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10.12.2018
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Gerhard Hirschfelder: ein geschätzter Gesprächspartner Jugendlicher.

Gerhard Hirschfelder: ein geschätzter Gesprächspartner Jugendlicher.

Neue Biographie von Gerhard Hirschfelder (2)

Pro Christus – kontra Hakenkreuz

Er musste als nichteheliches Kind manche Hürde zum Priesterberuf überwinden. Er konnte die Jugend in der schlesischen Grafschaft Glatz für Christus begeistern. Er stand gradlinig zu seiner Überzeugung. Er verlor sein Leben im Konzentrationslager Dachau als Preis für sein Glaubensbekenntnis. Bald selig gesprochen, kann Gerhard Hirschfelder ein Brückenbauer zwischen Deutschen, Polen und Tschechen sein.

Als junger Kaplan an seiner ersten Stelle in Grenzeck / Tscherbeney ist Gerhard Hirschfelder bald ein sehr beliebter und erfolgreicher Seelsorger, der vor allem schnell Kontakt zu Jugendlichen findet und deren Vertrauen gewinnt ...

Zu den Jugendlichen in der Grafschaft Glatz gehört auch Barbara Franke. Heute leitet sie ehrenamtlich die Grafschafter Stube in Telgte. Sie sammelt Erinnerungen ehemaliger Gemeindemitglieder ...

Ins Herz geschlossen

Robert Hantsch, ein früheres Mitglied der Gemeinde, schreibt am 12. November 1986 an Barbara Franke: "Ich habe Pater Hirschfelder persönlich gekannt. Er strahlte eine priesterliche Persönlichkeit aus. Seine tiefe Frömmigkeit, aber auch mitfühlende Menschlichkeit machte auf uns Kinder einen tiefen Eindruck. Wir hatten ihn in unser Herz geschlossen." ...

Seinen Charme, mit dem er gerade Jugendliche gewinnt, bewundern viele. Andere sehen in ihm einen gefährlichen Konkurrenten. Ein Jahr ist Gerhard Hirschfelder als Priester tätig, als die Nationalsozialisten die Regierung in Deutschland übernehmen. Die neuen Machthaber suchen mit ihrer Idee der Volksgemeinschaft vor allem die Jugendlichen und auch schon die Kinder zu beeinflussen und für sich zu gewinnen. So muss der bei Kindern und Jugendlichen beliebte Priester und Seelsorger den neuen Machthabern schon bald ein Dorn im Auge sein.

Gerhard Hirschfelder unternimmt nichts in direkter Konfrontation gegen die neuen Machthaber, aber er zieht die Jugendlichen an, und er gewinnt sie für eine andere Idee – für Christus. Zudem überschneiden sich manche seiner Veranstaltungen und Gruppenstunden zeitlich mit Terminen der nationalsozialistischen Jugendarbeit. Bereits das verstehen die Nationalsozialisten als Beeinträchtigung der Volksgemeinschaft ...

Wilhelm Hannusch, ein damaliges Mitglied der Gemeinde in Grenzeck, schreibt am 27. Juni 1985 an Barbara Franke: "Kaplan Hirschfelder war einige Jahre hindurch Präses der Grenzecker Kolpingsfamilie, und ich war sein 'Vize'. So manchen harmlosen Spaß haben wir uns beide oft erlaubt, und in einem Punkt waren wir beide stets gleich: kontra Hakenkreuz! Er verstand es meisterhaft, das Fromme und das Heitere in erbaulichem Wert zu bringen, dies hat ihn bei jung und alt so beliebt gemacht." ...

An der evangelischen Schule in Bad Kudowa ist damals der Lehrer Arno Rogowski tätig. Er ist Ortsgruppenleiter und strenger Nationalsozialist. Er glaubt, die unschädlich machen zu müssen, die sich der neuen Volksgemeinschaft verweigern, ihr entgegenstehen oder gar ihr entgegenwirken.

Beeindruckend ist der Bericht von dem damaligen Grenzecker Josef Franz. Er schreibt am 11. November 1987 an Barbara Franke: "Was ich jetzt schreibe und berichte, habe ich selbst erfahren. Ich bestätige, dass es der Wahrheit entspricht.

Der Kaplan (links)  mit Pfarrmitgliedern acht Tage vor der Verhaftung.

