
Gudrun Schramm-Arntzen.
Wie Ex-Polizistin Schramm-Arntzen pädophile Priester überführt
"Bislang hat noch jeder gestanden…"
Bistum. Das kirchliche Leben ist zurzeit aufgewühlt und nur noch von einem Schlagwort bestimmt: Missbrauch! Die Atmosphäre ist geprägt von Wut, aber auch Angst und Unsicherheit. Es gibt Tendenzen zur Verdrängung: "Das darf doch wohl nicht wahr sein!" Und es gibt eine ungeheure Aufgeregtheit wegen "der Medien", die überall "rumschnüffeln" und für "die Kirche" nur negative Nachrichten übrig hat.
Da ist es gut, dass es Menschen wie Gudrun Schramm-Arntzen gibt. Die ehemalige Kriminalhauptkommissarin ist Mitglied der münsterschen Bistumskommission für "Fälle des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst". Durch ihre Erfahrung und ihre Persönlichkeit verleiht sie den Ermittlungen Autorität. Evangelisch getauft, ist sie inzwischen mit der katholischen Kirche so vertraut, dass sie im Freundeskreis als Konfession "kathogelisch" angibt.
Wieder einen Vollzeit-Job
Mehr als 30 Jahre war Schramm-Arntzen im Polizeidienst. Und sie kennt sich aus in Sachen Missbrauch, denn sie war in Münster Chefin der "Sitte" – des Dezernates, das Sexualdelikte bearbeitet. Bis zu 25 Mitarbeiter gehörten zu ihrem Team. Inzwischen ist sie pensioniert, mittlerweile hat der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche dazu geführt, dass sie wieder einen Vollzeit-Job hat.
Ihre Kenntnis, das Wissen aus jahrzehntelanger Tätigkeit, ihre Ermittlungsmethoden helfen der Kirche von Münster, schwindendes Vertrauen zurück zu gewinnen. Dies tut sie in einer großen Ruhe und mit einer enormen Sicherheit: Dieser Frau macht so schnell keiner etwas vor. Und ohne die Spur von Eitelkeit sagt sie: "Ich habe bislang jeden Beschuldigten zum Geständnis gebracht."
Wegen der Fülle der derzeit publik werdenden Fälle hat die Missbrauchskommission eine Aufgabenteilung vorgenommen. Einige kümmern sich um die Opfer, reden mit ihnen, übermitteln die Scham und das Entsetzen der Kirche über die Taten, vermitteln Hilfe, Beratung und Therapie. Denn "Opferschutz geht vor Täterschutz" lautet das Credo von Pfarrer Hans Döink, dem Leiter der Missbrauchskommission.
Ein Bild über Opfer und Täter
Der Part von Schramm-Arntzen ist ein anderer: Sie kümmert sich um die Täter. Sie zu überführen, ist sie geübt. Sie recherchiert zunächst, sammelt Puzzleteile des möglichen Vergehens und setzt diese zusammen. Sie macht sich ein Bild über Opfer und Täter. Wenn sie überzeugt ist, dass jemand ein Kind missbraucht hat, dann tritt sie dem Täter gegenüber.
Der Weg dahin führt durch Abgründe menschlichen Fehlverhaltens. Und sie nimmt dann ihr Gegenüber mit auf diesen Weg. Sie betreibt Aufklärung im besten Sinne. Den meisten gehen die Augen auf, und sie offenbaren sich schließlich. Viele können zum ersten Mal zu dem Schrecklichen stehen, dass sie getan haben. Sie spüren: Ich bin Täter.
Klassischer Weg eines pädophilen Straftäters
Es ist erschütternd, wenn Schramm-Arntzen den klassischen Weg eines pädophilen Straftäters aufzeigt: "Die Täter sind schon in der Pubertät durch ihre sexuelle Neigung zu Kindern geprägt", erläutert die Ex-Polizistin. Meist sind diese Personen durch ein mangelndes Selbstwertgefühl geprägt und orientieren sich nach Jüngeren. "Sie kommen nicht aus ihrem kindlichen Denken heraus", sagt Schramm-Arntzen.
