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23.05.2012
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Bischof Felix Genn

Bischof Felix Genn: "Der Herzschlag Gottes offenbart eine Liebe, die bis zum Letzten geht, die sich verwunden und durchbohren lässt von der Treulosigkeit der Menschen."

Interview mit Bischof Felix Genn

Warum sich die Mitfeier der Karwoche lohnt...

Bistum. Warum lohnt die intensive Mitfeier der Karwoche? Welche Impulse gibt die Heilige Woche den Christen? – Diese und andere Fragen beantwortet der Bischof von Münster, Felix Genn, im kirchensite.de-Interview.

kirchensite.de: Die Karwoche wird auch Heilige Woche genannt. Warum?

Bischof Felix Genn: Weil in ihr am Dichtesten im Laufe des Kirchenjahres die Geheimnisse des Glaubens gefeiert werden: Dass Gott uns nahe gekommen ist bis in den Tod seines Sohnes, bis in die Dunkelheit des Grabes und dass er sich in seiner Macht gerade darin erwiesen hat, indem er Jesus von den Toten auferweckte.

kirchensite.de: Werden Sie die Karwoche – abgesehen von der Liturgie – anders begehen als andere Wochen des Jahres?

Genn: Ja – weil die Liturgie den Rhythmus dieser Tage in besonderer Weise bestimmt und deshalb dazu beiträgt, dass mehr als sonst gefastet und gebetet wird.

kirchensite.de: Gibt es für Sie ein Motiv, einen Text oder Tag, den Sie besonders in dieser Woche mögen?

Genn: Am schönsten finde ich die Liturgie des Karfreitag, weil sie in ihrer nüchternen Sachlichkeit den Raum eröffnet, wirklich in die Tiefe zu steigen und dabei die persönliche Liebe zum Herrn in der Kreuzverehrung zum Ausdruck zu bringen. Ein besonderer Höhepunkt ist natürlich die Osternacht, in der ich gerade in meiner Aufgabe als Bischof mich im Augenblick der Tauferneuerung mit allen Schwestern und Brüdern im Glauben, die mir durch meinen Dienst als Bischof anvertraut sind, verbinde und froh bin, dankbar bin, Christ zu sein. Wenn ich einen Text nennen soll, dann brauche ich nur an das Wort aus dem Anfang des 13. Kapitels bei Johannes zu erinnern: "Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung" (Joh 13,1).

kirchensite.de: Warum lohnt die intensive Mitfeier der Karwoche?

Genn: Man muss es wirklich innerlich mitfeiern, um es zu erfahren – dann weiß man: Es lohnt sich. Man wird vertiefter ins Christsein eingeführt.

kirchensite.de: Welche Impulse gibt die Heilige Woche den Christen?

Genn: Jede liturgische Feier dieser Tage enthält Impulse mehr als genug, mehr, als man aufnehmen kann, um im Glauben zu wachsen, in der Hoffnung stark zu werden und in der Liebe nicht nachzulassen.

kirchensite.de: Der Palmsonntag zeigt eine jubelnde Menge um Jesus. Er hat sich dennoch nicht davon blenden lassen. – Glauben Sie, dass in Politik und Gesellschaft zu sehr auf die vordergründig breite Akzeptanz geschielt wird?

Genn: Sie könnten leider Recht haben. Wenigstens teilweise.

kirchensite.de: Der Gründonnerstag stellt Jesus mit seinen Jüngern beim Abschiedsmahl vor Augen. Die Kirche glaubt überdies an seine bleibende Gegenwart in der Eucharistie. Dies ist zugleich Geheimnis und Herausforderung. Wie können die Gläubigen tiefer in dieses Geheimnis eindringen?

Genn: Christus schenkt sich in diesem Sakrament allen Menschen aller Zeiten und aller Orte.

Genn: In der Tat: Es handelt sich um ein Geheimnis. In ein Geheimnis aber kann man nicht eindringen wie in ein Bergwerk oder in einen unverständlichen Text. Natürlich bedarf es der Anstrengung, nämlich der Anstrengung, die Stille auszuhalten etwas entgegenzunehmen, was Geheimnis ist und bleibt. Aber es ist eben ein zartes, ein intimes Geheimnis: Christus schenkt sich in diesem Sakrament allen Menschen aller Zeiten und aller Orte. Deshalb ist es so notwendig, die Anbetung zu pflegen. Das braucht nicht unbedingt immer eine Stunde zu sein oder eine gestaltete Anbetung. Das gilt schon für den Zeitpunkt nach dem Empfang der heiligen Kommunion. Ich empfinde es immer noch als Geschenk, dass ich als Kommunionkind gelernt habe, nach dem Empfang die Augen zu schließen und zu Jesus zu sprechen. Oft habe ich den Eindruck, dass man die heilige Hostie nimmt, sie kaut und isst und sich wieder in die Bank zurück setzt und die Leute beobachtet, statt wirklich den Blick nach innen zu wenden und wenigstens für einen Augenblick durchzuatmen, was hier eigentlich mit mir geschehen ist. Das können Eltern schon ihren Kindern beibringen. Die Anbetung nach der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag ist eine solche Möglichkeit, dieses Geheimnisses inne zu werden.

kirchensite.de: Am Gründonnerstag wird das Evangelium von der Fußwaschung gelesen. Sie selbst werden bei der Messe im Dom einigen Gläubigen die Füße waschen. Wo sollte nach Ihrer Ansicht die Kirche dieses Motiv des Dienstes noch stärker aufnehmen?

