
Früchte der Erde wurden bei der Gabenprozession zum Altar gebracht.
Pontifikalamt im Paulus-Dom zur Misereor-Eröffnung
"Die Armen vertrauen auf uns"
Bistum. Weltkirche im Münsterland – Solidarität deutscher Christen mit Glaubensgeschwistern in der Einen Welt – ein beeindruckendes Bekenntnis der Gläubigen im Bistum Münster zu globaler Verantwortung im Vertrauen auf den Schöpfer: Diese mutmachenden Botschaften strahlte das Pontifikalamt am ersten Fastensonntag (21.02.2010) im münsterschen St.-Paulus-Dom zur Eröffnung der Misereor-Fastenaktion 2010 aus, das die deutsche Fernsehöffentlichkeit live mitfeiern konnte. "Die Armen vertrauen auf uns", rief Misereor-Hauptgeschäftsführer Prälat Josef Sayer angesichts der dramatischen Klimaerwärmung die deutschen Katholiken dazu auf, mit einer Änderung ihres Lebensstils und des Energieverbrauchs in unseren Breiten das Überleben in der Einen Welt zu sichern.
Bischof Felix Genn stand dem Gottesdienst im vollbesetzten Dom vor; Konzelebranten waren der brasilianische Erzbischof Luiz Soares Vieira, Erzbischof Jean Zerbo aus Mali, der vietnamesische Bischof Paul Bùi Van Doc, Pater Antoine Dathol Bérilengar aus dem Tschad und der haitianische Pater Antoine Wilnès Tilus. Erzbischof Luiz beging an diesem Tag zudem sein Goldenes Priesterjubiläum.
Das Hungertuch, das beim Einzug vorausgetragen wurde, bildete ein unübersehbares Zeichen, was die Stunde geschlagen hat. Die Fürbitten sollten später die Probleme und Chancen in der Einen Welt veranschaulichen: die bedrohten Regenwälder in der brasilianischen Amazonas-Region und die ökologischen Schäden der aggressiven Ölförderung im Tschad, aber auch die ermutigenden Solarprojekte indischer Ureinwohner.
Kultur des Teilens
Die Grundstimmung für die bewegende Feier gab die Schola beim Einzug mit der Versicherung aus Psalm 91 vor: "Ich bin bei ihm in der Not." Aus diesem Treue-Bekenntnis des mitlebenden und mitleidenden Gottes formte die Gemeinde im Gottesdienst ihre Zusage zur ernsthaften Solidarität mit den notleidenden Menschen in der Einen Welt. Der Bußakt bekräftigte die Bereitschaft, "Schritte der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung" zu lernen.
Die biblischen Texte des Pontifikalamts mahnten zum bewussten Umgang mit den Früchten der Erde, wie sie später bei der Gabenprozession zum Altar gebracht wurden: Die alttestamentliche Lesung beschrieb eine Kultur des Teilens, die mit dem Dank an Gott beginnt (Deuteronomium 26, 4-10). Im Evangelium über Jesu Versuchungen in der Wüste (Lukas 4, 1-13) spricht dieser auch ein klares Nein zu gedankenlosem Konsum: "Der Mensch lebt nicht nur vom Brot."
Den Lebensstil ändern
Den Ausgangspunkt der Predigt von Bischof Felix Genn bildete die Wortbedeutung von Misereor, die Jesu Sendung beschreibe: "Mich erbarmt des Volkes." Denn menschliche Sehnsucht könne allein in Gott und nicht allein mit Brot gestillt werden. Die wachsende Kluft zwischen Reichen und Armen, nicht weniger die bedrohlichen Klimaveränderungen forderten die katholischen Christen heraus, den Menschen Gottes Erbarmen zuteil werden zu lassen.
