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23.05.2012
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Kirchturm

Personaldezernent Köppen: "Auf dem Land lassen wir die Kirche im Dorf."

Personalreferent Köppen und Kirchenrechtler Schüller referierten

Diskussion: Welche Zukunft haben die Pfarreien?

Bistum. Welche Zukunft haben die Pfarreien im Bistum Münster? Dieser Frage ging am Dienstag (16.11.2010) ein Forum im münsterschen Franz-Hitze-Haus nach. Stark war die Konzentration auf das Thema Leitung, deutlich wurde aber auch: der gesamte Kontext des kirchlichen Lebens ist zu berücksichtigen und die nach dem Kirchenrecht mögliche Leitung durch Laien kann allenfalls eine Übergangslösung sein.

Personaldezernent Hans-Bernd Köppen vom Bischöflichen Generalvikariat in Münster legte den Fokus auf das kirchliche Leben als Ganzes. Zahlen aus der Statistik der vergangenen 40 Jahren machten deutlich: stark rückläufig ist die Zahl der Gottesdienstteilnehmer, der Taufen und Trauungen; unverändert bleibt hingegen die Zahl der Beerdigungen. Verbunden mit mehreren tausend Kirchenaustritten bedeute dies, dass man in den kommenden Jahren von einer weiter deutlich sinkenden Katholikenzahl in der Diözese ausgehe, erläuterte Köppen.

"Wir lassen die Kirche im Dorf"

Analog geht auch nach Darstellung Köppens die Zahl der Seelsorger und Seelsorgerinnen zurück: In zehn Jahren gibt es noch rund 370 Priester (bis 75 Jahre) im aktiven Dienst; damit rund halb so viel wie heute. Wie für den Priesterberuf sei es auch immer schwieriger, für die Aufgaben des Pastoralreferenten und des Ständigen Diakons geeignete Bewerber zu finden, erklärte der Personaldezernent.

Mit Blick auf die Zusammenlegung von Pfarreien verdeutlichte Köppen, dass die Bistumsleitung in ihren Planungen die unterschiedlichen Anforderungen von Stadt und Land berücksichtige. "Auf dem Land lassen wir die Kirche im Dorf", versicherte er. Doch auch auf dem Land sei Wandel erforderlich.

Personaldezernent Hans-Bernd Köppen.

Personaldezernent Hans-Bernd Köppen.

"Lebensorientierte" Strukturen

In der Stadt seien Gottesdienstorte in der Regel leichter zu erreichen; überdies müssten in Städten auch besondere Angebote für Fernstehende und Interessierte gemacht werden.

Nachdrücklich wehrte sich der ernannte Domkapitular dagegen, dass es dem Bistum darum gehe, nur Großgemeinden zu bilden. Auch künftig werde es neben größeren Pfarreien auch kleinere Einheiten von 6.000 bis 7.000 Katholiken geben. Wesentliches Kriterium sei, dass die Strukturen "lebensorientiert" seien.

Mit Blick auf die Pfarreileitung durch Laien warnte Köppen davor, durch ein solches Modell zu erhalten, was ohnehin nicht lebensfähig sei. Gemeinden lebten vor allem vom Engagement der Laien, er wehre deshalb gegen eine "Beamtenkirche", die suggeriere, es komme nur auf das Tun der Hauptamtlichen an. Durch Mitarbeit in Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten hätten Laien zudem konkret Teil an der Leitung der Pfarreien.

Priester sollen kooperativen Führungsstil entwickeln

Überdies warb er für eine Unterscheidung zwischen Gemeinde und Pfarrei. Die Pfarrei sei eine rechtlich definierte Größe, die Gemeinde eine lebendige Gemeinschaft von Gläubigen in einem überschaubaren Raum, die vom vielfältigen Einsatz der Ehrenamtlichen lebten.

"Die Gemeinde ist nicht identisch mit der Pfarrei, und wir dürfen nicht meinen, aus jeder Pfarrei eine Gemeinde machen zu können", betonte Köppen. Vielmehr sei die (größere) Pfarrei eine Gemeinschaft von Gemeinden. So müssten auch die Priester mehr denn je einen kooperativen Führungsstil entwickeln.

