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22.05.2012
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Eine typische Mittags-Mahlzeit im Fastenzentrum Hörstel: Rote-Beete-Saft.

Eine typische Mittags-Mahlzeit im Fastenzentrum Hörstel: Rote-Beete-Saft. Später gibt es klare Gemüsebrühe.

Erholung für Körper und Seele

Heilfasten ist mehr als Abnehmen

Hörstel. "Die Suppe ist der Höhepunkt des Tages", sagt Erich Zipse scherzhaft und seine drei Tischnachbarn schmunzeln. Allerdings nimmt die heiße Gemüsebrühe tatsächlich einen herausragenden Platz im Tagesablauf der kleinen Gruppe ein. Denn die vier aus dem südhessischen Heppenheim und dem benachbarten Bensheim fasten seit vier Tagen. Es ist 12 Uhr und sie sitzen im Speisesaal des Fastenzentrums Hörstel. Vor ihnen stehen leere Tassen, aus denen sie gerade ihre "Vorspeise" gelöffelt haben."Heute gab es frisch gepressten Rote-Beete-Saft", sagt Christa Kunze.

Für die 73-Jährige ist das Fasten nichts Neues. Drei Mal habe sie es schon zu Hause gemacht und jetzt sei es das zweite Mal für sie mit Betreuung. "Allein schiebt man den Start des Fastens immer weiter auf", sagt sie. Darum habe sie sich jetzt zu dem Fasten in Gemeinschaft entschieden.

Dass die Runde von Hessen nach Hörstel gereist ist, hängt ganz entscheidend mit dem Leiter ihrer so genannten "50-Plus-Gruppe" zusammen, mit der sie regelmäßig etwas unternehmen. Der sei etwa vor einem Jahr hier gewesen und danach "ganz verändert und schlank" wiedergekommen, erzählt Christa Kunze. Und seine Idee sei es dann auch gewesen, einmal gemeinsam zum Heilfasten zu fahren.

Christa Kunze (v.l.), Ulrike Roschig, Andreas Frey und Erich Zipse.

Die meisten fasten aus gesundheitlichen Gründen

Im Fastenzentrum Hörstel sind es jedes Jahr zwischen 400 und 500 Menschen, die sich zu einem der meist zweiwöchigen Fastenkurse anmelden. Im Moment ist Hauptsaison für die katholische Einrichtung. Zum aktuellen Fastenkurs zählen rund 40 Teilnehmer. Nur im Herbst sei das Interesse am Heilfasten ähnlich groß, erklärt der Leiter der Einrichtung, Theo Kisters. Sonst bestehe ein Kurs meist nur aus 20, vielleicht 25 Personen.

"Die meisten Menschen kommen aus gesundheitlichen Gründen zu uns", sagt Kisters. "Übergewicht, Gicht, Diabetes und Bluthochdruck", zählt er einige der Krankheiten auf, wegen der sich Menschen zum Heilfasten entscheiden. Ein Großteil von ihnen habe das Rentenalter bereits erreicht, aber auch jüngere Leute wagten den Schritt.

Wer an einem Fastenkurs in Hörstel teilnimmt, ernährt sich zwei Wochen lang nur von flüssiger Nahrung: Morgens Kräutertee und einen Löffel Heilerde, mittags Gemüsebrühe und -saft und abends Fruchtsaft. Trinken darf jeder, soviel er möchte. "Mit hungern hat das jedoch nichts zu tun", erklärt Theo Kisters. "Wer fastet ernährt sich von sich selbst, wer hungert, der erwartet, dass ihm von außen Nahrung zugeführt wird." Wer mit der richtigen inneren Einstellung faste, der verspüre überhaupt kein Hungergefühl. Aber wer diese Einstellung nicht besitze, habe während des Fastens dauerhaft Hunger, sagt er.

Satt nach halbem Glas Fruchtsaft

Erich Zipse hat einen Abend zuvor sein Glas Früchtesaft nur mit Mühe austrinken können. "Nach der Hälfte habe ich gespürt, dass ich eigentlich schon satt bin", erzählt er. Nach dem dritten Tag des Fastens habe ihn das schon ein wenig erstaunt, sagt der frühere Werksleiter eines großen Automobilzulieferers. Gleichzeitig fühle er sich auch nicht so leistungsfähig wie sonst. Bei einem Spaziergang habe er sich auf halber Strecke "irgendwie komisch gefühlt", so dass er den Rückweg langsamer gehen musste. Aber er bereue es keineswegs, dass er sich "aus Neugier und wegen der spirituellen Erfahrung" zum Fasten entschieden habe.

