
Immer mehr Schwierigkeiten bei der Erziehung ihrer Kinder haben viele Mütter und Väter. Damit sie sich wieder gemeinsam auf den Weg machen können, suchen sie eine Erziehungsberatungsstelle auf.
Unsicherheiten im Umgang mit den Kindern nehmen zu
Eltern haben immer mehr Probleme mit der Erziehung
Bistum. Die Zahl der Beratungsfälle in den Erziehungsberatungsstellen des Bistums Münster steigt immer weiter an. Dafür gibt es unterschiedlichste Gründe. Insgesamt zeigen Eltern aber immer häufiger Erziehungsunsicherheiten.
"Es gibt eine große Unsicherheit von Müttern und Vätern in Bezug auf ihre Erziehungskompetenz. Das schlägt sich in den steigenden Zahlen nieder." Kurz und bündig zeichnet Irmgard Frieling, Leiterin der Abteilung Soziale Dienste und Familienhilfen beim münsterschen Diözesancaritasverband, die Hintergründe für die seit Jahren steigende Beratungs-Nachfrage in den Erziehungsberatungsstellen der Diözese Münster.
Schon 2008 zählten die Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Psychologen in den 26 Caritas-Beratungsstellen 824 Fälle mehr als 2007. "Für das vergangene Jahr erwarten wir noch einmal eine Steigerung", erläutert Aiga Wegmann-Sandkamp vom Referat Kinder-, Jugend- und Familienhilfe des Diözesancartiasverbands.
Die Expertinnen haben dabei mehrere Faktoren im Blick, die ihrer Meinung nach zu den steigenden Zahlen führen: Probleme in der Partnerschaft, Trennung und Scheidung der Eltern sowie Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen führten zu kritischen Situationen in Familien, mit denen diese nicht mehr allein zurecht kämen. Dabei sei allerdings zu beachten, dass die Mädchen und Jugend meist nur Symptomträger für innerfamiliäre Konflikte seien.
"Auch Armut, Verlust der Arbeit und Perspektivlosigkeit sind Gründe, die zu Problemen in der Familie führen können", erläutert Frieling. So beieinflusse die wirtschaftliche Lage die Situation von Mädchen und Jungen in Familien und führe zu Störungen, die aufgearbeitet werden müssten.
Gleichzeitig verweisen die Beraterinnen auf die Zunahme "allgemeiner Erziehungsverunsicherungen" von Eltern, die in den Beratungsgesprächen möglichst früh thematisiert werden müssten, um späteren Problemen vorzubeugen.
Werben für die Online-Beratung der Caritas: Irmgard Frieling (links) und Aiga Wegmann-Sandkamp. |
Es gibt junge Eltern, denen selbst der Wert und die Bedeutung von Beziehung fremd ist", erläutert Irmgard Frieling. Diese müssten erst lernen, wie wichtig Bindung und Beziehung für die Erziehungsfähigkeit seien, um diese Werte später an ihre Kinder weitergeben zu können. Mütter und Väter, die schon in ihren Ursprungsfamilien unter mangelnder Zuverlässigkeit, Bindungslosigkeit und geringem Selbstwertgefühl aufgewachsen seien, könnten bei einer Begleitung der Erziehungsberatungsstellen durch Elterntraining Eigenerlebtes ansprechen und neue Verhaltensmuster erlernen. In solchen Gruppen machten sie die Erfahrung, dass sie nicht allein seien.
Immer mehr Menschen wüchsen heute ohne ein Beziehungsgeflecht in ihrem Umfeld auf. "Ihnen sind bestimmte Werte und Verhaltensweisen fremd. Diese können sie durch den Kontakt zur Beratungsstelle erlernen", erläutert Frieling und verweist auf die vielfältigen Gruppenangebote, die Erziehungsberatungsstellen in der Diözese Münster vorhalten. Dort gehe es in den vergangenen Jahren vor allem um das Training sozialer Kompetenz, kommunikatives Verhalten und Anti-Agressionstraining.
