
Nur wenn die Gemeinden bereit sind, gemeinsam den Weg der Veränderungen zu gehen, wird er erfolgreich sein. Das Bild entstand während der Feier der Gemeinde-Fusion in Stadtlohn im Herbst 2006.
Regionalbischof Janssen über die Strukturreform im Bistum
Suche nach Antworten auf drängende Fragen
Bistum. Die Strukturreform im Bistum Münster beschäftigt die Pfarrgemeinden und ihre Seelsorger nicht erst seit dem Ende des Diözesanforums im Jahr 1997. Regionalbischof Heinrich Janssen, seit mehr als 30 Jahren in leitender Funktion im Bistum, erinnert sich, dass im Bistum Münster schon seit langem konkrete Schritte gegangen wurden, um unter wechselnden Voraussetzungen lebendige Pfarreien zu erhalten.
"Bereits auf Anregung von Bischof Joseph Höffner (1962 bis 1969) hatte eine Planungsgruppe einen Strukturplan für das Bistum Münster erarbeitet", sagt Regionalbischof Heinrich Janssen gegenüber Kirche+Leben. Nach seiner Erinnerung gehörten beispielsweise Josef Homeyer (damals Leiter des Schuldezernats), Domkapitular Heinrich Kreyenberg (Bischöflicher Kommissar für den Niederrhein) und Domkapitular Wilhelm Stammkötter (ab 1967 Leiter der Planungsabteilung für die Seelsorge im Bistum Münster) zu den Mitgliedern des Gremiums.
Konsequenzen formulieren
Nach der Berufung von Bischof Höffner zunächst als Koadjutor und später als Erzbischof von Köln legte sein Nachfolger Bischof Heinrich Tenhumberg (1969 bis 1979) bald nach seiner Amtseinführung diesen Strukturplan zur Diskussion vor. "Es geht um den Versuch, die nachkonziliare Situation der Kirche von Münster in ihrer Problematik zu formulieren und die Konsequenzen für unser Bistum zu ziehen. Dieser vorliegende Plan ist kein konkreter Organisations- und Stellenplan, sondern eine Zielvorstellung", schreibt Wilhelm Stammkötter. Der Domkapitular verweist in seinem Vorwort zu dem Strukturplan darauf, dass die "Verwirklichung der Diskussionsergebnisse" nach einer breiten und gründlichen Diskussion vom Bischof mit den entsprechenden Gremien entschieden werde.
Bereits vor 40 Jahren wurden in diesem Papier Perspektiven einer künftigen Territorialstruktur zum Beispiel einer Großpfarrei vorgelegt. "Ähnlich wie sich die Pfarrgemeinde vergangener Jahrhunderte deutlich den vorgegebenen weltlichen Lokalstrukturen anpasste, sollte es auch heute sein", heißt es in dem Strukturplan. "Die Lokalgemeinde umfasst heute einen größeren Raum als in früheren Epochen; das zeigt sich im gesellschaftlichen, politischen und im kulturellen Leben... Wir müssen in Zukunft – und die Gebietsreform macht greifbare Fortschritte – mit Großgemeinden (von 20 000 Einwohnern aufwärts) und mit Großkreisen rechnen. Die Kirche darf in ihren Territorialstrukturen diese Entwicklung nicht ignorieren, wenn sie den Erfordernissen der Seelsorge gerecht werden will. Auch die territoriale Grundeinheit der kirchlichen Struktur muss in Zukunft auf die Großgemeinde verlagert werden, die als ›Großpfarrei‹ die zukünftige territoriale Grundeinheit der kirchlichen Struktur werden muss."
Am 19. Dezember 1975 legte Bischof Tenhumberg den Pastoralplan "Schwerpunkte für die Heilsseelsorge im Bistum Münster" vor. Schon damals war der Eindruck in den Pfarrgemeinden und in der Bistumsleitung entstanden, dass die Zeit Antworten auf drängende strukturelle Fragen verlangte. Denn Bischof Tenhumberg schrieb in seinem Vorwort: " In der gegenwärtigen Situation des Bistums ist ein Zusammenstehen aller notwendiger denn je."
