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11.02.2012
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Bischof Felix Genn.

Bischof Felix Genn beim Stadtpatronatsfest in St. Peter Recklinghausen.

Eindrücke seines ersten Jahres im Bistum (Interview - Teil 1)

Bischof Genn: "Dieses Bistum hat Schätze"

Bistum. Noch ist nicht die Zeit für "Regierungserklärungen" und "Zukunftsprogramme". Noch stehen Sehen und Fragen für Bischof Felix Genn obenan. Im Gespräch mit Chefredakteur Hans-Josef Joest hält er während dieser Erkundungsphase inne und schildert unterschiedlichste Einsichten.

Wie erschließt sich ein neuer, von außen kommender Bischof ein so großes Bistum? Felix Genn "beackert es systematisch". In den ersten Monaten hat er vor allem im Oldenburger Raum Präsenz gezeigt, weil das für das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen im separaten Bistumsteil "wichtig war". In diesem Jahr kommt die "absolute Diaspora" im hohen Norden an die Reihe. Genn begründet: "Diese Christen brauchen das Bewusstsein, auch der Bischof von Münster ist ihr Bischof und nicht nur der Offizial von Vechta."

Für Pfarrbesuche wählt der Bischof jeweils "hohe" Jubiläen aus, was im "jungen" Ruhrgebiet andere Zeitmaßstäbe bedeutet als am früh christianisierten Niederrhein. In Recklinghausen war er beim Stadtfest dabei; Warendorf darf sich an Mariä Himmelfahrt auf ihn freuen. Visitieren wird Bischof Genn in Rees und Emmerich.

Zudem hat er "Akzente in der Öffentlichkeit von Münster" gesetzt: mit seiner Teilnahme beim Empfang des Oberbürgermeisters, im Dankgottesdienst an Silvester in St. Lamberti, beim Kramermahl. Präsenz ist auch außerhalb des Bistums gefordert als Adveniat-Bischof und als Vorsitzender der Kommission IV der Deutschen Bischofskonferenz für "Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste".

Kirche+Leben: Herr Bischof, was überwiegt bei Begegnungen: erwartungsvolle Offenheit für Neues oder die Hoffnung, alles könne beim Alten bleiben?

Bischof Felix Genn: Zumeist treffe ich auf Menschen mit der Grundeinstellung, in dieser Zeit glauben zu wollen. Das ist etwas Bestärkendes. Viele Menschen machen sich ernsthafte Gedanken, wie wir morgen Christen sein können. Aber natürlich gibt es auch eine gewisse Form des Struktur-Konservatismus – die Einstellung, um jeden Preis Dinge unverändert behalten zu wollen. Doch ich bin überzeugt: Je besser wir Veränderungen kommunizieren, umso mehr Menschen lassen sich dafür gewinnen ...

Kirche+Leben: ... wobei es doch auch Gutes gibt, das sich zu bewahren lohnt!

Genn: Selbstverständlich, und da hat das Bistum Münster Schätze! Zum Beispiel die Fülle der Wallfahrtsorte. Eine Chance liegt auch darin, dass im Bistum bodenständige Menschen leben. Das wird mir berührend deutlich an der "Kirche+Leben"-Serie "Mein Denkmal und ich". Welche Schätze des Glaubens werden da sichtbar. Und was der "Dialogpreis für gute Taten" an ehrenamtlichem Engagement würdigt, ist ebenso mutmachend.

Natur und Weite

Von der Großstadt Essen in die Landstadt Münster – aus dem Ballungsgebiet aufs Land. Die Gegenden in Oldenburg, am Niederrhein und im Münsterland wecken "viele Erinnerungen an die Heimat", die Eifel. Allerdings muss Bischof Felix Genn zuweilen schmunzeln, "wenn es heißt, jetzt gehe es 'bergauf'", und damit sind die Baumberge gemeint.

