
Vor seinem Hofkreuz dachte Heinrich Austermann über die täglichen Schrifttexte nach. In der Hand hält er das Begleitbuch der Exerzitien im Alltag.
Heinrich Austermann nahm an Exerzitien im Alltag teil
Zwischen Epheserbrief und Schweinemast
Wadersloh. Ein Korpus fehlt an dem wuchtigen, drei Meter hohen Holzkreuz. Mit Absicht. "Jesus hängt doch nicht mehr am Kreuz", sagt Heinrich Austermann. "Der Tod ist besiegt." So betrachtet hatte der 67-Jährige das österliche Ziel immer vor Augen, als er in der Fastenzeit in Wadersloh im Kreisdekanat Warendorf an Exerzitien im Alltag teilnahm.
Vor dem Kreuz kommt Austermann jeden Morgen und Abend zur Ruhe. Vor dem Frühstück – also gegen sechs Uhr – las der Landwirt zunächst die täglichen Exerzitientexte. Dann trat er vor die Tür des Bauernhofs, der zwischen Diestedde und Wadersloh liegt, vor das Kreuz, und nahm sich Zeit. Zeit zum Stillwerden, Zeit zum Hören auf Gott, Zeit zum Beten. Eins auf jeden Fall: "Zeit für mich", sagt Austermann.
Ruhe vor dem Kreuz und am Bach
Manches Mal habe er vor dem Kreuz weiter über die Texte des Tages nachgedacht, erzählt er. Die Texte des Exerzitienbuchs "Zur Hoffnung bestimmt" stammten aus dem Epheserbrief des Paulus, von der Kirchenlehrerin Theresa von Avila und vom mittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckhart. Neben Lesung und Gebet machten Entspannungs- und Stilleübungen die Exerzitien im Alltag aus.
Nach der Zeit vor dem Hofkreuz ging Austermann an die Arbeit: 1.500 Mastschweine sind zu versorgen, auf den Äckern wachsen Gerste, Mais, Raps und Weizen. "Die Texte haben mich begleitet, beim Füttern, auf dem Trecker, auf dem Feld", erzählt er. Um Gedanken zu ordnen, nahm er sich auch tagsüber kleine Auszeiten – meist am Bach auf seinem Grundstück. "Der rauscht so stark, dann höre ich nichts anderes mehr. Dann können mich alle mal gern haben." Das Wasser half ihm, zu sich und zur Ruhe zu finden: "Wasser ist Leben", beschreibt er. Genauer: "Wasser ist wie das Leben. Es läuft, es bewegt sich, da kann ich alles hineinlegen."
Abends vor dem Kreuz habe er den Tag "noch einmal an mir vorbeilaufen" lassen, erzählt der Wadersloher. Er habe versucht, "leer" zu werden, in die Stille und in sich hinein zu hören. Viele Worte brauchte die Rückschau nicht: "Gott liebt dich, auch wenn du nichts sagst."
Heinrich Austermann. |
"Jeder kann sich
selbst die Zeit nehmen"
Eigentlich hatte der Witwer einige Tage in einem Exerzitienhaus "aussteigen" wollen. "Nachdem ich den Hof an meinen Sohn übergeben hatte, hätte ich zum ersten Mal Zeit gehabt." Es kam anders: In Wadersloh kam 2009 ein knappes Dutzend Christen zu Exerzitien im Alltag zusammen. Damals war Austermann schon dabei, nun ist es bei der alltäglichen Form geblieben. Inzwischen schätzt er sie: "Jeder kann sich selbst die Zeit nehmen, wann es am besten passt."
2010 wuchs die Zahl der Teilnehmer auf 40 an, je zur Hälfte aus St. Margareta Wadersloh und aus Ss. Cosmas und Damianus Wadersloh-Liesborn. Die Abende in der Gruppe fanden in beiden Orten im Wechsel statt. "Es war die erste große Aktion, die die Gemeinden zusammen gemacht haben", sagt Ralph Forthaus, Pfarrer in Wadersloh, seit Februar auch Pfarrverwalter in Liesborn. "Das hat Brücken gebaut zwischen den Gemeinden", findet Austermann und hofft, dass der Erfolg sich herumspricht: "Das wird Kreise ziehen."
Gemeinschaft als Inspiration
"Mich inspiriert die Gemeinschaft", erinnert sich der 67-Jährige an die Treffen der Teilnehmer. Sie hätten von ihren Erfahrungen berichtet, davon, dass sie anders in die Tage gehen. "Ich bin froh, dass ich Christ sein darf", sagt der Landwirt. "Ich finde, wir sollten auch nach außen stärker zeigen, dass wir Christen sind."
Der letzte gemeinsame Abend der Exerzitien begann mit einer Andacht mit Psalmengesang, Gebet und Lesung. Danach fand ein Fastenessen statt. Eine Frau hatte Fladenbrot gebacken und das Rezept verteilt: "Wir haben es zu unserem Exerzitienbrot ernannt", lacht Austermann.
Heinrich Austermann will es wieder tun: "Die Fastenzeit ist ideal für Exerzitien im Alltag", sagt er. Anders etwa als der Advent: "Da hat eh keiner Zeit." Auch als Vorbereitung auf das größte Fest der Christen schätzt der 67-Jährige die Alltags-Auszeit. "Die Teilnehmer werden anders Ostern feiern", ist er überzeugt. "Da strömt eine ganz neue Kraft heraus."
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Text: Jens Joest | Fotos: Jens Joest
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