschädigungsfrage; er verliert kein Wort über die kirchliche Aufklärungsarbeit, er spricht die Opfer nicht an. Der Skandal dient im Text nur als Aufhänger. Ich bin sicher, dass dieser Eindruck nicht der Intention der Verfasser und Unterzeichner entspricht. Aber er hätte nie entstehen dürfen.

kirchensite.de: Sie sind aktiv im ökumenischen Dialog. Lässt sich von anderen christlichen Kirchen auch für den Reformprozess in der katholischen Kirche etwas lernen, wie dies etwa Kardinal Walter Kasper gesagt hat?

Söding: Hierzulande gibt es zu viel Frustration, zu viel Reibungsverluste, zu viel Rollenunsicherheit, zu viel Beschäftigung mit sich selbst. Das Memorandum macht keine Ausnahme. Der Blick über den Tellerrand auf andere Kirchen und Konfessionen zeigt, dass es nicht nur bei uns Probleme gibt. Das ist ein schwacher Trost. Aber es zeigen sich auch viele gute Beispiele. Ich nenne nur das Bildungsinteresse auf evangelischer Seite, das tief in der christlichen Freiheitsbotschaft verwurzelt ist. Davon können wir uns eine Scheibe abschneiden. Bildung ist der Schlüssel zur Lösung der Zukunftsfragen. Was wir wirklich brauchen, ist eine neue Qualitätsoffensive. Da ist die Theologie gefragt.

kirchensite.de: Was ist für Sie die eigentliche Kernfrage hinter dem Papier und dem auch von den Bischöfen angestrebten Dialogprozess?

Söding: Ich kann nur sagen, was ich persönlich für die gegenwärtige Kernfrage halte. Wir sind in einer Phase, da der Glaube ganz neu auf dem Prüfstand steht. Biblisch und historisch betrachtet, sind das immer die besten Zeiten gewesen. Keine falschen Selbstverständlichkeiten, keine falschen Rücksichten, keine Immunisierungsprogramme gegen den Zeitgeist, sondern: Konzentration auf die Stärken, Eingeständnis der Schwächen, Aufbruch mit Jesus im „Galiläa der Heiden“ zur Verkündigung des Evangeliums (Mt 4,15). Wer macht dabei mit? Wer übernimmt welche Aufgabe? Diese Fragen finde ich viel wichtiger als alle Strukturdebatten, oder anders: Wenn die Glaubensfragen richtig gestellt und inspiriert genug besprochen werden, werden sich auch die Strukturprobleme lösen lassen.

kirchensite.de: Wo sehen Sie die Ursache für die allenthalben zu beobachtende Glaubenskrise in diesem Land?

Söding: Die Kirche findet sich in einer offenen Gesellschaft wieder. Aber sie ist in ihr nicht angekommen. Die Konzepte des Religionsunterrichts, der Seelsorge, der Sakramentenkatechese sind viel zu oft von gestern. Und was heute ansteht? Weder "Kirche light" noch theologischer Rigorismus. Wir sind und bleiben die katholische Kirche, eine Kirche für alle, in der Welt, aber nicht von der Welt. Wir sind und bleiben auch eine römische Kirche: Für deutsche Sonderwege  bin ich nicht zu haben. Ich will keine Privilegien und keine Extralasten. Aber ich will, dass möglichst viele an dem Projekt arbeiten, dass wir ohne Besserwisserei und ohne Anpassung unsere Chancen nutzen. Und die bestehen darin, neue Formen des Dialoges zu suchen, neue Formen der Kooperation, neue Formen der Partnerschaft. Das muss auch zwischen den Bischöfen und den Unterzeichnern des Memorandums möglich sein.

kirchensite.de: Im Wort "Reform" steckt ja die Bedeutung, dass es eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Form geben soll. – Welche Anregungen können Sie als Neutestamentler für einen möglichen Reformprozess geben?

Söding: Und das Wort "Form" steckt auch darin. Es geht um die Gestalt des Glaubens. Form und Inhalt müssen zusammenpassen. Das Christentum ist von Anfang an eine Reformbewegung. Jesus war ein Reformer, die Apostel waren Reformer; ecclesia semper reformanda, die Kirche muss immer reformiert werden, ist ein Kernsatz jeder guten Dogmatik. Die entscheidende Reform ist aber die, alles, die Welt, die Menschen, die eigene Person, von Gott her zu sehen, wie Jesus ihn verkündet, und Jesus von Gott her zu sehen, dessen Herrschaft er verwirklicht. Jede Reform in der Geschichte der Kirche, die ihren Namen verdient, ist von dieser Kraft des Ursprungs geprägt. Das wird auch in Zukunft so sein. Wenn die Theologie sich an dieser Stelle äußert, wird sie auch gehört.

kirchensite.de: Wo sehen Sie aus Sicht des Neuen Testaments Reformbedarf in der Kirche?

Söding: Die Kernfrage ist die Glaubensfrage. Nicht nur das Neue Testament, die ganze Bibel ist die große Erzählung unseres Glaubens. Wer in der Bibel zuhause ist, kann so schnell nicht erschüttert werden. Also ist die große Aufgabe eine Alphabetisierungskampagne. Und wenn man vom Neuen Testament aus auf die gegenwärtige Kirche blickt und nach Möglichkeiten sucht, aus der Krise das Beste zu machen: Das Potential der Amtstheologie ist nicht ausgeschöpft; die tragende Rolle von Frauen ist nicht ausgefüllt; die Charismenlehre ist nicht ausgenutzt; die Zusammenarbeit aller Gläubige ist nicht ausgereift. Die theologische Masterfrage lautet: Wie kann ein Erneuerungsprozess nach dem Motto "Starkes Amt – Starke Gemeinde" gelingen? Wie kann eine Reform ansetzen, die nicht aus der Tradition aussteigt? Wie kann der Glaube vor Ort verwurzelt werden, ohne dass die Gemeinschaft der ganzen Kirche aufgekündigt wird? Was am dringendsten gesucht wird, sind Menschen mit ausgeprägtem Teamspirit.

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