Mit seiner Bitte um großherzige Spenden verband Bischof Genn den "noch intensiveren Wunsch", an der Änderung des Bewusstseins mitzuhelfen: "Wir müssen es wagen, auch von Einschränkung und Verzicht bei uns zu sprechen zugunsten der anderen!" Ein wichtiger Fortschritt sei erreicht, wenn Politiker für mehr Entwicklungs-Zusammenarbeit und Klimaschutz Wählerstimmen erhielten statt Stimmenverluste befürchten zu müssen. Bischof Genn bat um eine ernsthafte Prüfung daheim und in kirchlichen Gruppen, wo sich unser Lebensstil ändern lasse. Eindringlich verdeutlichte der Bischof: "Es ist Gottes Schöpfung, nicht unser Werk. Sie gehört allen, nicht nur uns und nicht nur unserer Generation."
Es gelte die Schöpfung wieder als Gottes Gabe und Geschenk wahrzunehmen. "Haben wir dieses Bewusstsein", fragte der Bischof, "oder meinen wir, es gehört alles uns?" Ein Essen mit dem Tischgebet zu umrahmen, helfe dabei, das Verständnis dieses Beschenktwerdens zu verinnerlichen. Christen sollten in der österlichen Bußzeit zur "lebendigen Gestalt" von Misereor werden, wünschte sich Bischof Genn, "Menschen, die zeigen, mich erbarmt der Schwestern und Brüder; ich habe es gar nicht nötig, um mich selbst zu kreisen".
Misereor-Hauptgeschäftsführer Prälat Josef Sayer bittet um großherzige Spenden. |
Weckruf aus dem "Schlaf der Sicherheit"
Auch die sorgsam ausgewählte Kirchenmusik von Domchor, Schola und Gemeinde brachte das Anliegen der Misereor-Aktion vor Gott: "Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu." Dieses Grundvertrauen auf den Herrn und "Gott, dem ich will trauen in der Not", durchzog Wechselgesänge und Lieder.
Aber da klang auch die ernste, in die österliche Bußzeit passende Mahnung zur persönlichen Verantwortung auf. Jetzt gelte es, "die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit" zu wecken, damit die "Sonne der Gerechtigkeit" auch in unserer Zeit aufgehen könne – eine Sonne, die nicht gnadenlos verbrennt und vernichtet, sondern nachhaltig wärmt und heilt.
Selbsthilfeprojekte unterstützen
In seiner eindringlichen Bitte um großherzige Spenden verwies Misereor-Hauptgeschäftsführer Prälat Josef Sayer darauf, die den Menschen von Gott anvertraute Schöpfung sei nicht nur eine Gabe, mit ihr verbinde "sich auch eine Aufgabe". Schon jetzt gefährde der Klimawandel mit Wirbelstürmen und Überflutungen sowie andernorts mit dem Vordringen der Wüsten viele Millionen Menschen in Afrika, Lateinamerika, Asien und Ozeanien.
Deshalb laute das Leitwort der Misereor-Fastenaktion "Gottes Schöpfung bewahren – damit alle leben können". Prälat Sayer fordernd: "Hierzu kann jede und jeder beitragen. Unser Produktions- und Lebensstil sind entscheidend für das Leben aller. Die Armen vertrauen auf uns." Sie erbrächten bereits das Ihrige zum Klimaschutz, zum Beispiel "durch die Erhaltung der Wälder". Ihre Selbsthilfeprojekte gelte es jetzt zu unterstützen.
Vertrauen und Verantwortung
Weltkirche wurde den Gottesdienstbesuchern nahe in afrikanischen Gesängen und Trommelklängen bei der Evangelien-Prozession, im vielstimmig rhythmischen Sanctus und in den Heimatsprachen der Konzelebranten beim Hochgebet.
Wie ein Vermächtnis wirkte die Liedaussage am Ende des Gottesdienstes: "Gott gehört die Welt." In ihr verbanden sich noch einmal Vertrauen und Verantwortung der Christen angesichts der globalen Klima-Risiken und strukturellen Ungerechtigkeiten. "Wohin er uns stellt", da haben die Gläubigen nach ihren Kräften diese Schöpfung zu schützen, in Hochachtung vor deren Schöpfer, denn "Gott liebt diese Welt". Allerdings dürfen die Christen voller Zuversicht die Herausforderung des dramatischen Klimawandels angehen, weil: "Gott ist's, der erhält, was er selbst gegeben." Zugleich ein mutmachender Verweis auf die Kraft des Gebets neben der materiellen Hilfe.
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