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23.05.2012
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Regens Andreas Tapken.

Regens Andreas Tapken.

Seelsorgertag zum Thema "Sexueller Missbrauch durch Geistliche"

Tapken: Erst am Beginn des Verstehens

Bistum. Den Missbrauchsskandal halten nicht wenige für die größte Krise der katholischen Kirche in Deutschland in der jüngsten Zeit. Rund 500 Seelsorgerinnen und Seelsorger beschäftigten sich auf Einladung von Bischof Felix Genn jetzt mit diesem Thema. Neben dem Zwischen bericht der Missbrauchskommission wurde vor allem ein Referat von Regens Andreas Tapken beachtet und mit viel Applaus bedacht.

"Der Prozess des Deutens und Verstehens steht erst ganz am Anfang." Dies stellte der Regens des Priesterseminars, Andreas Tapken, beim Informationstag zum Thema "Sexueller Missbrauch durch Kleriker" am 14. Juni 2010 heraus. Angesichts des Missbrauchsskandals gehe es derzeit "weniger um die richtigen Antworten als darum, die richtigen Fragen zu stellen".

Nach der Vorstellung des Berichts der Missbrauchskommission durch Pfarrer Hans Döink hatte Tapken bei dem Treffen der Seelsorgerinnen und Seelsorger die Aufgabe, erste Einschätzungen zu geben. Bevor er Leiter des Priesterseminars in Münster wurde, war Tapken Professor für Psychologie und Psychotherapie in Rom; er arbeitet auch selbst als Psychotherapeut. Im Namen der Bischofskonferenz nahm er jüngst in Berlin am Runden Tisch der Bundesregierung zum Sexuellen Missbrauch teil, an dem rund 60 Fachleute und Wissenschaftler sowie Vertreter unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen vertreten waren.

Menschen nah sein

Zunächst ging der Regens auf die Frage nach dem alltäglichen Verhalten in der Kinder- und Jugendarbeit ein. "Verhaltet euch ganz normal", riet er den rund 500 Seelsorgerinnen und Seelsorgern. "Wenn mein Gefühl, meine innere Haltung gegenüber einer Situation oder einem Kind in Ordnung ist, dann wird das auch von dem Kind und von allen anderen Anwesenden so wahrgenommen und erfahren. Dann spüren auch alle Anwesenden, dass hier alles in Ordnung ist." Seelsorger zu sein bedeute, Menschen nah zu sein und sich ihnen zuzuwenden.

Es gehört nach den Worten Tapkens allerdings zu den Regeln pastoraler Klugheit, missverständliche Situationen zu vermeiden. "Ich sollte mich normalerweise nicht bei geschlossenen Türen mit einem Kind allein in einem Raum aufhalten." In Ferienlagern solle ein Erwachsener nicht allein die Schlafräume der Kinder aufsuchen. Er regte in diesem Zusammenhang einen pastoralen Verhaltenskodex an. Zugleich stellte er aber auch heraus: "Wenn jemand hingegen spürt, dass der Umgang mit und die Nähe zu Kindern und Jugendlichen ihn sexuell erregt, muss er sich von ihnen fernhalten und sollte in aller Demut nicht seinen eigenen Kräften trauen, sondern professionelle Hilfe suchen."

Macht, Dominanz, Kontrolle und Suche nach Anerkennung

Der Regens meinte weiter, man komme nicht umhin, sich Gedanken zu machen über den kirchlichen Zusammenhang und die Ermöglichungsbedingungen für sexuellen Missbrauch  innerhalb des kirchlichen Systems. Untersuchungen über den sexuellen Missbrauch zeigten, dass hinsichtlich der psychischen Dynamik in vielen Fällen die sexuelle Komponente gar nicht die dominierende ist, sondern im Vordergrund die Frage von Macht, Dominanz, Kontrolle und narzisstischer Suche nach Anerkennung stehe.

Dass das auch unter Priestern ein ausgeprägtes Phänomen sein könne, solle eigentlich nicht verwundern. "Priester haben geistliche Macht, sie haben als Arbeitgeber Macht über Mitarbeiter, sie haben eine hervorgehobene liturgische Sichtbarkeit und immer noch ein Standesprestige, das zumindest vielerorts eine soziale Macht garantiert."