Jugendliche, die zur Beratungsstelle kämen, würden vermehrt mit niedrigem Selbstwertgefühl kämpfen, hätten seelische Probleme oder Entwicklungsauffälligkeiten. "Sie leben mit Ängsten, Zwängen, zeigen verletzendes Verhalten oder zeigen suizidale Tendenzen", erläutert Wegmann-Sandkamp. Solchen Kindern und Jugendlichen könne mit dem therapeutischen Angebot der Beratungsstelle geholfen werden. "Oder die Familien können das gesamte Netz der Caritas-Dienste in Anspruch nehmen, wenn sie dies kennengelernt haben", weist Irmgard Frieling auf den Vorteil der verschiedensten kirchlichen Beratungsdienste hin, die mit anderen Diensten kooperieren.
Seit einigen Jahren bieten die Berater daher regelmäßige Sprechstunden in Kindertageseinrichtungen und Familienzentren an. In den dortigen Einrichtungen könnten sich Mütter und Väter frühzeitig ohne Schwellenangst an die Experten wenden, wenn sie Beratungsbedarf hätten. "Gleichzeitig können die Erzieherinnen den Kontakt zu möglichen Ratsuchenden herstellen", erläutert Frieling diese Form der Familienberatung.
Einen zusätzlichen Weg gehen die Caritas-NRW-Beratungsstellen seit fünf Jahren mit ihrem Online-Angebot: Dorthin kann man sich anonym in allen Fragen der Erziehung an die Beratungsstellen wenden und bekommt innerhalb von zwei Tagen Antwort von einem Berater aus seinem Postleitzahl-Kreis. "Dies gewährleistet, dass der Ratsuchende später zu seinem Berater Zugang findet, wenn er persönlich Kontakt aufnehmen will", erläutert Wegmann-Sandkamp. Die Pädagogin sieht in dem Online-Angebot des Verbands eine "sehr direkte Hilfe". Gerade jüngere Menschen kämen über den Computer sofort zu dem Thema, dass ihnen auf den Nägeln brenne. "So ist man unmittelbar bei den Problemen der Menschen und kann Hilfe leisten."
Beratung in Zahlen: Familiäre Konflikte
80.000 Mal nennen die 300.000 Klienten, die bundesweit im Jahr 2008 eine Erziehungsberatungsstelle besucht haben, "schulische und berufliche Probleme" als Grund für ihren Beratungsbedarf. Damit stehen solche Fragen an zweiter Stelle aller Problematiken, die Ratsuchende beschäftigen, die sich an eine Erziehungsberatungsstelle wenden. Mit 126.000 Nennungen stehen "Belastungen des jungen Menschen durch familiäre Konflikte" immer noch an der ersten Stelle. Damit sind Partnerkonflikte der Eltern, Trennung, Scheidung, Sorgerechtsstreitigkeiten und Eltern-Kind-Konflikte gemeint.
Auch die Statistik der Beratungsfälle für die Erziehungsberatungsstellen in der Diözese Münster weist nach, dass die Hauptschwerpunkte der Beratung in der direkten Erziehungsberatung, der Beratung bei Trennung und Scheidung und der allgemeinden Förderung von Erziehung in Familien liegen.
Prinzipiell steigt die Zahl der erfassten Beratungsfälle seit Jahren, zuletzt von 17.060 im Jahr 2007 auf 17.884 im Jahr 2008. Häufiger als in den vergangenen Jahren haben die Mitarbeiter auch mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst der Jugendämter zusammengearbeitet.
Das Alter der betreuten Kinder und Jugendlichen liegt in den vergangenen Jahren konstant zwischen sechs und 18 Jahren. Durch die Zusammenarbeit mit den Familienzentren ist ein leichter Zugang bei den jüngeren Kindern zu verzeichnen. 20 Prozent der Klienten in den Beratungsstellen der Diözese Münster stammen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist.
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Text: Norbert Ortmanns | Fotos: Norbert Ortmanns in
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