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11.02.2012
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Renate Sibum.

Renate Sibum aus Elisabethfehn besucht als ehrenamtliche Familienpatin regelmäßig eine junge Mutter.

Renate Sibum betreut als Familienpatin eine allein erziehende Mutter

Fahr bitte nicht wieder weg, Renate!

Elisabethfehn. Sie hatte als Krankenschwester auf der Entbindungsstation in Barßel oft überforderte Mütter erlebt. Deshalb entschloss sich Renate Sibum, beim Familienpaten-Projekt des katholischen Kindergartens "Die Arche" im oldenburgischen Elisabethfehn mitzumachen. Seit einem Jahr besucht sie regelmäßig eine allein erziehende Mutter mit drei Kindern und steht helfend zur Seite.

Manches wären eigentlich nur Kleinigkeiten. Die fleckige und klebrige Tischplatte, die schmuddelige Sofadecke, auf der sich die Hunde räkeln, der Wäschehaufen, der scheinbar niemanden stört. Alles eigentlich kein Problem. Jede Familie kehrt vor ihrer eigenen Tür. Die Frage lautet: Wo ist die Grenze?

Vielleicht dort, wo Mädchen und Jungen bei Eis und Schnee in Sommerschuhen an der zugigen Bushaltestelle warten? Oder, wo sie Tag für Tag ohne Brotdose in den Kindergarten kommen? Wo Kindergartenkinder im Winter in leichten Hemdchen bibbern?

Überforderte Familien

Dass manche Familien überfordert sind – davon hatte Renate Sibum schon lange mehr als nur eine Ahnung: aus ihren 24 Jahren als Krankenschwester in der Chirurgie und auf der Entbindungsstation im oldenburgischen Barßel. Die 62-jährige Rentnerin erinnert sich: "Oft genug habe ich Mütter erlebt, die selber noch Kinder waren, habe die Sorgen gespürt, mit denen sie nach Hause entlassen wurden."

Auch die Angst der jungen Frauen. Weil sie nicht wussten, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sein würden. Dazu diese Fragen: Wie es weitergehen sollte? Mit der Schule? Mit dem Kind? Ohne Geld? "Diese Erfahrungen waren vielleicht so etwas wie der Ursprung", meint Renate Sibum heute. "Dafür, dass ich irgendwann für diese Familien etwas tun wollte."

Aufruf des Kindergartens

Die Mutter zweier erwachsener Söhne hatte bereits mehr als zehn Jahre Erfahrung mit ehrenamtlichen Seniorenbesuchen gesammelt. Und fühlte sich sofort angesprochen, als sie vor zwei Jahren von der Suche nach so genannten Familienpaten hörte. Der katholische Kindergarten "Die Arche" im oldenburgischen Elisabethfehn hatte dazu aufgerufen.

Elisabethfehn – ein Ort im nördlichen Landkreis Cloppenburg. Mit schmucken Brücken, weißen Motorbooten, Anglern am Ufer. Eine Postkarten-Idylle an einem schmalen Fehnkanal. Eigentlich. Aber der Schein trüge, meint die Kindergartenleitern Regina Freer. Diese heile Welt – das sei nicht die ganze Wahrheit. An den Kindern könnten sie und ihre Kolleginnen ablesen: Hinter manchen Haustüren lebten völlig überforderte Familien.

Bei einigen kennt die Leiterin die Schicksale: Depressionen, Trennungen, Arbeitslosigkeit, Schulden, psychische Krankheiten, Sucht. Kein gutes Umfeld für Erziehung. Oder Väter, die die Woche über irgendwo auf Montage unterwegs seien. Deren Frauen dann alles allein bewältigen müssten – und von denen manche daran scheiterten.

Mehr als zehn Prozent ihrer Kindergarten-Eltern – da ist sich Regina Freer sicher – bräuchten dringend Hilfe. Nicht unbedingt gleich von Fachleuten. Manchen würde auch schon ein regelmäßiger Kontakt mit einer erfahrenen Mutter gut tun. Einer Frau wie Renate Sibum.