Die Berufswahl richten sie gezielt danach aus; sie schauen, wo sie es mit Minderjährigen zu tun bekommen. "Pädophilie hat nichts mit dem Zölibat zu tun; das ist Quatsch. Aber diese Männer suchen den vermeintlichen Schutzraum, den diese ehelose Lebensform zu bieten scheint." Selbst wenn Sexualität in der Ausbildung der Priester tabuisiert würde, könnte dies eines nicht verhindern: "Sexualität ist eine starke Triebfeder des Menschen."
Sexuelle Phantasien
Dies zu unterdrücken, gelingt nur bedingt: "Es steigen sexuelle Phantasien auf – und die kreisen bei Pädophilen eben um Kinder." Potenzielle Täter reichern sie an, indem sie sich kinderpornografische Abbildungen anschauen. Doch dies alles führt nicht zur Reduzierung der sexuellen Bedürfnisse, sondern steigert sie nur noch. "Irgendwo muss sich das Ventil öffnen." So suchen sich Täter mögliche Opfer.
Sie finden die Opfer bei ausgegrenzten Kindern, die von anderen gehänselt werden. Manchmal haben diese Kinder selbst emotionale Defizite. Langsam nähert sich der Täter den Opfern und versucht gezielt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Die potenziellen Opfer empfinden Wärme, sie sehen ihre Wünsche erfüllt. Sie gehen die ersten Schritte auf diesem Weg gern mit. Sie freuen sich, einen Freund gefunden zu haben. –Noch ist nichts passiert.
Verhängnisvolle Fehldeutung
Dann aber "testet" der Täter sein Opfer. Es kommt zu ersten Berührungen. Das Kind kann das nicht einordnen. Der Pädophile aber sieht das Kind nicht als Kind, sondern als Partner. Ein Partner, der sich berühren lässt und sich nicht wehrt. Für ihn das eine verhängnisvolle Fehldeutung: Das Kind will es auch. Nicht selten besucht der Täter das Kind auch im Elternhaus und versucht für sich seine Rechtfertigung weiter auszubauen. Auch vor den Eltern kommt es zu Berührungen wie etwa Umarmungen, die nicht zwangsläufig unsittlich sein müssen.
Doch irgendwann widerstrebt dem Kind das, was der Mann tut. Es will die Berührungen nicht. Doch der Täter wiegelt ab: "Das ist ganz normal. Wir sind befreundet." Dann geht er weiter, zeigt ihm sein Geschlecht, ist beim Duschen dabei.
"Was habe ich Böses getan?"
Das Kind leidet immer mehr und gerät in einen inneren Konflikt: "Mein Freund tut Sachen, die ich nicht will." Doch es sucht die Schuld bei sich: "Was habe ich Böses getan, dass er so etwas Böses mit mir macht?!" Das Kind will sich dem entziehen.
Die Umgebung und das Elternhaus reagieren nicht selten mit Unverständnis auf die Vorbehalte des Kindes: "Warum? Ihr ward doch so gut befreundet." Das Kind igelt sich ein. Der Täter verstärkt dessen schlechtes Gewissen: "Keiner wird dir glauben, wenn du etwas erzählst." Ein Trauma: Die Kinder fühlen sich schuldig und leiden; ihnen fehlt es an Selbstwertgefühl. "Hinzu kommt, dass die Täter meist sehr angesehen sind", verdeutlicht Schramm-Arntzen. Umso schwerer sei es für die Opfer, sich aus diesem Trauma zu befreien.
In die Täter eindringen
So oder so ähnlich führt Schramm-Arntzen besonnen und gelassen die Täter bei Vernehmungen in deren Psychogramm ein. Priester spalteten diesen Teil ihres Tuns oftmals sehr konsequent ab, weil sie der Auffassung seien, dass sie (sonst) alles für Gott täten. Dieser Verdrängung stellt sich Schramm-Arntzen entgegen: "Ich möchte in die Täter eindringen." Sie versucht, dass Täter ein Gefühl für ihre Opfer bekommen und die Taten aus deren Sicht zu sehen. "Mir geht es darum, dass sie Verantwortung übernehmen für sich und ihre Taten." Die Zielsetzung geht noch weiter: "Ich möchte, dass die Täter bereit sind zur Therapie." Zwar lasse sich die sexuelle Neigung zu Kindern nicht abstellen, aber im günstigen Fall beherrschen.