Auch die Essener Zeit hat Spuren hinterlassen. Bei Besuchen in Kamp-Lintfort, Duisburg-Homberg oder Teilen von Recklinghausen spürt der Bischof, "dass sich mir das Ruhrgebiet in meine Seele eingebrannt hat".

Kirche+Leben: Wie erleben Sie die langen Wege im Bistum – ins Oldenburgische ist es rasch ein Tagestermin?

Genn: Nein, das ist eine Zwei-Tages-Tour. Abends fahre ich los, um beim Offizial zu übernachten und mit ihm die Fragen, die im Offizialatsbezirk anstehen, zu besprechen. Dann brechen wir in aller Frühe auf, und ich komme erst spätabends nach Münster zurück. Aber das lohnt sich, weil ich bei den Begegnungen Zeit für die Menschen habe.

Kirche+Leben: Wirken sich diese Distanzen auch auf die seelsorglichen Angebote aus?

Genn: Darin liegen Chancen: Zum einen haben die Menschen eine Heimat; diese Verortung gilt es bei allen Struktur-Umbrüchen zu erhalten. Zum anderen leben wir nicht abgeschottet, die meisten haben ein Auto; diese Mobilität muss sich auch im christlichen Leben zeigen.

Kirche+Leben: Im hohen Norden des Bistums ist das schon lange selbstverständlich.

Genn: Richtig. Diese Diasporasituation von Wilhelmshaven oder Nordenham stellt ein Stück kommende Wirklichkeit der Christen in allen Regionen des Bistums dar.

Pfarrei und Ortskirche

Beharrlich betont Bischof Genn, christlicher Glaube sei "immer Glaube in Gemeinschaft". Und zwar Glaube nicht allein im Mikrokosmos einer Pfarrgemeinde, sondern Glaube in einem Bistum – in der Ortskirche – in der Gemeinschaft mit dem Bischof.

Zur Eucharistie sollen sich große Gemeinschaften versammeln, ebenso aber auch sollen sich kleine Zellen bilden, die das Wort Gottes miteinander teilen – und jede und jeder bringt sein Charisma in die Gemeinde ein.

Kirche+Leben: Warum glauben so viele Menschen, Pfarreifusionen seien Heimsuchungen "von oben, von Münster", hätten aber wenig mit der Lage vor Ort zu tun?

Genn: Das weiß ich leider auch nicht. Allerdings sehe ich zwei geistige Strömungen noch nicht genug verinnerlicht: Die eine Strömung lässt sich mit der Zukunftsbestimmung der Gemeinsamen Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland umschreiben. Danach soll "aus einer Gemeinde, die sich pastoral versorgen lässt", eine Gemeinde werden, in der die Christen "mitsorgen" (vgl. Beschluss "Die pastoralen Dienste in der Gemeinde", 1.3.2). Das ist oft noch nicht Realität geworden, weil immer noch viele nur versorgt werden wollen. Christsein heute bedeutet aber, sich vom Wort Gottes und der Eucharistie zu nähren, um diese Nahrung anderen weiterzugeben, und nicht zu sagen: "Das macht alles der Pastor." Die zweite Strömung geht vom Zweiten Vatikanischen Konzil aus, sie stellt die Bedeutung der Ortskirchen heraus –  lenkt also den Blick auf die Bistümer, in denen und aus denen sich die Gesamtkirche verwirklicht (vgl. Kirchen-Konstitution "Lumen Gentium" 23). Es ist noch zu wenig bewusst geworden, dass der Bischof keine Verwaltungsgröße und keine Art Regierungspräsident ist, sondern wirklich der Pastor der Gläubigen einer Diözese, dem zur Seite die Priester, Diakone und die anderen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen. Das Bistum Münster ist das mir anvertraute Territorium. Und als Bischof muss ich mit Blick auf die personellen und finanziellen Mittel die angemessenen Strukturen sicherstellen. An dieser Aufgabe zielen wiederholte Vorwürfe weit vorbei, die Bistumsstadt Münster sitze am Geldhahn und knebele die anderen.

