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23.05.2012
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Pfarrer Hans Döink.

Pfarrer Hans Döink ist der Vorsitzender der Missbrauchskommission im Bistum Münster.

Missbrauchsbeauftragter Döink zieht Bilanz seiner Arbeit

"In der Kirche muss sich was ändern"

Bistum. Was er geleistet hat, gleicht einer Herkules-Aufgabe. Sie hat ihn an Abgründe geführt, und er hat in sie geschaut. Was er erfahren musste, möchte man eigentlich nicht wissen. Doch er musste sich alldem stellen. Pfarrer Hans Döink ist knapp ein Jahr nach Öffentlich-Werden des Missbrauchsskandals noch deutlich anzumerken, wie sehr ihn die Beschäftigung mit dieser skandalösen Seite der katholischen Kirche mitgenommen hat.

Seit Oktober 2007 ist Döink der vom Bischof Beauftragte für "Fälle des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche" und leitet eine Kommission mit Fachleuten. Ein Nachfolger soll in nächster Zeit benannt werden.

Die Zahlen sind für die Diözese Münster überschaubar: Von 2002 bis 2010 hat es nach Angaben von Döink zehn Meldungen zu Missbrauchsfällen gegeben, vier Mal bestätigte sich der Verdacht und wurden die Täter vom staatlichen Gericht verurteilt. In anderen Fällen bestätigte sich der Verdacht im Blick auf Minderjährige nicht.

Staatsanwaltschaften informiert

Seit Anfang 2010 Jesuiten offen über Missbrauchsfälle an dem von ihnen geführten Kolleg in Berlin sprachen, gab es eine Welle von Berichten über derartige Grenzüberschreitungen von Geistlichen. Sie erfasste auch das Bistum Münster, und diese Fälle landeten auf dem Schreibtisch von Pfarrer Döink, denen er mit seiner Kommission nachging.

Die Kommission erhielt so Meldungen zu Taten im Zeitraum von 1948 bis 2001. Dabei wurden 56 Geistliche beschuldigt. "27 von ihnen sind mittlerweile verstorben, so dass wir uns nur um die Opfer kümmern konnten", erläutert Döink. In den Fällen, in denen die Beschuldigten noch lebten, wurden die Staatsanwaltschaften informiert. In allen Fällen aber wurde die Verjährung festgestellt und die Verfahren eingestellt. Von der kirchlichen Kommission wurde aber allen – auch staatlich verjährten Fällen – nachgegangen; es wurde versucht, sie aufzuklären und Konsequenzen zu ergreifen, wozu auch die Meldung nach Rom gehört, wie Döink erläutert.

Als maßlos hat Döink das Leid der Opfer erlebt, denen er sich in besonderer Weise verpflichtet sieht. Er zeigt sich erschüttert über die Biografien der Opfer von sexuellem Missbrauch: Deren Leben sei geprägt von Suizidgedanken, sie hätten oftmals Probleme im Beruf und in der Partnerschaft. Diese beschäftigten sich dauernd damit. "Das sind traumatische Erfahrungen, die die Opfer quälen." Viele konnten nur zögernd darüber sprechen, waren aber dankbar, dass ihnen geglaubt wurde, wie der Geistliche erläutert. Sie wollten aber vor allem dazu beitragen, dass das Leid bekannt werde und so etwas nie mehr passiere; dazu müsse sich in der Kirche etwas ändern.

Aufklären und informieren

Bereits im Februar 2010 hatte Döink deutlich gemacht: "Wir müssen uns diesen Missbräuchen offen stellen, sie aufklären und informieren – das sind wir den Opfern und auch der Gesellschaft schuldig." Opferschutz gehe vor Täterschutz, das war von Anfang die These des Geistlichen, der in der Pfarrei Anna Katharina in Coesfeld tätig ist. "Früher hat die Kirche die Täter geschützt und nicht gründlich aufgeklärt. Der Opfer hat man nicht gedacht. Eine solche Verharmlosung darf es nicht mehr geben."