Thema Macht in ambivalenter Weise

Das Thema Macht ist nach Meinung von Regens Tapken ein zentrales Thema in der Kirche, und das in einer ambivalenten Weise: Auf der einen Seite habe Macht in der Kirche aufgrund ihrer ausgeprägt hierarchischen Struktur eine hohe Sichtbarkeit und nach außen wirksame Relevanz. Auf der anderen Seite gebe es wenig funktionierende Machtkontrolle und wenig professionelle Vorbereitung auf die Ausübung von Macht.

Es sei ein sozialpsychologisches Gesetz, dass es machtfreie Räume nicht gebe. "Umgang mit Macht in der Kirche – und damit Vermeidung von Machtmissbrauch – muss bedacht, organisiert und gelernt werden." Es bestehe die Gefahr, dass nicht wenige Priester wenig Leitungskompetenz und einen guten Umgang mit ihrer Macht nicht gelernt hätten. "Gerade wenn sie unter Druck geraten und wenig Anerkennung für ihr Tun erhalten – und das ist derzeit aufgrund der kirchlichen Gesamtwetterlage und der Strukturveränderungen, die sie in den Gemeinden vertreten müssen, der Fall – ist Gefahr im Verzug."

"Welche Mechanismen, welche Strukturen und Selbstverständlichkeiten haben es ermöglicht, dass bisher die Sorge um die Täter im Vordergrund stand?"

Priester nicht strukturell überfordern

Man unterscheide bei missbräuchlichen Tätern einen "fixierten" und einen "regressiven" Tätertyp. Fixiert sei, wer sich immer von Kindern oder Jugendlichen sexuell angezogen fühlt. Regressiv sei etwa der Vater, der wegen großem Stress bei der Arbeit, Frust mit dem Chef und weil er getrunken habe, seine Tochter sexuell missbrauche. Tapken folgerte: "Wir werden Acht geben müssen, dass wir als Kirche nicht Konstellationen schaffen, die Priester strukturell überfordern und regressives Verhalten fördern, zu dem auch sexueller Missbrauch gehören kann."

Zugleich benannte der Geistliche eine Chance: "Dass wir lernen, wie positive und notwendige Machtgestaltung im priesterlichen und im kirchlichen Dienst überhaupt aussieht" und sensibilisieren für missbräuchliche Formen von Machtausübung. "Die Chance könnte darin bestehen, dass wir klerikales Gehabe, Standesdenken und eine überholte Sozialform des Priesterseins überwinden und das priesterliche Amt wirklich als Dienst-Amt entdecken."

Mehr als 80 Prozent männliche Opfer

"Verstörend groß" nannte Tapken die Zahl der Priester, die in den vergangenen Jahrzehnten Minderjährige sexuell missbraucht hätten, auch wenn im kirchlichen Bereich Missbrauch wohl weniger häufig sei als anderswo. Der Kommissionsbericht zeige deutlich, dass die Zahl derer, die kleine, vorpubertäre Kinder missbraucht hätten, mit insgesamt vier Prozent aller Fälle sehr gering sei. Der weitaus größte Teil der Opfer seien Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren. Von diesen Opfern seien mehr als 80 Prozent männliche Jugendliche; die Täter seien mehrheitlich Priester mit einer homosexuellen Orientierung. Untersuchungen aus den USA hätten vergleichbare Prozentzahlen zutage gefördert.

"Während es in der Normalbevölkerung keinerlei kausalen Zusammenhang zwischen homosexueller Orientierung und sexuellem Missbrauch gibt, scheint hingegen hinsichtlich der Gruppe der missbrauchenden Priester eine gewisse Verbindung vorzuliegen", erläuterte Tapken. Mit dem Psychologen und Psychotherapeuten Wunibald Müller ist Tapken der Meinung, dass "der Anteil sexuell unreifer homosexueller Priester, die die notwendige Auseinandersetzung mit ihrer Sexualität und ihrer Homosexualität unterlassen und infolgedessen ihre Veranlagung nie wirklich angenommen haben, überdurchschnittlich hoch" ist.

