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23.05.2012
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Richard Schulte Staade

Licht und Befreiung: Richard Schulte Staade sieht im Sakrament der Buße ein unschätzbares Ostergeschenk Gottes.

Domkapitular Richard Schulte Staade über die Kraft des Bußsakraments

Gottes eigentliches Ostergeschenk

Wesel. Er nennt es das "wahre Wunder von Kevelaer". Wenn sich der ehemalige Wallfahrtsleiter, Domkapitular Richard Schulte-Staade, an seine über 30 Jahre in dem niederrheinischen Marienwallfahrtsort erinnert, finden seine Gedanken immer wieder zum Sakrament der Buße zurück. "Wir konnten jeden Tag das Gefühl haben, glücklich zu sein, dass wir Priester sind, wenn die Menschen, die zuvor mit Tränen zum Beichtgespräch kamen, glücklich strahlend von uns gingen." Bis zu 40.000 Mal geschah das im Jahr. Und die Zahlen sind bis heute stabil geblieben.

Schulte Staade kann von vielen dieser "kleinen und großen Wunder" berichten. Einige aber sind ihm besonders in Erinnerung geblieben. Es war ganz zu Anfang seiner Zeit in Kevelaer, als ein junger Mann ihm im Beichtgespräch gestand, dass er die Absicht habe, aus dem Netzwerk der RAF auszusteigen. "So etwas bekommt man nicht allein hin, da muss es Halt von außen geben", weiß der Domkapitular. Der junge Mann schien diesen Halt in dem Gespräch gefunden zu haben, denn einige Wochen später lag seine Pistole auf dem Altar der Gnadenkapelle.

Es sei die Kraft der "unglaublichen Befreiung", die der Beichte eine so große Wucht geben könne, sagt Schulte Staade. Er habe deshalb damals viel Wert darauf gelegt, dass die Beichtzimmer helle und ansprechende Räume waren. "Beichte muss etwas Befreiendes sein, nichts Bedrückendes." Denn er habe in diesem Sakrament immer eine sinnliche, beglückende Erfahrung gesehen. "Der Umgang mit den eigenen Erlebnissen und Gefühlen darf nicht verkopft geschehen, der Mensch muss die positive Veränderung geistig und körperlich spüren." Das Knien im Anschluss an die Absolution sehe er dabei durchaus auch als Chance, dem Erlebten ein zusätzliches Gefühl zu geben. "Der Leib muss an der Heilung teilnehmen."

Versicherung der Heilung

Wie kommt es zu dieser Veränderung? "Voraussetzung ist die Bereitschaft, mich als Mensch richten zu lassen", so Schulte Staade. Was abschreckend klinge, sei aber von Vornherein eine Versicherung der Heilung: "Weil ich mich selbst anklage, werde ich in allen Dingen, die ich anspreche, freigesprochen." Der Mensch könne zum Nullpunkt zurückkehren und von dort aus neu starten. Diese Versicherung sei das eigentliche Ostergeschenk, das Gott den Menschen gemacht habe: "Es ist die Auferstehung des Herzens." Die Zusage, dass niemand dauerhaft disqualifiziert bleibe, gelte dabei uneingeschränkt. "Deshalb ist der wartende Priester im Beichtstuhl für mich das deutlichste Zeichen für die Barmherzigkeit Gottes."

Die Situation in Kevelaer biete dafür besondere Möglichkeiten. "Die Menschen kommen vorbereitet, weil sie sich auf den Weg gemacht haben." Allein das sei schon eine wichtige, weil sinnliche Erfahrung, die Zeit und Raum für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben gebe. Die Pilger, für die die Beichte in den meisten Fällen fester Bestandteil ihrer Wallfahrt sei, kämen an einen Ort, an dem das Beichten nie aufgehört habe. "Der Beichtstuhl war hier nie Möbelstück, sondern immer ein gefüllter Ort." Auch die Gelegenheit, mit einem unbekannten Beichtvater zu sprechen, sei ein nicht zu unterschätzender Vorteil für viele.