Das Heilfasten verspricht, den Körper von Schlacken und Giften zu befreien, die der Mensch durch seine übliche Ernährung zu sich nimmt. "Bei vielen Menschen ist der Körper übersäuert", sagt der Leiter des Fastenzentrums. Durch einen hohen Säureanteil im Blut verringere sich die Sauerstoffzufuhr für die Zellen, auf die sie aber angewiesen seien. Das Fasten wirke der Übersäuerung entgegen.

"Sobald der Magen keine feste Nahrung mehr bekommt, schaltet der Körper sofort auf Ausscheidung um", sagt Kisters. Dann werden Giftstoffe wie Rückstände von Medikamenten oder Pestizide, die über die Nahrung aufgenommen wurden, ausgeschieden, und der Körper schaltet weitgehend auf Selbstversorgung um.

Theo Kisters leitet das Fastenzentrum in Hörstel.

Der erste Tag kann schmerzen

Manche Menschen klagten deswegen am ersten Tag des Fastens über Kopfschmerzen. Danach stelle sich der Körper auf eine geringe Energiezufuhr um und zehre besonders vom im Körper gespeicherten Fett. Deswegen sei das Fasten auch in der Regel mit einem deutlichen Gewichtsverlust verbunden, sagt Kisters.

"Fasten ist aber nicht nur Regeneration für den Körper, sondern auch für die Seele," meint Theo Kisters. "Nach spätestens einer Woche merkt jeder, egal ob er religiös ist oder nicht, dass er eine Seele hat." Wie die Schlacken im Körper lösten sich bei vielen dann auch Probleme und festgefahrene Sichtweisen veränderten sich. Manche führe es dann in die Kapelle des Fastenzentrums, andere suchten im direkten Gespräch geistlichen Rat oder Beistand, sagt Kisters.

Seit diesem Jahr ist Pater Bernhard Pehle in solchen Momenten immer für die Kursteilnehmer ansprechbar. Bis vor kurzem wohnte der Afrika-Missionar der so genannten "Weißen Väter" mit sieben Mitbrüdern gleich nebenan, jetzt lebt er direkt im Fastenzentrum. Und  im Moment fastet er selbst mit, "um die Situation der Menschen, die zu ihm kommen, zu kennen", wie er sagt. Regelmäßig feiert der Pater, der erst vor anderthalb Jahren aus der Mission in Sambia zurückgekehrt ist, mit den Kursteilnehmern Gottesdienste. Außerdem gibt es täglich morgens und abends geistliche Impulse, sowie die Möglichkeit zu meditieren.

Bewegung ist ganz wichtig

Die Gruppe aus Hessen möchte am Nachmittag einen Ausflug zum Kloster Gravenhorst in der Nähe machen, um dort spazieren zu gehen. "Bewegung ist beim Fasten ganz wichtig", sagt Christa Kunze. Denn sonst bestünde die Gefahr, dass sich Muskeln abbauen oder sogar Organe geschädigt würden.

Damit es nicht zu Schäden kommt, wird das Fasten in Hörstel von regelmäßigen Unterrichtseinheiten begleitet. In den ein bis zwei Stunden informieren die Kursleiter über die Grundlagen des Fastens und zeigen Zusammenhänge auf, etwa zwischen ungesunder Ernährung und häufigen Krankheitsbildern. Außerdem geben sie Tipps zur richtigen Ernährung, damit sie nach dem Fasten nicht direkt wieder zunehmen.

Vormittags können die Gäste an Unterrichtseinheiten teilnehmen.

Nach dem Fasten schmecken alte Gewohnheiten nicht mehr

Damit es nicht zum "Jojo-Effekt" kommt, rät Theo Kisters allen Kursteilnehmern sich in der ersten Woche nach dem Fasten ausschließlich von Obst und Gemüse zu ernähren. Grundsätzlich sei es wichtig, mit dem Fasten seine Ernährung umzustellen. Allerdings werde das dadurch erleichtert, dass vielen nach dem Fasten ihre bisherigen Speisen gar nicht mehr oder nicht mehr so gut wie vorher schmeckten, sagt Kisters.

Wer sich gut informiert, kann auch zu Hause allein fasten. Theo Kisters aber rät Menschen eher nicht dazu. "Die Gemeinschaft trägt ungemein. Ganz egal mit wem man am Tisch zusammen sitzt, der Austausch mit den anderen über die Erfahrungen ist für viele sehr bereichernd." In diesen "zwischenmenschlichen Momenten" fänden viele Antworten auf Fragen, die sie sich in ihrem Leben stellten.

Der Tisch der vier Hessen um Erich Zipse ist dafür vielleicht nicht das beste Beispiel. Aber wie alle versichern, bleiben sie auch nicht immer nur unter sich. Sie hätten sich auch schon mit den anderen aus ihrem Fastenkurs unterhalten.

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Text: Georg Thomas | Fotos: Georg Thomas
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