Schüller: Ballast abwerfen

Professor Thomas Schüller, Kirchenrechtler von der Universität Münster, kritisierte, dass viele Pfarreien "geschlossene Gesellschaften" seien und damit nicht attraktiv für Suchende. Faktisch gebe es überalterte Kerne von Gemeinden.

"Wer dem Evangelium auf der Spur bleibt, wird Mut gewinnen, sich den Herausforderungen zu stellen, dabei das ein oder andere an Strukturen und materiellem Besitz als Ballast hinter sich lassen, um doch verwurzelt wie eine westfälische Eiche am Ort, wo man lebt, den nachfolgenden Generationen von der befreienden Botschaft des Evangeliums zu erzählen", ermunterte der Kirchenrechtler.

Vor Ort personal präsente Kirche

Schüller berichtete von wissenschaftlichen Untersuchungen in den Bistümern Aachen und Limburg, wo Laien mit der Leitung von Pfarreien betraut sind (in Aachen ehrenamtlich, in Limburg hauptamtlich). Ein Ergebnis sei etwa, dass die Gemeindemitglieder dennoch Sehnsucht nach einem eigenen Pfarrer hätten und wo dies nicht möglich sei, nach einem verbindlich eingesetzten hauptamtlichen Seelsorger vor Ort. "Entgegen der Mobilitätsthese, die unsere moderne Gesellschaft auszeichnen soll und die die Lebensräume der Menschen ausgeweitet sieht, wünschen sich die Gläubigen vor Ort eine personal präsente Kirche, wenn sie Kirche in den bedrohten Situationen des Lebens brauchen."

Pfarrbeauftragte, die im Bistum Limburg viele Jahre tätig waren und noch zum Teil sind, müssen nach Darstellung Schüllers ein deutlich höheres Engagement aufweisen wie andere Pastoralreferenten. "Es ist ein Fulltimejob", erklärte der Uni-Professor. Eine "gute wie zugleich belastende Erfahrung" sei die Pflicht für die Pfarrbeauftragten, im Pfarrhaus, zumindest aber auf dem Gebiet der Pfarrei zu wohnen. "Wer diese Aufgabe wahrnimmt, muss wissen, dass Erwartungen hinsichtlich der Präsenz an ihn gestellt werden, wie die an einen klassischen Pfarrer."

Professor Thomas Schüller.

Professor Thomas Schüller

Meinungswandel bei Schüller

Die Pfarrbeauftragte bereiteten die Gläubigen auf den Empfang von Sakramente vor, sie seien erste Ansprechpartner in allen seelsorglichen Angelegenheiten sowie die Dienstvorgesetzten des kirchengemeindlichen Personals. Hoch sei die Berufszufriedenheit der als Pfarrbeauftragte eingesetzten Pastoralreferenten.

Schüller, der viele Jahre persönlicher Referent des früheren Limburger Bischofs Franz Kamphaus war, erklärte, anders als noch Mitte der 1990er-Jahre "würde ich heute nicht mehr in jedem Fall sagen, dass es sinnvoll ist, eine pfarrerlos bleibende Pfarrei zu erhalten und mit der Gemeindeleitung" durch Laien zu versorgen. Denn nicht alle Pfarreien, die heute noch existierten und rechtlich selbständig seien, seien wirklich lebensfähig.

Infrastruktur der Pfarreien vereinfachen

Gerade im städtischen Bereich könne man ohne größeren Schaden für die Gläubigen die Infrastruktur der Pfarreien vereinfachen und dazu gehöre auch der zu hohe Anteil an kirchengemeindlichen Gebäuden. Schüller sagte, dass in Gemeinden vor Ort kirchliches Leben in der Feier von Stundengebet und Andachten sowie im sozialen Engagement fortbestehen könne.

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Text: Norbert Göckener | Fotos: Michael Bönte, Norbert Göckener, Johannes Bernard
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