Schulte Staade weiß aber auch, dass insgesamt immer weniger Menschen die Chance dieser Heilung wahrnehmen würden. Ein Widerspruch für ihn: "Denn der Druck auf die Menschen durch die Anforderungen in der Gesellschaft, und damit die Sehnsucht nach Befreiung, wird immer größer." Ihm komme es manchmal so vor, dass die Menschen neben der erfrischenden Quelle liegen und verdursten würden, weil ihnen die Grundlage des christlichen Lebens, das "Handwerkszeug" verloren gegangen sei. "Gottes Reich ist immer noch nah, aber viele haben verlernt, zuzugreifen."

Kein Ersatz

Er selbst habe den Rückgang der Beichtbereitschaft in seiner Kaplanszeit massiv erlebt, in der er vor den Hochfesten manchmal bis zu 40 Stunden in der Woche im Beichtstuhl verbracht habe. "Wir mussten die Kirchentüren abschließen, um zum Mittagessen gehen zu können." Nach dem Konzil seien aber nach und nach immer mehr die Bußandachten in Mode gekommen. "Eigentlich eine gute Sache, weil sie weiter für das Thema sensibilisierten", so Schulte Staade. "Aber kein Ersatz für das eigentliche Sakrament der Buße."

Dabei sei die Beichte wie eine wundersame Therapie für den Umgang mit den eigenen Problemen und Unzulänglichkeiten zu sehen. "Sie ist so wirksam, weil ich mich ihr freiwillig unterziehe." Indem ich die innere Bereitschaft finde, meine Sicht über die eigenen Fehler vorzutragen, geschehe eine Reflexion, zu der der Mensch im heutigen Alltag kaum noch fähig sei. "Ich halte mir vor Augen, was in meinem Leben schief läuft, wo ich anfällig bin." Geschehe dies in einer Regelmäßigkeit, könne ich meine Schwachpunkte immer deutliche wahrnehmen und an ihnen arbeiten. "Menschen, die ihr eigenes Versagen kennen, daran arbeiten und ihren Frieden damit schließen können, sind häufig auch ganz ruhig und verständnisvoll im Umgang mit den Schwächen der anderen."

Diese Auseinandersetzung aber müsse sein, um auch wirklich den Effekt der Beichte spüren zu können. "Die Befreiung gibt es ja nicht zum kleinen Preis." Wer die Beichte so sehe, dass man alle Verfehlungen eben schnell im Gespräch abladen könne, für den werde das Sakrament zu einem "Sonderangebot, das ich links liegen lasse wie alle anderen Sonderangebote auch". Des "vorauseilenden Wohlwollens Gottes" könne man sich hingegen sicher sein, wenn man sich selbst auf den Weg mache und sich vorbereite.

Mehr als Therapie

Ein solcher Weg unterscheide sich in einem entscheidenden Punkt vom Weg zum Psychologen, der heute fälschlicherweise häufig als Ersatz angesehen werde. "Beim Therapeuten verlasse man seinen Standpunkt nicht, sondern frage nur danach, was man wirklich möchte, was man wirklich will." Die Entscheidung bleibe bei einem selbst. "In der Beichte hingegen bekomme ich eine andere Position von außen genannt, mit der ich mich auseinandersetzen und meine Position verändern muss."

Dann erst stehe dem Vergessen der eigenen Fehler und dem Weg in ein ausgeglichene Auseinandersetzung damit nichts mehr im Wege. "Ich kann vergessen, weil Gott vergisst." Ein Gefühl, dass in den Augen von Schulte Staat eben ein Wunder ist, das er auch selbst immer noch mit großer Intensität suche. "Wenn ich als Beichtender komme, bin ich kein Beichtvater, kein Routinier, sondern immer noch ein Hilfe-Suchender." Er fährt regelmäßig zu seinem Beichtvater nach Münster. "Ein Weg, der für mich Vorbereitung und innerliche Auseinandersetzung ist." Und ein Weg, von dem er mit einem Lächeln zurückkehren kann, auch wenn er ihn mit Tränen angetreten hat.

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