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22.05.2012
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Forum im Hitze-Haus zum Missbrauchsskandal

Im münsterschen Franz-Hitze-Haus ging es jetzt um den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Informationen gaben die ehemalige Kripobeamtin Gudrun Schramm-Arntzen (l.), Pfarrer Hans Döink (2. v. l.) und Regens Andreas Tapken (r.). Moderiert wurde der Abend von Hitze-Haus-Referent Frank Meier-Hamidi (2. v. r.).

Forum im Hitze-Haus zum Missbrauchsskandal:

Über Ursache, Wirkung und Prävention

Bistum. 14.000 bis 15.000 Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger im Jahr weist die Kriminalstatistik in Deutschland insgesamt aus. Seit Ende Januar befasst sich die diözesane Missbrauchskommission mit 41 Hinweisen, die sich zum Teil auf die gleichen Personen beziehen. Der weitaus größte Teil bezieht sich auf Jahrzehnte zurückliegende Fälle.

Das sind Fakten, die am Donnerstag (26.03.2010) rund 100 Besucher eines "Aktuellen Forums" durch Mitglieder der Kommission für "Fälle des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche" im münsterschen Franz-Hitze-Haus erfuhren. Viel Bekanntes wurde berichtet; es gab aber auch Neuigkeiten: Die Diözese richtet derzeit eine Unterkommission ein, die sich mit Missbrauchsfällen an Schulen und in Internaten beschäftigen soll. Und: Derzeit werden alle Personalakten auf etwaige Hinweise auf Missbrauchsvergehen durchforstet.

Rigide Sexualmoral und Prüderie

Angesichts der Zahlen der Verbrechensstatistik kritisierte die pensionierte Kripo-Beamtin Gudrun Schramm-Arntzen die "selektive Empörung" in der Öffentlichkeit. Aus ihrer früheren Tätigkeit im Dezernat für Sexualdelikte weiß sie, dass mehr als 80 Prozent des Kindermissbrauchs im engeren Beziehungsumfeld stattfänden – vielfach einhergehend mit einem hohen Maß an Gewalt.

Kommissionsmitglied Schramm-Arntzen skizzierte mit Blick auf die Fälle im kirchlichen Umfeld ein Täter- und ein Opferprofil: Die Täter seien in der Regel hoch engagiert in ihrer Arbeit und sehr angesehen. Den Opfern werde kaum Glauben geschenkt, wenn sie versuchten, von den Missbrauchserlebnissen zu berichten. Dass vor allem jahrzehntelang zurückliegende Fälle jetzt bekannt würden, führte die ehemalige Kommissarin auf die rigide Sexualmoral und Prüderie der 1950er und 1960er Jahre zurück. Damals seien Hinweise von Kindern eher mit Ohrfeigen bedacht worden; heute trauten sich die Opfer, von ihren traumatischen Erlebnissen zu berichten.

Kirche muss demütiger werden

Der Missbrauchsbeauftragte des Bistums, Pfarrer Hans Döink, erläuterte, dass die deutsche Bischofskonferenz 2002 mit Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen als erste überhaupt auf einen päpstlichen Erlass reagiert habe. Er erklärte, dass die Kirche damit klargestellt habe, dass ihre Fürsorge zuerst den Opfern gelte. Deren Leid nahm Döink besonders in den Blick: Die Opfer bräuchten oftmals sehr lange, um ihre Sprachlosigkeit zu überwinden. Viele hätten ein Leben lang mit Depressionen und Suizidgedanken zu kämpfen.

Döink warf auch die Frage auf, ob die tieferen Ursachen für die gewärtige Krise durch den Missbrauchsskandal nicht auch "im System" liegen. Zwar würde von den Verantwortlichen in der Kirche zur Kenntnis genommen, was an Verbrechen geschehen sei. Er habe aber oftmals den Eindruck, als bliebe dies folgenlos. Es gehe darum, Schuld zu bekennen. Beschämt müsse die Kirche sein und demütiger werden, forderte der 71-jährige Geistliche.

"Staatliche Verfolgung hat Vorrang"

Nachdrücklich stellte Döink heraus, dass – anders als der öffentliche Eindruck – die Kirche mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeite: "Die staatliche Verfolgung hat Vorrang." Schramm-Arntzen ergänzte dies mit Hinweis darauf, dass alle aktuellen Fälle direkt an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet würden. Bei länger zurückliegenden Vergehen, werde auch die Verjährung durch die Staatsanwaltschaft geprüft.

Über Prävention in der Ausbildung künftiger Priester berichtete der Regens des Priesterseminars, Andreas Tapken, der selber Psychologe und Psychotherapeut ist. Aus der Begleitung von Missbrauchsopfern wisse er um deren "tiefe Verwundungen".

Glaubwürdigkeitsproblem

Er verwies auf das Auswahlverfahren zur Aufnahme ins bischöfliche Theologenkonvikt Collegium Borromaeum. Bis zu 50 Prozent der Bewerber würden nicht aufgenommen. Neben der theologischen, spirituellen und pastoralen Ausbildung wird nach Darstellung von Tapken mittlerweile verstärkt auf die menschliche Reife geachtet. Sexualität und Zölibat stünden regelmäßig in der insgesamt siebenjährigen Ausbildung auf dem Themenplan. Supervision gehöre zum Pflichtprogramm in den ersten Berufsjahren.

Die anschließende Diskussion brachte vor allem eines auf den Punkt: Die katholische Kirche hat aktuell ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem.

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Text: Norbert Göckener | Foto: Norbert Göckener
26.03.2010

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