Die Grundfrage lautet für Schramm-Arntzen: "Wie geht der Täter mit seinen sexuellen Bedürfnissen um." Den Tätern sagt sie es direkt ins Gesicht: "Sie haben Phantasien und haben versucht, sich diesen zu entziehen – aber das ist Ihnen nicht geglückt." Die meisten öffneten sich; ein Anfang ist gemacht. Ohnehin seien pädophile Priester eher als andere Täter bereit, sich zu offenbaren und Verantwortung zu übernehmen. Auch gebe es nicht die Form der Gewalt, wie sie es bei anderen pädophilen Straftätern erlebt habe, sagt Schramm-Arntzen.
Große Einsamkeit
Die Kommissarin kennt die Situation der Opfer und plädiert deshalb ganz vehement dafür, ihnen zuerst alle Hilfen zukommen zu lassen. Und doch gerät auch im Täter der Mensch für sie nicht außer Acht: "Diese Menschen sind oft von einer ganz großen Einsamkeit geprägt, und sie haben kein Gegenüber, dem sie ihre dunklen Geheimnisse und Vorlieben offenbaren können." Schramm-Arntzen kritisiert offen den Umgang mancher Priester untereinander: "Sie predigen Nächstenliebe, haben aber untereinander eine oftmals total verkrampfte Atmosphäre."
Die gegenwärtige Missbrauchsdebatte über die katholische Kirche ärgert die langjährige Polizistin dennoch: Mehr als 80 Prozent von Kindesmissbrauch finde im familiären Umfeld statt. In Kindergärten und Schulen komme es ebenfalls zu diesen Taten. Die derzeitige Medienberichterstattung nennt Schramm-Arntzen eine "selektive Empörung" und findet sie deshalb "scheinheilig", weil sie "nur einen ganz kleinen Ausschnitt dieses Problems in den Fokus nimmt".
"Es wird nichts vertuscht"
Seit Mitte Januar, seit dem die Missbrauchsdiskussion hoch gekocht ist, hat die Missbrauchskommission 13 Fälle abgearbeitet. In achten Fällen kümmert man sich derzeit noch um Opferschutz. In sieben Fällen befasst sich die Ex-Kripo-Beamtin mit den Tätern – alles Fälle aus der Vergangenheit und in der Regel verjährt. Meist leben die Täter nicht mehr. Dennoch wird die Polizei über alle ermittelten Taten informiert, wie Schramm-Arntzen sagt. "Es wird nichts vertuscht oder verheimlicht."
Dass es auch bundesweit nur wenig aktuelle Fälle von Missbrauch gibt, führt Schramm-Arntzen auf die heutige Kindererziehung zurück: "Kinder lernen heute Nein zu sagen – das ist das beste Stopp-Signal für potenzielle Täter."
"Täter sollen sich stellen"
Dennoch hat sie einen dringenden Appell an Täter, die noch nicht überführt wurden: "Pädophile Priester und andere kirchliche Mitarbeiter sollten sich jetzt offenbaren. Wenn sich später Opfer melden oder es Hinweise auf Straftaten gibt, dann haben die Täter ganz schlechte Karten." Auch Opfer sollten den Mut finden, sich der Kommission anzuvertrauen. Eben diese Vertraulichkeit sei gewährleistet, verspricht Schramm-Arntzen.
Da es keine gesetzlich vorgeschriebene Anzeigepflicht gebe, werde die Staatsanwaltschaft nur dann eingeschaltet, wenn die Opfer dies wollten, denn sollte es zu einer Gerichtsverhandlung kommen, müssten sie aussagen. "Für uns ist der Wille der Opfer maßgeblich", betont Schramm-Arntzen. "Wir müssen auch akzeptieren, wenn Opfer nicht aussagen möchten, weil sie durch eine Aussage vor Gericht alles noch einmal durchleben müssten."
Schuld wird es immer geben…
Nüchtern wie sie die Ermittlungen führt, zieht Schramm-Arntzen ein Resümee, das aus jahrelanger Beschäftigung mit den dunklen Seiten menschlichen Lebens gewachsen ist: "Schuld wird es immer im Leben von Menschen geben."
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Übersicht: Kindesmissbrauch
Text: Norbert Göckener | Foto: Norbert Göckener
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