Kirche+Leben: Heißt das, nicht allein die Pfarrgemeinde für wichtig zu halten, sondern künftig auch mehr auf den Zusammenhalt der Ortskirche, des Bistums, zu setzen?

Genn: Ja, das ist mein Anliegen. Deswegen versuche ich so häufig wie möglich vor Ort zu sein und verstehe zudem die Weihbischöfe als wichtige Stärkung, um bischöfliche Präsenz zu gewährleisten.

Häufige und seltene Kirchgänger

Nicht leicht, eine Beschreibung für unterschiedlich intensiv gelebtes Christsein zu finden, ohne die Menschen zu brandmarken. Bischof Felix Genn nennt regelmäßige Kirchgänger "kontinuierliche Christen" und seltene Gottesdienstbesucher "punktuelle Christen". Daraus spricht sein Bemühen, festzustellen statt zu bewerten.

Kirche+Leben: Was bedeutet es für Sie, dass die Gemeindefusionen die treuesten Christen am härtesten treffen?

Genn: Das tut mir weh. Aber ich bin auch überzeugt: Dieser Schmerz der Veränderung ist unvermeidlich.

Kirche+Leben: Nichts würde der Kirche mehr schaden, als wenn gerade die Treuesten sich enttäuscht einigelten.

Genn: Richtig. Deshalb möchte ich die 'kontinuierlichen' Christen in dem Bewusstsein stärken, dass wir uns nicht länger nur von einem Priester versorgen lassen können, sondern vielmehr wir alle auf die 'punktuellen' Christen zugehen, weil wir für sie eine Verantwortung haben.

Kirche+Leben: Meint das missionarisches Wirken?

Genn: Ja, aber nicht in einem platten Sinn, sondern etwa: Die gläubige Frau Schmitz, die immer in die Kirche geht, steht in einem guten Gesprächskontakt mit Frau Schneider, die eine 'punktuelle' Christin ist. Da braucht bei freundlichen Unterhaltungen im Alltag kein einziges Wort von Religion vorzukommen; aber Frau Schmitz nimmt sich vor, in den nächsten Tagen öfter für Frau Schneider zu beten. Da passiert etwas. Das verändert Frau Schmitz und verändert Frau Schneider.

Kirche+Leben: In der Christmette im Dom haben Sie seltene Gäste eingeladen, sich auch das Jahr über in eine Beziehung mit Gott hinein zu begeben. Wie lässt sich das Wachsen solcher Beziehungen stärken?

Genn: Das Wichtigste sind die Begegnungen vor Ort von 'kontinuierlichen' Christen, die bewusst und bekennend Christen sein wollen, mit 'punktuellen' Christen. Dabei muss die Grundhaltung eine einladende Freundlichkeit sein und nicht abstoßende moralisierende Verurteilung. Das widerspräche unserer Art, Menschen zu lieben. Und es widerspräche der inneren Haltung vieler suchender Menschen, die gern glauben möchten. Und es wäre kontraproduktiv, wenn Suchende die schönste Botschaft, die die Welt zu bieten hat, auf barsche Weise erführen.

Kirche+Leben: ... und das nicht nur zur Weihnachtszeit?

Genn: Suchende Menschen müssen jederzeit ernst genommen werden. Deshalb lade ich bei jeder Priesterweihe die vielen 'punktuellen' Christen im Dom in meiner Predigt dazu ein, sich für den Sinn dieses Sakraments zu öffnen. Ebenso würde ich als Pfarrer bei jeder Trauung, bei jeder Taufe und Erstkommunion auch die Kirchenbesucher einladen, sich für das christliche Verständnis dieses Sakraments zu öffnen. Gerade auf die Christnacht bezogen, muss man sich einmal vor Augen führen: Da kommt jemand um 24 Uhr noch in den Dom. Der hätte sich doch stattdessen auch daheim noch ein Flasch′ Bier aufmachen können.

