
Großdechant Prälat Franz Jung.
Prälat Franz Jung seit 27 Jahren im Amt
Weltbürger mit dem Auftrag zur Versöhnung
Bistum. Es war nicht gerade ein freundlich gemeinter Akt, als die preußische Regierung im Jahr 1810, also vor genau 200 Jahren, den Titel des Großdechanten für die Grafschaft Glatz schuf. Denn sie wollte damit auch die Loslösung der Grafschaft vom Erzbistum Prag erreichen.
Zuvor war die Grafschaft politisch an Preußen gefallen, kirchlich jedoch beim Erzbistum Prag verblieben. Daran konnte letztlich aber auch die Schaffung eines Großdechanten nichts ändern. Man arrangierte sich, und Preußen verzichtete 1872 schließlich auf die selbstständige Ernennung des Großdechanten. So sind die Christen der Grafschaft Glatz heute noch dem Prager Erzbistum innerlich verbunden.
Seit einer kirchlichen Umstrukturierung der Grafschaft Glatz 1920 ist "Großdechant" nur noch ein Ehrentitel. Durch die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Großdechant "geistlicher Vater" der Glatzer Christen in aller Welt geworden. Der jeweilige "Visitator für die Priester und Gläubigen aus der Grafschaft Glatz" trägt diesen Titel. Bis 1998 war er auch Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz.
Seit 27 Jahren ist Prälat Franz Jung Visitator und der 14. Großdechant. Aber "ich bin ein auslaufendes Modell". Denn auch die Glatzer Christen bekommen die schweren Zeiten für die Kirche zu spüren. Und Franz Jung, so jung er innerlich geblieben ist, ist mit 74 Jahren nicht mehr der Jüngste. Agil ist er jedoch wie eh und je, immer unterwegs zu seinen Landsleuten in der ganzen Welt. Und "nebenbei" lebt und arbeitet er in der St.-Anna-Gemeinde in Münster-Mecklenbeck.
Die Glatzer zeichnet aus, dass sie zwei "Heimaten" haben und damit gut umgehen können. Die alte Heimat in der Grafschaft verbindet sie durch Herkunft, Erinnerung und Tradition zu einer "großen Glatzer Familie", sagt Jung. In der jeweiligen neuen Heimat haben sie einen festen Platz in der Gesellschaft gefunden, den sie verantwortungsvoll ausfüllen.
Da ist kein Raum für Revanchismus und Abkapselung, auch wenn viele noch immer das Leid bedrückt, das ihnen die Vertreibung gebracht hat. Dafür sind die Glatzer eigentlich auch viel zu fröhlich und offenherzig.
Das Credo ihres Großdechanten lautet immer wieder: "Wir haben den Auftrag, für Frieden und Versöhnung zu sorgen." Wichtig, auch im Hinblick auf die Versöhnung mit Polen und Tschechen, ist für Prälat Franz Jung der europäische Gedanke: "Wir sind Europäer, und wir wollen über den Tellerrand blicken."
Anlass zum Feiern
Jung selbst ist das beste Beispiel für diese Haltung: Er sucht den persönlichen Kontakt zu seinen Landsleuten und zu den polnischen und tschechischen Nachbarn. Er ist bescheiden im Auftreten und am liebsten gut gelaunt. Er meldet sich am Telefon gern mit "Jung, Deutschland", ist aber in ganz Europa und der Welt zuhause. Er arbeitet viel, aber er pflegt auch Geselligkeit. Da bietet das Jubiläum des Großdechanten-Titels nun einen willkommenen Anlass zum Feiern, zumal einige weitere Jahrestage ebenfalls zu begehen sind: etwa das 60-jährige Bestehen der Zeitschrift "Grafschafter Bote".
Die Glatzer haben deswegen zu einem Fest der Begegnung eingeladen, das am 1. Mai in Münster-Hiltrup gefeiert wird. Natürlich steht am Beginn eine Messfeier mit Glatzer Gesängen, für die es ein eigenes Glatzer Kirchenliederbuch gibt. Der Grafschafter Chor wird eine Messe von Ignaz Reimann singen, dessen Harmonik, wie sie vielen aus der berühmten Christkindlmesse bekannt ist, typisch für die Grafschaft ist. Die Festpredigt hält der emeritierte Erzbischof von Oppeln, Alfons Nossol.
Anschließend gibt es in der Hiltruper Stadthalle ein einfaches Mittagessen und ein traditionsreiches Festprogramm: unter anderem mit einem Vortrag über die Geschichte des Titels des Großdechanten. Sicher ist, dass es fröhlich zugehen wird.
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Text: Claudia Maria Korsmeier | Foto: Claudia Maria Korsmeier in Kirche+Leben
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