
Seit Aschermittwoch herrscht bei Stefan Werding Fernsehverbot.
Der Journalist Stefan Werding verzichtet aufs Fernsehen
Hausverbot für Harald Schmidt und Kevin Kuranyi
Münster. Medienverzicht für Journalisten? Eigentlich geht das gar nicht. Anders ist es bei Stefan Werding: Der Redakteur der Westfälischen Nachrichten in Münster praktiziert ein Fernsehfasten. In einem Beitrag für kirchensite.de berichtet er davon, wie dies seinen üblichen Tagesablauf durcheinander bringt und sich der TV-Verzicht auf seine Frau auswirkt:
Als ob "fasten" automatisch "verzichten" bedeutet. Seit Aschermittwoch herrscht bei mir Fernsehverbot. Bis dahin schauten regelmäßig Harald Schmidt, diverse Tatortkommissare oder Kevin Kuranyi und Konsorten in meinem Wohnzimmer vorbei. Die haben jetzt Hausverbot. Das hat zur Folge: Kein stundenlanges Zappen mehr bis tief in die Nacht, kein schlaffes Herumlümmeln auf der Wohnzimmercouch mehr und jeden Tag zwei Stunden mehr Zeit. Was soll ich sagen: Warum mache ich das nicht das ganze Jahr?
Was soll ich nur tun?
Schon so eine kleine Veränderung wie eine fernsehfreie Zeit stellt einen üblichen Tagesablauf auf den Kopf, zwingt mich dazu, den Abend anders zu planen. Ich weiß: In den ersten Tagen wird wieder dieses Verlangen auftauchen: Ach, gleich noch ein halbes Stündchen zappen. Aber ich werde die Fernbedienung einfach da liegen lassen, wo sie ist. Gar nicht erst der Versuchung erliegen. Zähneputzen und ab ins Bett. Noch ein paar Kapitel in einem Buch. Und nicht im Dunkeln an der Frau vorbei schleichen, die schon seit einer Stunde schläft.
Aus früheren Jahren weiß ich, wie es in den ersten Tagen laufen wird. Ich leide unter Entzugserscheinungen. "Oh, oh. Was soll ich nur tun?". Die Lösung ist einfach: Nichts. All die CDs hören, die schon so lange unberührt im Regal stehen; die Bücher auf dem Nachttisch stauben nicht länger ein, statt passiver Regeneration vor der Flimmerkiste mehr entspannte Laufeinheiten. Und die Frau ist ganz begeistert, wie ausgeglichen ihr Mann seit Neuestem ist.
Verzicht oder Gewinn?
Rechtzeitig zu Beginn der Fastenzeit hat Forsa die Deutschen gefragt, wie sie es mit dem Fasten halten: Danach finden 48 Prozent den mehrere Wochen dauernden Verzicht auf bestimmte Konsumgüter oder Genussmittel (sehr) sinnvoll. Sie lassen vor allem Alkohol (64 Prozent), Süßigkeiten (59), Zigaretten (39) und Fleisch (37) links liegen. 32 Prozent machen es wie ich und könnten sich vorstellen, aufs Fernsehen zu verzichten. Das Auto muss sich übrigens keine Sorgen machen. Lediglich 15 Prozent wären bereit, es in der Fastenzeit stehen zu lassen und auf alternative Verkehrsmittel zurückzugreifen. Aber: 51 Prozent halten eine mehrwöchige Fastenzeit weniger bis gar nicht sinnvoll. Ihr wisst nicht, was Ihr verpasst.
Fasten ist kein Verzicht, Fasten bedeutet Gewinn – an Zeit, an Ruhe, an Zweisamkeit, an der Gewissheit, mehr vom Tag gehabt zu haben. Oder, wie es auf der Homepage von Misereor, dem Hilfswerk der katholischen Kirche steht: "Fasten als Weg zu christlicher Schöpfungsspiritualität. Fasten ist eine Art und Weise, sich ernst zu nehmen und zu entdecken, was wirklich wichtig ist im Leben. Christliches Fasten ist ein Bemühen, die eigenen Lebensperspektiven mit den Lebensperspektiven Jesu zu verschränken."
Aufgeblasene Wichtigtuer…
Wie für viele andere Christen sind die sechs Wochen vor Ostern auch für mich eine Zeit der Ruhe und Besinnung, um mir selbst und Gott näher zu kommen. Verzicht auf Fernsehen bedeutet für mich, mehr Zeit für Wichtiges zu haben, statt mit aufgeblasenen Wichtigtuern meine Zeit zu vergeuden. Ich werde mich nicht mehr beeilen müssen, um meine täglichen Pflichten bewältigen zu können. Für sechs Wochen dauert mein Tag 26 Stunden. So bekommt jeder einzelne von ihnen ein kleines bisschen mehr Sinn.
Fragt sich nur: Warum mache ich das nicht das ganze Jahr? Ich weiß es nicht.
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Text: Stefan Werding | Foto: Privat
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