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22.05.2012
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Bernhard Tietmeyer.

Spiritualität und Seelsorge neu entdecken: Tietmeyer am Altar von St. Johannes Nepomuk in Burgsteinfurt.

Bernhard Tietmeyer vom Pfarrer zum Vicarius cooperator

Gelungen, weil gestaltet

Bistum. Sie werden noch gebraucht. Wenn ein Priester heute in das Alter eines Ruheständlers kommt, hat er den Ruhestand meist noch lange nicht erreicht. Priestermangel und das Gefühl, noch helfen zu wollen, sind für viele die Gründe weiterzumachen – in welcher Form auch immer. Oft bleibt der Schritt in die neue Aufgabe aber ein schwerer, der gut geplant werden muss.

Natürlich war es ein massiver Schnitt: Von der großen "Dechanei" im Ortskern von Nottuln in eine Etagenwohnung in der Einkaufsstraße von Burgsteinfurt. Raus aus der Verantwortung für alles als Pfarrer, zurück ins zweite Glied als Vicarius cooperator. Weg von der Möglichkeit, alles nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Und vor allem: weg vom eigenen Altar, von den vielen Menschen, die mit ihm mehr als 17 Jahre seinen Weg als Pfarrer gegangen waren. Aber Bernhard Tietmeyer spürte auch gleich die andere Seite: "Raus aus dem Druck der Entscheidungen, rein in eine neue Ruhe und Muße, mit der Chance, die Dinge noch einmal zu sortieren – und trotzdem nicht von 100 auf Null, sondern immer noch gebraucht."

Es ist ein Schritt, der vielen älteren Priestern sehr schwer fällt. Am Ende ihrer Tätigkeit als Pfarrer sind es zu viele Verbindungen, die sie lösen müssen, zu viele Aufgaben und zu viel Verantwortung müssen sie hinter sich lassen. Und auch die Situation danach beinhaltet viele Unwegsamkeiten: Welche Aufgaben kann ich noch übernehmen? Wie gestaltet sich das Miteinander in der neuen Gemeinde? Wie bekomme ich meinen Alltag gestemmt? Doch die Fragen rund um diesen Schritt sind unumgänglich. Irgendwann nach Vollendung des 65. Lebensjahrs muss sich der Priester entscheiden.

"Meine Entscheidung wurde mir leicht gemacht", sagt Tietmeyer. Ein weiteres Engagement als Pfarrer in der Seelsorgeeinheit St. Martinus in Nottuln sowie St. Fabian und St. Sebastian in Nottuln-Darup habe er für sich ausschließen können. "Große Strukturveränderungen standen an." Neuerungen, die ihm die Orientierung mit zunehmendem Alter schwerer gemacht hätten. "Für die nächsten Schritte wurde jemand Neues gebraucht, da ich zu sehr in den alten Strukturen gedacht hätte." So stand für ihn auch sofort fest, dass er an einen anderen Ort wechseln würde. "Der alte und der neue Pfarrer in einer Gemeinde – ich habe selten erlebt, dass das gut geht."

Die Gewissheit in dieser Sache brachte eine neue Frage mit sich: Wo sollte er hingehen? "Ich bin viel herumgefahren und habe mir die Situationen der Gemeinden vor Ort angeschaut." Auch der Blick in den Schematismus, der Informationen über die Pfarreien bereithält, habe in dieser Phase für ihn dazugehört. Ganz wichtig seien Gespräche gewesen, etwa mit seinem Bruder, der als emeritierter Priester in Rheine lebt, und auch mit dem mittlerweile verstorbenen Weihbischof Josef Voß. Schließlich fiel seine Entscheidung auf St. Johannes Nepomuk in Steinfurt-Burgsteinfurt. Aus vielen Gründen: "Die Nähe zu meinem Bruder und meiner Schwester in Rheine, die überschaubare Größe der Gemeinde und die Tatsache, dass ich einziger Vicarius cooperator werden würde." Auch die Nähe zu seinem Geburtsort Metelen spielte  eine Rolle.

Die Menschen halfen

Er hatte also daran gearbeitet, dass dem Abschied und Neuanfang seine große Wucht genommen wurde. Als er sich im vergangenen Sommer zu seinem 40-jährigen Priesterjubiläum mit 68 Jahren aus Nottuln verabschiedete, waren es vor allem die Menschen, die ihm dabei halfen, diesen Schritt zu tun: "Eine wundervolle Messe, würdig und festlich, auf einem Bauernhof", erinnert er sich. Und auch die Menschen in seiner neuen Gemeinde öffneten ihm sofort die Arme, halfen ihm bei der Wohnungssuche und hießen ihn herzlich willkommen: "Ich hörte immer wieder, wie sehr sie sich freuten, dass ich nach Burgsteinfurt kam, um zu helfen – das tat gut."