Genn: Diese Frage gilt zu allen Zeiten; denn die Liebe hört niemals auf, ebenso wenig ihre Herausforderungen im alltäglichen Dienst, besonders an den Ärmsten der Armen. Hierfür sensibel zu werden, zu entdecken, wo mein konkreter Liebesdienst gefordert ist, ist konkrete Auswirkung der Eucharistie und wird zur Fußwaschung im Alltag. Denken Sie an die vielen Dienste, welche die Kirche der Gesellschaft schenkt, die Christen oft unbemerkt Menschen zukommen lassen. Neulich haben die Deutschen Bischöfe ein Schreiben veröffentlicht, das den Titel trägt "Berufen zur Caritas". Es beginnt mit den Worten: "Gott, der die Liebe ist, will jeden Menschen zur Liebe berufen."

kirchensite.de: Der Verrat des Judas, die schlafenden Jünger am Ölberg, die Verleugnung des Petrus, die Abkehr der Masse von Jesus – die Passionsgeschichte offenbart auch die tiefe persönlich-emotionale Tragödie Jesu. Können dies Anknüpfungspunkte sein, sich dem leidenden Jesus zu nähern?

Genn: Gott, der die Liebe ist, will jeden Menschen zur Liebe berufen.

Genn: Sie sprechen zunächst einmal von dem Versagen der Kirche, denn Judas, die schlafenden Jünger am Ölberg, Petrus – das waren seine Jünger, das war seine Kirche damals. Er leidet, sie schlafen, verleugnen, verraten. Das ist eine ständige Herausforderung. Sie sprachen ja eben von der Anbetung. Bei der Anbetung könnte man zum Beispiel intensiv den Herrn bitten, niemals sich vom Herrn zu trennen. Sie haben Recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass man sich durch die Betrachtung in dieses Versagen dem leidenden Jesu nähern kann. Dann wird man merken, dass sein Sterben keine Tragödie war, die aus einer unausweichlichen Verstrickung bestand, sondern ein freiwilliges Auf-sich-nehmen all dieser Sündenschuld, einschließlich der Sünden seiner engsten Freunde. Das ruft zur Dankbarkeit auf. Es ruft aber zugleich auf, die Leiden des Herrn, die auch heute noch bestehen, mit zu tragen. Leidet er etwa zum Beispiel nicht an dem, was wir in den letzten Wochen alles an Missbrauch in den Reihen der Kirche erleben mussten? Können wir alle ihn in seinem Engagement für die Opfer unterstützen, die er nie aus den Augen verloren hat? Können wir nicht auch etwas sühnen für das, was Täter getan haben? Oder sind diese Worte für uns völlig abwegig geworden? Fasten ist Teilnahme am Leiden Jesu und nicht bloß abspecken.

kirchensite.de: Zu Weihnachten sagten Sie, dass Jesus den "Herzschlag Gottes" (Joh 1,18) in diese Welt gebracht habe. Am Karfreitag wird nun selbst sein Herz durchbohrt. Was bedeutet dies für Sie?

Genn: Für mich bedeutet das ganz konkret: Der Herzschlag Gottes offenbart eine Liebe, die bis zum Letzten geht, die sich verwunden und durchbohren lässt von der Treulosigkeit der Menschen. Der Herzschlag Gottes bedeutet aber auch, dass dieser Hass, diese Verwundungen, dieser Tod, diese Gewalt, die Jesus angetan wurde, in Liebe verwandelt wird, die mir ermöglicht, niemals aufzugeben, Gott und die Menschen zu lieben, niemals zu denken: Wenn ich liebe, werde ich verbraucht.

kirchensite.de: In einer alten Predigt zum Karsamstag heißt es: "Tiefes Schweigen herrscht heute auf Erden, tiefes Schweigen und Stille. Furcht hat die Erde gepackt, und sie ist verstummt, weil Gott - im Fleisch - in Schlaf gesunken ist." Zeigt uns der Karsamstag die Welt ohne Gott?

Genn: Jawohl: Der Karsamstag zeigt uns die gottlose Welt. Er zeigt uns, dass Jesus bis in diesen Abgrund hinab gestiegen ist, in die Abgründe des Menschen, der von Gott los kommen will, der sich von Gott los gesagt hat, der immer wieder glaubt, dass es besser ist, Gott los zu sein, weil man dann am Menschlichsten lebe. Der Karsamstag zeigt uns, dass Jesus in die Welt hinab gestiegen ist, die gegen und ohne Gott ist. Deshalb gibt es keinen Platz in dieser Welt, an dem man nicht diesem Bruder Jesus Christus begegnen könnte! Auch der schlimmste Atheist ist umfangen von der Liebe des Herrn, ohne dass sie ihn zwingen würde, zu ihr Ja zu sagen.

kirchensite.de: Was sagen Sie Menschen, die die österliche Botschaft nicht glauben können?

Genn: Ich sage ihnen am besten nichts, ich versuche, diese Botschaft zu leben, sie in meinem Gebet mitzunehmen, Antwort zu geben, wenn sie mich fragen. Wenn ich dann eine Osterpredigt halte vor Menschen, die im Herzen diese Botschaft nicht annehmen können, dann kann ich nur hoffen, dass sie mein Zeugnis als glaubwürdig ansehen und daraufhin beginnen, den Auferstandenen zu glauben.

kirchensite.de: Die Botschaft der Osternacht ist: "Wir verkünden euch das Leben." – Was macht dieses neue Leben aus?

Genn: Wenn einer wirklich liebt, zeigt er, dass er im neuen Leben ist. Er denkt nämlich nicht an sich, sondern er weiß: Meine Hoffnung steht fest in ihm, der für mich gestorben und auferstanden ist. Das wirkt sich aus in Gerechtigkeit, Liebe, Frieden, Respekt, Dienst. Man muss nur anfangen, aus der Kraft der Taufe zu leben. Dann wird man merken, was darin alles steckt. Wenn Sie, Herr Göckener, und ich jeden Tag neu anfangen, werden andere angesteckt.

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