Anforderungen an die Priester

Den Priestern zeigt Bischof Genn besondere Wertschätzung als seinen "wichtigsten Mitarbeitern", als "Helfern in Sinnfragen". Zugleich erwartet er viel von ihnen, etwa: "Die Zeit des Einzelkämpfers ist endgültig vorbei."

Priesterlicher Dienst sei "wesentlich Beziehung, eingeordnet in die Communio, die ihren Ursprung in der Communio des dreifaltigen Gottes" habe. Priester sein bedeute heute "Leben in der Gemeinschaft des Glaubens und mit dieser Gemeinschaft".

Das heißt nicht, dass der Bischof die anderen Dienste, der Diakone, Pastoralreferentinnen und -referenten weniger schätzt. Vielmehr freut er sich über die Zusammenarbeit mit diesen "Schwestern und Brüdern" und erfährt sie vor allen Dingen im Diakonen- und Pastoralreferentenrat.

Kirche+Leben: Was charakterisiert die Zusammenarbeit zwischen den Priestern und Ihnen?

Genn: Das Weihesakrament gibt Bischof und Priester dieselbe Aufgabe vor, Christus als Haupt zu vergegenwärtigen, wobei der Bischof die Ortskirche leitet. Ich setze wesentlich auf brüderliche Kooperation zwischen Priestern und mir, und ich rechne damit, dass es brüderliche Kooperation der Priester mit den Schwestern und Brüdern in den anderen Diensten und in den Gemeinden gibt. Ohne Zusammenarbeit ist das "Communio"-Anliegen des Konzils nicht verwirklicht.

Kirche+Leben: Welche Eigenschaft wird im priesterlichen Dienst immer wichtiger?

Genn: Den Seminaristen sage ich: Sie müssen lernen, kooperativ zu sein. Das Wort "Teamworker" ist mir zu oberflächlich, es geht um eine geistliche Haltung. Der andere ist für mich Herausforderung und Geschenk zugleich. Wenn ich das nicht lerne, kann ich Kirche nicht darstellen.

Kirche+Leben: Bei Strukturänderungen entsteht zuweilen der Eindruck, die Anforderungen an die verbleibenden Priester orientierten sich vorwiegend am personellen Gesamtbestand und kaum an individuellen Möglichkeiten. Werden die Grenzen der Zumutung genug beachtet?

Genn: Wenn ein Priester zwei Gemeinden bekommt, kann er nicht zwei Pfarrer werden. Der Stellenplan muss die Zumutbarkeit sorgfältig berücksichtigen. Im Gespräch eines Priesters mit mir gilt es, das "Prinzip der gegenseitigen Entlastung" ernst zu nehmen – ich spreche von gegenseitig! Zuweilen sage ich einem Priester: Ich will nicht, dass Sie das alles machen – und er tut es trotzdem.

Wir müssen uns ehrlich prüfen, was wir uns zumuten können. Vor Ort heißt es den Grundbestand zu sichern, der Kirche ausmacht: Verkündigung des Wortes Gottes, Feier der Sakramente, vor allem der Eucharistie, und Dienst an den Ärmsten der Armen. Wenn fusionierte Pfarreien am Sonntag weniger Eucharistiefeiern anbieten und es dann Streit gibt, weil sich die Anfangszeiten um eine Viertelstunde verändern, dann stimmt etwas nicht.

Kirche+Leben: Fehlt uns die orthodoxe Tradition mit nur einer Eucharistie am Sonntagmorgen?

Genn: Auf Dauer müssen wir in der Haltung – noch nicht in der Praxis – dahin kommen: Wir als katholische Gemeinde vor Ort versammeln uns einmal am Sonntag zur Feier des Todes und der Auferstehung des Herrn. Wenn jemand auch in der Woche zur Messe gehen kann, ist das wunderbar. Natürlich kann es dann vor allem in Städten immer noch Zusatzangebote am Sonntag für Eucharistiefeiern geben wie Früh- oder Abendmessen.

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