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23.05.2012
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Christoph Hegge.

Der aus Rheine stammende neue Regionalbischof Christoph Hegge freut sich auf die vielen kommenden Begegnungen in der Region. Von sich selbst sagt er: "Ich möchte ein Mensch des Kontakts und der persönlichen Begegnungen sein."

Ein Brückenbauer im Dienst der Einheit

Interview mit dem ernannten Weihbischof Christoph Hegge

Region Borken-Steinfurt. Am Sonntag (29.08.2010) wird Domkapitular Christoph Hegge im St.-Paulus-Dom zu Münster zum Weihbischof geweiht. Als Regionalbischof wird er für die Kreisdekanate Borken und Steinfurt zuständig sein. Im Gespräch mit Kirche+Leben äußert sich Christoph Hegge über seine neuen Aufgaben, über die Herausforderungen der Kirche und über seine ersten Besuche in der Region.  

Kirche+Leben: Wie bereiten Sie sich auf Ihre neue Aufgabe als Regionalbischof für die Region Borken-Steinfurt vor?

Christoph Hegge: Die Tage vor meiner Bischofsweihe nutze ich zur persönlichen Besinnung und als Zeit des Gebets. In die Gebete schließe ich die Pfarreien ein, für die ich zuständig sein werde. Meine Exerzitien verbringe ich in der Benediktiner-Abtei Königsmünster in Meschede, einem Ort, den ich sehr schätze, auch weil ich mit Abt Dominicus Meier seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden bin. Während der Exerzitien stelle ich mir auch die Frage, wie ich als Weihbischof künftig Diener der Einheit in den vielfältigen Beziehungen zwischen den Pfarreien und katholischen Gruppierungen, den Seelsorgern und Seelsorgerinnen und der Bistumsleitung sein kann. In erster Linie soll mein Dienst vom Zuhören geprägt sein, vom Interesse daran, vertrauensvolle Beziehungen der Zusammenarbeit aufzubauen.

Kirche+Leben: Was verbinden Sie mit Ihrer Region?

Hegge: Zunächst das gute katholische Münsterland. Die Kreisdekanate Borken und Steinfurt bilden sozusagen das "katholische Hinterland" des westfälischen Teils des Bistums Münster. Zu der Region empfinde ich emotional eine große Nähe, weil ich aus Rheine stamme und meine Schulzeit in St. Arnold bei Neuenkirchen verbracht habe. Die Art des Katholischseins dieser Region hat mich geprägt. Als nun zuständiger Regionalbischof darf ich sagen: Ich komme nach Hause. In weiten Teilen gibt es in der Region Borken-Steinfurt noch eine familiäre Atmosphäre in den Pfarreien, die ich sehr schätze. Aber ich weiß auch um die Veränderungen und die Herausforderungen in der Gesellschaft, die in uns Christen eine geistliche Neubesinnung auf die missionarische Kraft unseres Glaubens- und Lebenszeugnisses wecken möchten.
 
Kirche+Leben: Welche Schwerpunkte und Impulse möchten Sie setzen?

Hegge: Ich möchte dazu beitragen, eine gute Atmosphäre des Vertrauens und der Zusammenarbeit zwischen den in der Seelsorge Tätigen zu schaffen. Mit den Hauptamtlichen möchte ich nach Wegen suchen, wie wir selber immer wieder unter uns und in den Pfarreien das Feuer der Liebe Christi neu entfachen können. All diejenigen, die in den Pfarreien, kirchlichen Räten, Gremien und Verbänden aktiv sind, möchte ich ermutigen und sie in ihrem Glauben bestärken.

Kirche+Leben: Wie bewerten Sie den Prozess der Neustrukturierung der Seelsorge in Ihrer Region?