In fast allen bekannt gewordenen Fällen hat die Kommission ihre Arbeit beendet. Gegenwärtig wird Döink vor allem angefragt von Gruppen und Pfarreien, um über seine Arbeit und seine Erfahrungen zu berichten. Dabei kommt er ins Gespräch mit vielen Engagierten in Gemeinden, aber auch mit Interessierten außerhalb der kirchlichen Arbeit. Das Referieren und Diskutieren hilft auch Döink, das Erlebte aufzuarbeiten. Denn: "Das ist mir nicht in den Kleidern stecken geblieben."

Ursachen im System

"Das darf nicht wieder passieren – um der Opfer willen", das ist die wichtigste Erkenntnis aus der Arbeit des Geistlichen. Damit sich etwas ändert, ist für Döink der erste Schritt, zur Kenntnis zu nehmen, was tatsächlich geschehen ist und dies "ehrlich anzuschauen" und die Schuld zu bekennen. Einige Ursachen für den Missbrauch liegen für den Priester "im System"; die Fälle und der Umgang mit ihnen "hat auch einiges in diesem System sichtbar gemacht". Gerade daran arbeitet er sich gegenwärtig ab.

Döink weist auf dem "Umgang mit Macht" in der Kirche hin. Und "Machtmissbrauch" gibt es nach seiner Meinung nicht nur in Sachen sexuellem Missbrauch. Eine ganze Reihe von Themen, mit denen er bei seinen Vortragsveranstaltungen konfrontiert wird, nennt Döink: die Stellung der Laien, die Achtung der Frau, das Thema Ökumene, die Sexualmoral der Kirche, der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. "Wir müssen an diese Themen ran, denn sonst wird sich die horizontale Kirchenspaltung zwischen Volk und Leitung vertiefen."

Damit fertig?

Die Kommission ist dabei die Fälle - was ihre Möglichkeit betrifft - abzuschließen. "Die Opfer sind keineswegs damit fertig, aber auch die Kirche ist damit nicht fertig und sie darf es nicht sein", sagt Pfarrer Döink. Er sieht in Äußerungen einzelner Bischöfe "Signale der Bereitschaft, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen". Er verweist auf Erzbischof Robert Zollitsch und dessen Aussage im Eröffnungsreferat bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe: "Dem Leben der Kirche sollen wir ein neues Gesicht geben. Stagnation wäre Verrat."

"Stagnation wäre Verrat – das gilt im Blick auf die Opfer", wie der Geistliche erklärt: "Ihr offenbar gewordenes Leid würde noch einmal nicht ernst genommen, wenn nicht konkrete Veränderungen geschehen." Für die Kirche geht es nach Meinung von Döink – wie auch Zollitsch meint – um "die bohrende Frage nach der Glaubwürdigkeit unserer Kirche in Deutschland. Diese Glaubwürdigkeit hängt ab von der Lebendigkeit der Kirche, ihrer Fähigkeit zu Umkehr und neuem Aufbruch und zu neuer Evangelisierung".

"Vertiefte Selbstvergewisserung der Bischöfe"

Mit Zollitsch ist Döink der Ansicht: "Wir brauchen eine vertiefte Selbstvergewisserung über uns selbst, besonders darüber, was wir als Bischöfe zu tun haben: im eigenen Bistum, in der Bischofskonferenz und in der Weltkirche, auch in Bezug auf die Einheit mit unserem Heiligen Vater." Der Priester verweist auch auf den Erfurter Bischof Joachim Wanke, der wünscht, dem Glaubenssinn und der Kompetenz der Laienchristen zu vertrauen und auch die Anliegen klar und öffentlich in Rom zu benennen.

Der frühere Regens des Priesterseminars hofft daher, dass die Signale der Bereitschaft zu Reformen konsequent verwirklicht werden. "Dann hätten wir die Chance, die auch in der gegenwärtigen Krise liegt, wahrgenommen."

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Text: Norbert Göckener | Foto: Michael Bönte
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