Sie klingelt mittlerweile regelmäßig bei "ihrer" Familie, einer allein erziehenden Mutter mit drei Kindern. Das Kindergarten-Team hatte mit der Zeit gesehen, wie der jungen Frau manches über den Kopf wuchs. Sie brauchte dringend Hilfe.

Ein Mal die Woche

So kommt Renate Sibum jetzt ein Mal die Woche für eineinhalb bis zwei Stunden. "Meine Besuche sind aber nicht einfach ein gemütliches Kaffeetrinken", betont sie. "Es geht mir dabei vor allen Dingen um den Kontakt zu den Kindern." Spielen, Reden, Vorlesen. Dazu Gespräche mit der Mutter. Die sei noch jung, habe früh die Eltern verloren. "Eben so eine Biografie." Renate Sibum zuckt mit den Schultern. Sie freut sich, dass mittlerweile ein richtiges Vertrauensverhältnis zueinander gewachsen sei.

Der Rat der lebenserfahrenen Frau gilt der jungen etwas. Renate Sibum darf Dinge offen ansprechen. Zum Beispiel, dass die Sofadecke endlich mal wieder gewaschen werden müsse, dass die Wäsche zusammengelegt gehöre, der Tisch abgewischt.

Aber Renate Sibum scheut auch nicht die klaren Worte zu schwierigeren Themen. Etwa die Sache mit den wechselnden Männern. "Das ist nicht gut", habe sie der Frau erklärt. Weil es Spuren bei den Kindern hinterlasse.

Es habe aber gedauert, bis man so miteinander habe sprechen können. Anfangs sei die junge Frau auch nur widerwillig auf das Familienpaten-Angebot des Kindergartens eingegangen. "Eine was? Na ja, sie kann ja mal vorbeikommen." Der Satz beim ersten Kennenlern-Treffen habe eher wie eine Ablehnung geklungen.

Die Kindergartenleiterin nickt. Sie kennt das. Die meisten Familien nähmen nur ungern Hilfe von außen in Anspruch, erklärt sie. "Sei es, dass sie damit schlechte Erfahrungen gemacht haben, sei es, dass sie sich kontrolliert vorkommen."

Am Anfang nur zögerlich

Auch Renate Sibum erinnert sich noch gut an das Zögern am Anfang. "Aber schon bei meinem dritten Besuch hing da dieser Zettel an der Tür", erinnert sie sich lächelnd. "Darauf stand: ›Renate, bitte fahr nicht wieder weg! Wir sind nur kurz beim Arzt und kommen sofort wieder!" Das Eis war gebrochen.

Mittlerweile ziehe die junge Frau ihre "Patin" schon mal von sich aus ins Vertrauen, gebe ihr die Post vom Amt zu lesen und bitte von sich aus um Tipps. Der Kontakt besteht seit einem Jahr. Das Verhältnis sei immer vertrauter geworden. Und bei den Kindern sieht Renate Sibum Fortschritte wachsen: "Die Sprache hat sich verbessert. Ich glaube, da spielt das Vorlesen eine wichtige Rolle", meint sie.

"Es ist das Gefühl, gebraucht zu werden, etwas bewirken zu können." So beschreibt Renate Sibum den Ansporn, der ihr Kraft gibt. Aber sie weiß auch um eine große Gefahr ihres Einsatzes: dass man sich zu viel zutraut.

Nicht überfordern

Denn: Überfordern dürfen sich die ehrenamtlichen Helfer nicht. Weder zeitlich, noch durch die Situation in den Familien. "Wenn ich da Probleme sehe, melde ich mich sofort bei Regina Freer", sagt Renate Sibum.

Die Leiterin ist weiter auf der Suche nach "Kolleginnen" für ihre Familienpatin. Bisher hat sie drei Frauen für ihre 110-Kinder-Einrichtung gewinnen können. "Aber wir bräuchten 15", sagt sie mit Blick auf die  Warteliste.

Text: Michael Rottmann | Foto: Michael Rottmann in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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