Hegge: In Wirklichkeit ist es bisher keine Neustrukturierung der Seelsorge, sondern ein Umbau der territorialen und personellen Ordnung, die wir auch im Bistum Münster durchführen müssen. Die Zusammenlegungen und die Schaffung größerer pastoraler Räume sind eine Notwendigkeit, da die Zahlen der Priester und der Gottesdienstbesucher in den vergangenen Jahrzehnten stetig abnehmen. Wir sollten jedoch die Zusammenführung von Pfarreien nicht nur negativ sehen. Neue Strukturen können entlasten und helfen, Kräfte zu bündeln sowie neue Impulse und Schwerpunkte zu setzen. Vielleicht hilft uns die Zeit der Verunsicherung, genauer hinzuhören auf die Heilige Schrift und den Heiligen Geist, wie Christus heute seine Kirche erneuern möchte.  
 
Kirche+Leben: In einigen Städten, zum Beispiel in Vreden, Gescher, Ibbenbüren und in Ihrer Heimatstadt Rheine, wird lebhaft über die Umnutzung beziehungsweise Schließung von Gotteshäusern diskutiert. Wie können die Gespräche zwischen Bistumsleitung und Pfarrgemeinden dazu beitragen, dass aus der Verbitterung und Verärgerung vieler Kirchenbesucher Verständnis für die Schließung von Kirchen wachsen kann?

Hegge: In den schwierigen Gesprächen um eine Kirchenschließung müssen wir Wege einer guten Kommunikation finden und weit im Vorfeld mit allen Beteiligten intensive Gespräche führen. Nur dann kann eine gemeinsame Einsicht wachsen, welche Maßnahmen auch wirklich umgesetzt werden müssen. Falls in der Vergangenheit Entscheidungen zur Verbitterung geführt haben, muss man sich wieder an einen Tisch setzen jenseits der festgefahrenen Situation.

Was die Profanierung von Kirchen anbelangt, kann es sinnvolle Konzepte geben, wie die Kirchengebäude auch zukünftig angemessen genutzt werden können. Möglicherweise kann ein Gotteshaus als Kolumbarium, als Urnenbegräbnisstätte, dienen, oder aber mit Hilfe anderer Träger zu einem Altenbegegnungszentrum oder Jugendzentrum umgestaltet werden.

Kirche+Leben: In Ihren Ansprachen und Predigten sprechen Sie oft von den "geistlichen Aufbrüchen", die notwendig für die Kirche von Münster seien. Was ist mit "geistlichen Aufbrüchen" gemeint, und wie können diese gefördert werden?

Hegge: Die Kirche lebt aus den Gaben des Heiligen Geistes, im Kleinen wie im Großen. Die Ordensgemeinschaften und andere geistliche Gemeinschaften haben zum Beispiel ihre jeweilige Zeit geprägt und prägen sie noch heute. Die Suche nach geistlichen Aufbrüchen bedeutet immer wieder, die Gaben und Charismen, die jeder Getaufte empfangen hat, zu fördern und sie in den Dienst der Kirche zu stellen. Über die Geistesgaben und das Leben der Christen gibt der 1. Korintherbrief in den Kapiteln 12 und 13 eindrucksvoll Auskunft. Die Charismen der Gläubigen gehören zum Wesen der Kirche. Wir sollen sie für den Aufbau der Gemeinden nutzen, entsprechend dem Wort des hl. Paulus: "Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm" (1 Kor 12,27).  In diesem Zusammenhang können geistliche Aufbrüche den Pegelstand des Glaubens und der Glaubenssehnsucht anzeigen. Geistliche Aufbrüche sind nichts Abstraktes, sondern sie zeigen, wie der Glaube und die vom Geist Gottes bewegten Herzen der Christen das konkrete Leben prägen und ihm eine neue Gestalt in der lebendigen Glaubensgemeinschaft geben können. Deutlich wird dies gerade für junge Christen bei der Brüdergemeinschaft von Taizé oder in der Ordensgemeinschaft von Mutter Teresa, um nur diese beiden Beispiele zu nennen.

Kirche+Leben: Zu Ihren Aufgaben als Domkapitular gehörte unter anderem die Begleitung von Geistlichen Gemeinschaften. Welche Rolle können und sollen Geistliche Gemeinschaften in den Pfarreien einnehmen?