Formen affektiver Unreife und nicht integrierter Sexualität

Tapken geht es nicht um Verurteilung homosexueller Priester: "Es gibt nicht wenige, die ihre sexuelle Orientierung gut integriert haben, gelungen zölibatär leben und wunderbare Seelsorger sind. Die Anzahl derer ist aber auch groß, die sexuell unreif geblieben sind."

Diese hätten, auch "aufgrund gesellschaftlicher Kriminalisierung oder Repression und auch aufgrund einer Priesterausbildung, die sich diesen Fragen nicht wirklich gestellt hat und Sexualität kaum zum Thema machte, ihre Sexualität nie wirklich akzeptiert, kennen gelernt, geschweige denn integriert und zölibatär zu gestalten gelernt". Die Statistik lenke den Blick stärker auf homosexuelle Priester; Formen affektiver Unreife und nicht integrierter Sexualität fänden sich aber genauso bei heterosexuellen Priestern.

Wie gelingt zölibatäres Leben?

Die Missbrauchsskandale werfen nach Meinung des Regens auch die Frage auf, wie die Priester mit ihrer Sexualität und ihrer zölibatären Lebensentscheidung umgehen, und ob und wie es gelinge, darüber zu sprechen. Zwar werde zu Recht darauf verwiesen, dass der Zölibat nicht die Ursache für den sexuellen Missbrauch darstelle.

Aber es müsse gefragt werden, ob alles dafür getan werde, dass zölibatäres Leben gelinge. "Denn dort, wo er nicht gelingt, und das ist nicht so selten, kann er die unterschiedlichsten problematischen Ausdrucksformen finden, von denen der sexuelle Missbrauch nur der eklatanteste ist." Der Zölibat mache nicht pädophil, nicht egoistisch oder zynisch. "Aber er ist geistlich und menschlich eine große Herausforderung. Wir müssen lernen, über diese Herausforderung ehrlicher zu sprechen. Wir brauchen mehr Mut, uns zu fragen, wie zölibatäres Leben wirklich gelingen kann."

Kommunikationsstrukturen und "männerbündisch-klerikale Dynamiken"

Tapken stellte überdies die Frage: "Welche Mechanismen, welche Strukturen und Selbstverständlichkeiten haben es ermöglicht, dass bisher die Sorge um die Täter im Vordergrund stand? Ähnliche Verhaltensmuster gibt es auch in anderen, nicht-kirchlichen Institutionen. Sie haben mit Scham, Sorge um das Ansehen, Selbstschutz und Verschwiegenheit in der Institution zu tun."

Eine Ursache könnte die in sich geschlossenen Kommunikationsstrukturen und "männerbündisch-klerikale Dynamiken" sein. "Es wird uns gelingen müssen, ohne den Wert echter Mitbrüderlichkeit aufs Spiel zu setzen, mehr Transparenz zu verwirklichen und für klare Kommunikationsstrukturen zu sorgen."

"Symptom einer viel tiefer liegenden Krise"

Die derzeitige Krise um den Missbrauchsskandal ist nach Meinung von Tapken "das Symptom einer viel tiefer liegenden Krise, die wir noch nicht einmal anfanghaft verstanden haben". Sie biete aber in sich die Chance zu echtem Neuanfang für die Kirche. "Keiner von uns – kein Papst, kein Bischof, kein Professor, keiner von uns hier – vermag zu sagen, was all das bedeutet und was jetzt zu tun ist."

Es gehe eben nicht nur um die Frage des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. "Wenn diese Krise irgendwie heilsam sein soll, dann müssen wir die zugrunde liegenden strukturellen Sünden und Systemschwächen verstehen, erheben und anpacken." Dies sei eine Herausforderung und setze persönliche Bereitschaft zur Umkehr und zum Neuanfang voraus.

"Einen Raum schaffen, in dem Gott gerne bei uns ist"

Tapken abschließend: "Miteinander können wir – wenn wir das wirklich wollen und bereit sind zu lernen, wie das geht – einen Raum schaffen (und nichts anderes ist Kirche), in dem Gott gerne bei uns ist, in dem wir verstehen, wie er unser Denken und Handeln ändern möchte, und welche neue Wirklichkeit er für uns schon bereit hält."

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Zum Herunterladen:

  1. Leitet Herunterladen der Datei einVortrag von Regens Tapken beim Seelsorgertag

Text: Norbert Göckener | Fotos: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
19.06.2010

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