Kaplan Hirschfelder ... war ein gradliniger, aufrichtiger und mutiger Priester, der sein Amt würdig vertreten hat. Für viele war er sehr beliebt, aber er bekam durch seine mutigen und wahren Worte auch unangenehme Feinde. Es war seine Bewährung als Kämpfer für Gläubige und Kirche. Seine gutformulierten Predigten hatten so manchen nicht behagt, die gerne Worte nach ihrem NS-Ziel gehört hätten.

Hinweise, künftig bei seinen Predigten und Versammlungen mit scharfen Worten vorsichtig zu sein, hinderten Kaplan Hirschfelder nicht, seinen geraden Weg als Priester der Gemeinde zu gehen. Alsbald erhielt er Verwarnungen, seine Einstellung zu Gunsten des Nationalsozialismus zu ändern. Er aber zeigte keine Furcht.

Als Jugendliche Gerhard Hirschfelder warnen und um Vorsicht gerade in seinen Predigten bitten, antwortet er, wie die Zeitzeugin Martha Tautz, geb. Obst, berichtet: 'Kinder, ich kann nicht anders, wenn ich sehe, was sich gegen die Kirche und gegen die Menschenwürde tut, ich muss es von Herzen los werden.'"

Diese Schilderung besagt sehr eindringlich, dass Gerhard Hirschfelder nicht "gegen" sondern "für" etwas kämpft. Er kämpft für das, was sein Glaube ihn lehrt und ihm bedeutet und für die Menschen, die sich frei für Christus entscheiden, und das macht ihn zum gefährlichen Gegner der Nationalsozialisten.

Er fordert sein Recht ein

Wie unverblümt die Nazis gegen ihn vorgehen, zeigt eine Begebenheit Anfang März 1936: "Plötzlich und uneingeladen" kommt der Ortsgruppenleiter Arno Rogowski zu einer Jungmännerversammlung im Zimmer des Kaplans.

Dieses Erlebnis beschreibt Gerhard Hirschfelder in einem Brief vom 18. April 1936 an Generalvikar Franz Dittert: "An einer Jungmännerversammlung auf meinem Zimmer nahm im März einmal der hiesige Amtsvorsteher teil. Nach derselben forderte er von mir Angaben jeder Versammlung, ob Kolpingfamilie, Jungmännerverein, Kongregation, Dritter Orden, Frauenbund, Jungschar, Treuschar, Frohschar usw. und zwar Angabe bis zum 15. für jeden folgenden Monat."

Gerhard Hirschfelder lässt sich nicht einschüchtern. Er fordert sein Recht ein. Zum 15. März teilt er die eingeforderten Termine der Veranstaltungen nicht mit. Er wendet sich vielmehr zu diesem Termin schriftlich an den Amtsvorsteher und fordert, ihm "die Verfügung zukommen zu lassen, wonach er obiges verlangt" ...

Die Nachstellungen der Nazis führen Gerhard Hirschfelder in immer größere Bedrängnis. So berichtet er am 14. Oktober 1937 dem Generalvikar: "Am Montag, dem 11. Oktober, erschienen in meiner Wohnung der hiesige Wachtmeister und ein unbekannter Herr, wahrscheinlich ein Geheimpolizist, und fragte mich, ob ich irgendwelche Unterlagen vom Jungmännerverein habe ... Nun wurde meine Wohnung durchsucht. Dabei fand man 21 St. der Oktober-'Wacht', 30 St. 'Am Scheideweg' vom Okt. und eine Menge alter Nummern beider Zeitschriften, zwei alte Protokollbücher des JMV, einige alte DJK-, Jugendschar- und Christusnadeln, einige Koppelschlösser mit Christuszeichen, drei Mundharmonikas ...

Ständige Einschüchterung

Als man einen Koffer voll solcher Sachen zusammengepackt hatte, warf man mir – wie sehr oft in der Unterredung – Lüge vor, als ob ich all diese Sachen hätte verheimlichen wollen.

Als man die Kassen anderer Vereine: Borromäus-, Kindheit-Jesu-Verein in meinem Schreibtisch fand, sagte der Wachtmeister wörtlich: 'Es kommt mir vor, als ob Sie das Geld auf die einzelnen Kassen verteilt hätten.' Als ich mich energisch dagegen verwehrte, sagte man, sie glaubten mir überhaupt nichts mehr, ich hätte sie schon zu viel belogen und es sähe so aus, als ob ich recht viel auf die Seite geräumt hätte." ...

Die Nachstellungen der Nazis werden Schritt um Schritt erweitert und nehmen immer härtere Formen an. Sie dienen der Einschüchterung und sollen den Kaplan zermürben ...

Kanzel der Habelschwerdter Kirche: Der Ort seiner mutigen Predigten.

