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23.05.2012
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Fachtagung

Zur Fachtagung mit dem Thema "Sexualisierte Gewalt" waren viele Mitarbeiter in der Jugendpastoral des Bistums gekommen.

Jugendpastoral-Fachtagung "Sexualisierte Gewalt"

"Unbefangenheit neu erarbeiten"

Bistum. "Das Thema liegt obenauf", erklärte der Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendseelsorge im Generalvikariat in Münster, Michael Seppendorf, die Hintergründe des Studientags zum Thema "Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche". Zum ersten Mal bot die Abteilung in Zusammenarbeit mit dem Diözesanverband der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und der Jugendburg in Gemen eine Veranstaltung dieser Art für hauptberufliche Mitarbeiter in der Jugendpastoral des Bistums Münster an. Die über 100 Teilnehmer am Dienstag (02.11.2010) in Borken-Gemen bestätigten das große Interesse an den Informationen zu Themen wie Prävention, Krisenintervention, Begleitung und Hilfen.

Auch wenn das Thema seit langem fester Bestandteil der unterschiedlichen Aus- und Fortbildungsangebote im Bereich der Jugendseelsorge sei, so gelte es durch die vielen Enthüllungen dieses Jahres noch einmal in besonderer Form für die Problematik zu sensibilisieren und bestehende Leitlinien zu präzisieren, so Seppendorf weiter. "Wir müssen den vielen Mitarbeitern etwas Verlässliches an die Hand geben, damit sie auch weiterhin die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen positiv gestalten können."

Denn die Unsicherheit ist groß. Das war auf der Veranstaltung deutlich herauszuhören. "Die Unbefangenheit ist dahin" war eine Essenz der vormittäglichen Referate, in denen unter anderem Begrifflichkeiten eingeordnet und wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Täter- und Opferarbeit diskutiert wurden. Denn eine grundlegende Frage, die sich vielen Teilnehmern bei der Gestaltung kirchlicher Kinder- und Jugendangebote stellte, war die nach den Möglichkeiten, trotz einer bewussten Vorsicht und Distanz die wichtige Beziehung zu den Heranwachsenden nicht zu verlieren.

Strukturen schaffen, Grenzen setzen

Das wurde auch in den nachmittäglichen Arbeitsgruppen deutlichen, in denen sich die Teilnehmer ganz konkreten Problemsituationen zuwenden konnten. Etwa in der Gruppe von Schwester Katharina Kluitmann, die Psychologin in der Begleitung für Menschen im Dienst der Kirche ist, zur Frage "Ist Einzelseelsorge noch möglich?". Gemeinsam mit Pastoralreferenten, Diakonen und Kaplänen erarbeitete sie obligatorische Strukturen für das seelsorgliche Gespräch. "Es geht um den Ort, die Zeit, die Wortwahl, Gestik und Mimik", erklärte sie. "Wichtig ist dabei, die Grenzen des Gegenübers wahrzunehmen, aber auch die eigenen."

Allein das Wissen über die vielen bewussten und unbewussten Mechanismen in einer Dialog-Situation könnten Sicherheit bringen, erklärte die Franziskanerin. Denn daraus könnten konkrete Muster entwickelten werden, die falsche Signale und missverständliche Handlungen verhindern könnten. Viele pastorale Mitarbeiter hätten derzeit gerade vor falsch gedeuteten Zuwendungen Angst. "Wenn wir uns diesen Ängsten stellen, müssen wir aber keine herzlose Pastoral machen", so Kluitmann. "Je klarer ich Grenzen ziehe, desto eher kann ich wieder Formen von Nähe zulassen."

Besonders der Bereich der Ferienfreizeiten war für viele Teilnehmer das zentrale Problemfeld. In einer Arbeitsgruppe befassten sich deshalb Ludger Kotthoff und Patrick Schoden vom Kinderschutzportal der Westfälischen Wilhelms-Universität mit der Frage, wie Angebote noch kinder- und jugendgerecht gestaltet werden könnten, ohne die wichtige Atmosphäre zerstören zu müssen. "Vieles wirkt verkrampft, viele bewährte Möglichkeiten des Miteinanders gehen nicht mehr", so ein Teilnehmer. "Was können wir im Vorfeld einer Freizeit tun, um nicht von vornherein im Generalverdacht zu stehen und in der Verteidigungsrolle zu sein?", fragte ein anderer.

"Hab-Acht-Stellung"

"Die Relevanz ist immer da", erklärte Schoden, das statistisch gesehen in jeder Ferienlager-Gruppe jemand zu finden sei, der bereits sexualisierte Gewalt erlebt habe. Deshalb sei die derzeitige "Hab-Acht-Stellung" in diesem Bereich eine gute Ausgangsposition, "all das zu prüfen, was wir seit Jahren wie selbstverständlich gemacht haben". Wenn durch die Auseinandersetzung eine gewisse Sicherheit im Umgang mit der Thematik entstehen würde, sei das weitaus besser als eine Unbefangenheit, die man durch Tabus oder Wegsehen erlebt habe. "Eine Unbefangenheit, die man sich erarbeitet hat, für die man die problematischen Situationen geklärt hat, ist dagegen weitaus haltbarer."

Auch Michael Seppendorf sah in der derzeitig "heftig spürbaren" öffentlichen Auseinandersetzung den Vorteil, dass "die Dinge in einer großen Breite zur Sprache kommen und nicht mehr nur in Fachkreisen intensiv diskutiert werden". Die Fachtagung, zu der Mitarbeiter der Jugendverbände, Messdienerarbeit, offenen Einrichtungen und Gemeinden im Bistum gekommen waren, sei dabei nur der Anfang. Eine zweite Veranstaltung, die sich speziell an die Ausbilder in der Jugendarbeitsschulung wende, werde folgen. "Wir müssen weiter an dem Thema dran bleiben, um allen Akteuren das Rüstzeug zu geben, die einzigartige Ausstrahlung kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit zu erhalten."

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterÜbersicht: Kindesmissbrauch
  2. Öffnet internen Link im aktuellen FensterBistumshandbuch: Kinder- und Jugendseelsorge

Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte
03.11.2010

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