Hegge: Geistliche Gemeinschaften können einen lebendigen Baustein in der Kirche vor Ort bilden. Sie setzen in ihren Lebensvollzügen oft unterschiedliche Schwerpunkte: einige sind eher kontemplative, betende Gemeinschaften, andere betätigen sich karitativ, im Einsatz für die Armen, für Sterbende, oder setzen sich auf der Grundlage des gelebten Evangeliums für eine geeinte Welt ein. Eine Grundaussage verbindet die neuen Geistlichen Gemeinschaften: Die Erfahrung, dass der lebendige Gott sie ruft und dass sie mit ihrem ganzen Leben gesandt sind, Zeugnis für den Gott des Lebens und der Liebe zu geben. Auf diese Weise können sie in unseren Pfarrgemeinden einen wichtigen Dienst leisten und den Reichtum der Charismen und Gaben wach halten.

Kirche+Leben: In den Kreisdekanaten Borken und Steinfurt hat sich noch vielerorts eine volkskirchliche Tradition erhalten. In anderen Regionen, wie zum Beispiel in Großstädten und im Ruhrgebiet, empfinden sich Christen als Minderheit. Welche Vorzüge liegen in der traditionellen Volkskirche, und auf welche Veränderungen müssen sich die Christen in der "Zeit des Umbruchs" einstellen?

Hegge: Die Volkskirche hat viele Vorzüge: die Selbstverständlichkeit der kirchlichen Feiern und Traditionen, das Mitfeiern der Pfarrfeste, die noch selbstverständliche Teilnahme an den Sakramenten der Erstkommunion und Firmung, die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder taufen zu lassen, aber auch das Engagement in den Verbänden und in vielen Gemeindegruppen. Vielerorts hat die Kirche noch ein Gewicht in der Gesellschaft, sie prägt das Leben und Zusammenleben der Menschen. Gerade im Münsterland ist noch deutlich: Die Kirche erreicht viele Menschen. Dennoch dürfen wir nicht übersehen, wie vor allem jüngere Menschen herausgefordert sind, eine persönliche Glaubensentscheidung zu treffen. Neben den traditionellen Gewohnheiten kirchlichen Lebens sollten wir gemeinsam nach Wegen suchen, eine echte Begeisterung für Christus und seine Botschaft neu zu wecken. Immer wichtiger wird in unserer Gesellschaft ein Christsein aus Einsicht und Entscheidung werden. Das setzt voraus, dass wir alle uns je neu auf das Abenteuer des Glaubens und der Christus-Begegnung einlassen.

Kirche+Leben: Zu welchen Orten werden Sie als neuer Regionalbischof als erstes aufbrechen?

Hegge: Zunächst freue ich mich auf die Begegnungen in meiner Heimatgemeinde St. Elisabeth in Rheine, wo ich am 5. September mein erstes größeres Pontifikalamt feiern werde. Dort war ich viele Jahre Gruppenleiter der Messdiener, es bestehen bis heute viele familiäre und freundschaftliche Verbindungen.

Nicht vergessen habe ich den Tag meiner Priesterweihe 1988 in Rom, als 200 Gemeindemitglieder aus St. Elisabeth die Reise in die Ewige Stadt antraten, um mit mir den Tag zu begehen. Am 9. September 2010 werde ich die neue Kapelle im St.-Antonius-Hospital in Gronau segnen, am 12. September 2010 führt mich mein Weg in den Wallfahrtsort Herzfeld, wo ich zum Abschluss der Ida-Woche an der Großen Identracht teilnehmen werde. Einen besonderen Termin habe ich am Tag nach meiner Bischofsweihe: Mit der von mir 2003 mitgegründeten "Geistlichen Weggemeinschaft für Studierende" in Münster werde ich in der Kapelle der Studentengemeinde die Eucharistie feiern. Die Gemeinschaft ist inzwischen auf über 100 Studierende angewachsen. Ich freue mich auf alle diese Termine und natürlich auf die vielen Firmungen und Begegnungen, die mich in den Pfarrgemeinden der Region erwarten.

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