Vernehmung im Rathaus

In seiner siebenjährigen Tätigkeit als Kaplan in Tscherbeney / Grenzeck sammelt Gerhard Hirschfelder viele Erfahrungen insbesondere in der Jugendseelsorge. Im Februar 1939 übernimmt er seine neue Aufgabe als Kaplan in Habelschwerdt. Diese Stelle wird zugleich seine letzte sein.

Der gute Kontakt des Kaplans zu jungen Menschen ist für Generalvikar Franz Monse Anlass, ihn im Juli 1939, schon wenige Monate nach seiner Versetzung nach Habelschwerdt, zusätzlich zu seinen pfarrlichen Aufgaben zum Diözesanjugendseelsorger zu ernennen ...

Bald kommen neue Auseinandersetzungen auf ihn zu. So berichtet sein Pfarrer Adolf Langer: "Kaum war Kaplan Hirschfelder nach Habelschwerdt gekommen, setzte die Hetze der Partei gegen ihn ein. Am Gefallenensonntag hielt er den Gottesdienst in Neuweistritz. Einige aus dem Militärverein nahmen in ihrem Eifer für das Dritte Reich Anstoß an einer Äußerung in seiner Predigt. Es kam zur Anzeige, und er wurde durch die Gestapo zur Vernehmung in das Habelschwerdter Rathaus vorgeladen.

Die Gestapo-Beamten erklärten ihm, sie könnten ihm zwar nichts Strafbares nachweisen, aber ihre Geduld sei erschöpft; er solle sich das dicke Aktenbündel ansehen; das nächste Mal werde er abgeholt." ...

Sammeln von Beweisen

"Kaplan Hirschfelder", so  schreibt Adolf Langer später, "vermied sorgfältig jeden Anlass einer Handhabe gegen ihn, sodass sich die Gestapo zwei Jahre bei ihm nicht sehen ließ. Aber die Partei war ständig am Werk, um aus seinen Predigten oder Glaubensstunden Anklagematerial zu sammeln."

Dann erzählt Adolf Langer ein Beispiel: "In der Mädchen-Glaubensstunde in Altweistritz sprach Kaplan Hirschfelder über das Sakrament der Ehe. Er stellte den Mädchen die Aufgabe: Wie denke ich mir meinen Bräutigam? Er sollte natürlich auch katholisch sein. Gerade diese Forderung wurde bei der Parteiversammlung in Altweistritz der Gegenstand einer heftigen Debatte." ...

Immer heimtückischer gehen die Nazis vor. Sie provozieren ... So zerstören sie einen barocken Sandsteinbildstock aus dem 18. Jahrhundert auf der Wustungspromenade. Auf ihm ist die Krönung Mariens dargestellt. Passanten stellen fest, dass dem Christusbild auf dem Bildstock beide Augen ausgeschossen sind. Den Hochrelieffiguren sind die Köpfe abgeschlagen ...

Am Sonntag nach der Untat, am 27. Juli 1941, besteigt Gerhard Hirschfelder in der Eucharistiefeier die Kanzel zur Predigt. Er nimmt Bezug auf das Ereignis, das noch viele Gottesdienstbesucher bewegt und sagt unter anderem das Wort: "Wer der Jugend den Glauben an Christus aus dem Herzen reißt, ist ein Verbrecher." Er bezeichnet die von den Nationalsozialisten betriebene gezielte Entfremdung der Jugend von der Kirche als Verbrechen.

Predigten mitgeschrieben

Diese öffentliche Brandmarkung ruft den Zorn der Nationalsozialisten hervor und bringt die Gestapo auf den Plan. Denn in fast jedem Gottesdienst gehören Parteispitzel zu den aufmerksamen Zuhörern. Die Habelschwerdterin Elisabeth Prein geb. Nonnast bestätigt dies: "Wir konnten das vom Chor aus beobachten."

Und in der Tat, Spitzel unter den Zuhörern haben sich am 27. Juli 1941 Notizen gemacht und bringen diese wie immer sofort am Montagmorgen dem Landrat Richard Spreu. Dieser  bezieht den Inhalt der Predigt auf sich; denn er ist kurz zuvor aus der Kirche ausgetreten. Er unterschreibt umgehend einen Haftbefehl.

Buchhinweis:

Hugo Goeke:
"Gerhard Hirschfelder – Priester und Märtyrer"
200 Seiten, Festeinband
ISBN 978-3-941462-33-5
Dialogverlag Münster
14,80 Euro
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