Er habe viele Dinge seines priesterlichen Lebens mitnehmen können in den neuen Lebensabschnitt, sagt er: "Und das ist gut so." An erster Stelle nennt er die Feier der Eucharistie und die Verkündigung aus dem Evangelium heraus. "Dafür lebe ich als Priester." Durch seinen festen Platz im Seelsorgeteam feiert er weiterhin regelmäßig die heilige Messe. "Allerdings mit einer neuen Ruhe und Muße", erklärt er. "Ich genieße es, manchmal am Tag nur noch einen Termin im Kalender stehen zu haben." Die Konzentration auf das Wesentliche sei damit besser möglich. "Ich kann mich selbst viel tiefer einbringen, meine Spiritualität noch einmal neu entdecken, ohne Druck und Stress zu spüren, wovon ich immer schon gepredigt habe." Eine Ruhe, die auch auf die Gemeinde ausstrahle. "Ich habe doch eine ganz andere Gelassenheit für Gespräche." Die Tatsache, dass er Zusammentreffen nicht mehr mit dem Blick in den Terminkalender planen müsse, spüre er genauso wie die Menschen, die zu ihm kommen. Wer weniger auf die Organisation schauen müsse, könne viel mehr aus tiefer Überzeugung reagieren, sagt er: "Ich kann mich dort einbringen, wo es wichtig und gut ist."

Schon deshalb sei ihm nie in den Sinn gekommen, sich nach der Zeit in Nottuln ganz in den Ruhestand zu begeben. "Ich wollte, dass das Eigentliche des Priesters für mich bleibt." Das sind für ihn die Feier am Altar und der Kontakt mit den Menschen. Außerdem habe er eine Verantwortung gegenüber dem Bistum und den Gläubigen gespürt, die ihn daran gehindert habe, sich weiter zurückzuziehen. "Es ist doch ein gutes Gefühl, noch gebraucht zu werden."

Das alles sind Dinge, die jene Unsicherheiten, die er mit in die neue Situation brachte, schnell überlagerten. Auch das Gefühl, die Dinge in seiner neuen Gemeinde nicht mehr letztlich entscheiden zu können, wiege dagegen längst nicht so schwer. "Es sind Kleinigkeiten, die ich ohne Probleme akzeptieren kann."

In ein Loch ist er nicht gefallen. Er hat nach der Aufgabe seiner Pfarrstelle in Nottuln vielmehr die Chancen und Freiheiten erlebt. "Etwa die Möglichkeit langer Radtouren oder das Schreiben einer von mir kommentierten Bibel."

Er ist in Burgsteinfurt weich gelandet, trotz des schweren Schrittes. Es war ein gelungener Schritt, weil er ihn aktiv gestaltet hat.

Broschüre "Wir werden älter..."

Für einen Priester, der das 65. Lebensjahr vollendet hat, bestehen vier verschiedene Möglichkeiten für seinen künftigen Einsatz in der Pfarrgemeinde:

- Er kann weiterhin in voller Verantwortung sein Amt als Pfarrer ausüben, bis er mit der Vollendung des 75. Lebensjahres die vom allgemeinen Kirchenrecht vorgesehene Altersgrenze erreicht.

- Er kann als Vicarius cooperator weiter im aktiven Dienst einer Pfarrei bleiben, aber ihr nicht mehr verantwortlich vorstehen. Er soll dabei eine seinem Alter und seiner Gesundheit entsprechende Aufgabe erhalten.

- Als Emeritus kann er in den Ruhestand gehen, aber noch im Rahmen seiner Möglichkeiten in einer Gemeinde aushelfen.

- Als Pfarrer im Ruhestand ist er frei von allen Verpflichtungen.
Im Bistum Münster leben derzeit 281 Priester, die 66 bis 75 Jahre alt sind. 158 von ihnen sind noch als verantwortliche Pfarrer aktiv oder als Vicarii cooperatoris tätig. 123 sind Emeriti oder Pfarrer im Ruhestand.

In einer Broschüre mit dem Titel "Wir werden älter..." hat sich der Priesterrat des Bistums Münster an alle Priester im Ruhestand und jene gewendet, die sich darauf vorbereiten wollen. Ausführlich werden die unterschiedlichen Punkte angesprochen, die in dieser Situation von Belang sind. Die Spiritualität älterer Priester spielt dabei genauso eine Rolle wie etwa die finanziellen Gegebenheiten.

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