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23.05.2012
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Familie.

Sicking-Schürmann: Wenn bei den Kindern das Bedürfnis nach Nähe gestillt ist, steht das Paar im Mittelpunkt.

Interview mit Paartherapeutin Christa Sicking-Schürmann

"Eltern sein, Liebespaar bleiben"

Bistum. Was verändert sich für Ehepaare, wenn der ersehnte Nachwuchs da ist? Wie gelingt es, nicht nur gute Eltern, sondern auch ein Liebespaar zu bleiben? Antwort auf diese Fragen weiß die Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin Christa Sicking-Schürmann. Seit 1992 leite sie die katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Ahaus. Dort berate sie Einzelpersonen, Paare und Gruppen. Auch im "Haus der Seelsorge" und im wöchentlichen Chat-Angebot steht Sicking-Schürmann mit ihrem Rat zur Verfügung.

Frage: Frau Sicking-Schürmann, wenn ein Paar Kinder bekommt, verändert sich vieles im Leben. Kann das auch eine Paar-Beziehung negativ beeinflussen?

Sicking-Schürmann: Ja. Bevor junge Paare Eltern werden, führen sie oft eine eher moderne Partnerschaft. Jeder ist gleichberechtigt und kann alles: Beide kümmern sich sowohl um die finanzielle Sicherheit, als auch um die Versorgung. Mit der Geburt eines Kindes fallen sie dann oft in sehr traditionelle Rollenmuster zurück. Der Mann arbeitet, zieht sich aus dem familiären Geschehen heraus und die Frau geht ganz in ihrer Mutterrolle auf. Problematisch wird es, wenn die beiden nicht über diese Veränderung diskutieren und nicht über ihre Lebensvorstellungen sprechen.

Frage: Und so kann es passieren, dass sich die beiden irgendwann mit "Mutti" und "Vati" ansprechen.

Sicking-Schürmann: Ganz genau! Damit wird deutlich, dass dort ein Rollenwechsel stattgefunden hat und sich die beiden nicht mehr in erster Linie als Liebende, sondern als Eltern empfinden.

Frage: Wer merkt denn zuerst, dass die Partnerschaft aus dem Blick gerät?

Christa Sicking-Schürmann.

Sicking-Schürmann: Aus meinem Therapeutenalltag kann ich sagen, dass es häufig die Männer sind. Ich denke, dass Frauen sehr in ihrer neuen Rolle als Mutter aufgehen und auch darin gefangen sind. Männer sind da in der Regel ein kleines bisschen distanzierter. Die Männer bleiben berufstätig und die Frauen pausieren. Somit erleben Frauen stärker, dass sie sich um die Kinder kümmern.

Frage: Wenn ein Elternteil für mehrere Tage auf Fortbildung war und zurück kommt: Was können Eltern tun, damit die "Lücke" wieder schnell geschlossen wird?

Sicking-Schürmann: Dann ist es gut, wenn es als erstes ein Familienschmusen gibt. Besonders bei mehreren Kindern bietet sich das Kuscheln im Bett oder auf dem Sofa an. Wenn dann bei den Kindern das Bedürfnis nach Nähe gestillt ist, steht das Paar im Mittelpunkt. Dabei sollte es nicht nur einen reinen Informationsaustausch geben, sondern auch persönliche Themen besprochen werden.

Frage: Wie können sich denn Eltern als Paar Inseln der Ruhe schaffen?

Sicking-Schürmmann: Das müssen die Eltern bewusst tun. Wie der Termin für den Kinderarzt, sollte auch die Zeit zu zweit in den Kalender eingetragen werden. Was ich immer empfehle, ist ein Abend in der Woche als Paarinsel fest zu machen. Dann kann das Paar die Alltagssituation verlassen und zum Beispiel spazieren oder Essen gehen. Bei der gemeinsamen Freizeitgestaltung sollten sie sich fragen: Was hat uns früher aneinander gereizt? Was war unsere gemeinsame Lebenslust? Die Familie kann immer nur so gut sein, wie die Partnerschaft trägt.

Frage: Und wer passt in der Zeit auf die Kinder auf?

Sicking-Schürmann: Das Beste, was man Eltern schenken kann, sind Babysitter-Dienste. Elternpaare haben viel davon, wenn Großeltern, Paten oder Freunde statt Babysachen und Spielzeug auch mal einen Babysitter-Gutschein schenken.

Frage: Welche Rolle spielt die Sexualität bei jungen Eltern?

Sicking-Schürmann: Das ist ein Thema mit dem sich besonders junge Paare an mich wenden. Gerade wenn ein Kleinkind da ist, steht das Paar unter einer starken Anspannung. Sie kämpfen mit Schlafmangel und Erschöpfung. Oft bleibt die Sexualität auf der Strecke. Da ist es gut, wenn Paare sich auch für Nähe und Erotik Paarinseln schaffen. Männer können ihrer Frau dabei helfen, wieder eine Liebende zu werden. Denn die Frau erfährt ihren Körper in der Zeit der Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit oft eher als etwas Nährendes denn als etwas Lustvolles.

Frage: Sie betonen die Zeit zu zweit und sprechen von Paarinseln. Aber ist es für die Entwicklung eines Kindes nicht wichtig, im Mittelpunkt zu stehen?

Sicking-Schürmann: Bei Säuglingen ist das so, da müssen Bedürfnisse direkt befriedigt werden. Aber wenn die Kinder älter sind, ist es für sie wichtig, dass sie auch leichte Frustrationserfahrungen machen. Kinder müssen lernen, dass Eltern ein Recht haben, Zeit für sich zu reservieren und sie müssen lernen, dass sie nicht immer im Mittelpunkt stehen. Sie müssen sich auch mal allein oder mit anderen Kindern beschäftigen. Sonst werden sie später mit Frustrationen im Kindergarten oder in der Schule nicht fertig.  

Frage: Die Eltern sollen also nicht immer zurück stecken?

Sicking-Schürmann: Auf keinen Fall! Für die Entwicklung des Kindes ist es wichtig, das es eines begreift: Der erste Platz im Herzen seiner Eltern ist der Partner. Das bringt auch etwas Entlastendes mit sich. Somit fühlt sich das Kind für das Lebensglück der Eltern nicht verantwortlich. Es kann sich in Ruhe seinen eigenen Dingen widmen. Das Kind hat einen wichtigen Platz, aber nicht den allerwichtigsten. Ich habe die Erfahrung als Therapeutin gemacht: Wenn Eltern gut für sich sorgen und ein Liebespaar bleiben, dann geht es auch der Familie gut.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. undefinedChrista Sicking-Schürmann im Haus der Seelsorge
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Familie

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.katholisch.de

Interview: Saskia Gamradt (Öffnet externen Link in neuem Fensterkatholisch.de) | Fotos: Norbert Ortmanns, Archiv
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