Mit seinem Pastoralplan wollte der Bischof das Profil des Bistums schärfen. "Die seelsorgliche Situation in den verschiedenen Gemeinden des Bistums Münster ist von einer großen Vielfalt", heißt es in dem Text, der im weiteren Verlauf die Frage aufwirft, dass angesichts einer zum Teil verwirrenden Vielfalt von Reformen und Zielvorstellungen die Frage drängender gestellt werden müsse, wohin die Kirche im Bistum Münster eigentlich steuere. Für Janssen ist dieser Pastoralplan von 1975 ein entscheidender Schritt, weil er – wie es in dem Text heißt – eine Linie aufzeigen will, "die für die seelsorgliche Arbeit in den nächsten Jahren bestimmend und prägend sein soll."
Dieser Plan, so erinnert sich Janssen, war wesentlich beeinflusst durch die Erfahrungen, die Bischof Tenhumberg durch seine Reisen in der Diözese selbst gesammelt hat.
Die Erneuerung der Gemeinden und ihrer pastoralen Dienste aus einem lebendigen und unverkürzten Glauben an Jesus Christus wird als vorrangige Aufgabe beschrieben. Es gehe um die "Communio mit Gott und den Menschen", heißt es im Papier. "Sowohl das Verlangen der heutigen Menschen nach Kommunikation untereinander als auch ihre Frage nach dem, der ihrem Leben Sinn geben kann, findet Antwort in der Communio der Kirche", schreibt Tenhumberg in seinem Pastoralplan. Neben diesen inhaltlichen Schwerpunkten enthielt der Plan auch eine strukturelle Zielsetzung, erinnert sich Regionalbischof Janssen.
So wird der Pfarrverband als Ebene der Schwerpunktbildung vorgestellt. "Dieser Plan ist das Ergebnis eines langen Weges", resümiert Janssen. Zwei Jahre später hatte der damalige Generalvikar Hermann-Josef Spital, der schon unter Höffner an dem ersten Strukturplan wesentlich mitgearbeitet hatte, eine Arbeitshilfe zum Pastoralplan herausgegeben.
Spital legte in seinem Vorwort den Finger in die Wunde: "Das Echo auf die Veröffentlichung dieses Plans war innerhalb und außerhalb des Bistums anerkennend und im Ganzen zustimmend... Dieses positive Echo kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nur an wenigen Stellen über den Pastoralplan gesprochen worden ist. Offensichtlich hat man weithin das Empfinden, dass ein Gespräch in Pastoralkonferenzen oder im Pfarrgemeinderat wenig bringt."
Die Arbeitshilfe war ein Versuch, dieses ausgebliebene Gespräch in den kirchlichen Gremien anzustoßen, um den Pastoralplan auf diese Weise stärker im Denken und Handeln der Verantwortlichen zu verankern.
Bischof Tenhumberg starb im September 1979. Ein Jahr später setzte der neue Bischof von Münster, Reinhard Lettmann, diesen Pastoralplan – in den inzwischen Anregungen und Erfahrungen eingearbeitet worden waren – in Kraft. Diese Fassung, wegen ihres blauen Umschlags auch "blaues Wunder" genannt, war mit einem Anhang versehen, der Stellungnahmen und Erfahrungsberichte sowie ein Schaubild enthielt, das helfen sollte, den Plan zu vermitteln.
"Ich weiß nicht, ob es in Deutschland ein zweites Bistum gibt, wo pastorale Weiter- und Neuentwicklung kontinuierlich unter drei Diözesanbischöfen über mehr als 40 Jahre betrieben worden ist", fasst Regionalbischof Janssen die Entwicklungen zusammen.
Strukturfrage diskutiert
Die pastoralen und strukturellen Überlegungen wurden dann weiterentwickelt. Während des Diözesanforums (1994 bis 1997) wurde die "Kommission 13" zusätzlich eingerichtet, die sich mit Strukturfragen beschäftigte. Am Ende setzte der Bischof viele der gefassten Beschlüsse in Kraft.
Bischof Lettmann verwies bei der Beschlussfassung darauf, dass aufgrund der soziologischen, pastoralen, finanziellen und personellen Entwicklung man auch den Mut haben müsse, bisher selbstständige Gemeinden zur Muttergemeinde zurückzuführen.
"Die Fusion ehemals selbstständiger Gemeinden ist seit 1997 als ein Weg, neue Strukturen zu schaffen, begangen worden", sagt Janssen. Stand am Anfang die Frage im Vordergrund, ob die Fusion mehrerer Gemeiden zu einer neuen Pfarrei der richtige Weg sei, kamen später immer mehr Fragen auf, was bei der Gründung einer neuen Pfarrei beachtet werden muss, wie das Zusammenwachsen gefördert werden kann, wie persönliche Nähe erhalten bleiben kann und wieviel Zeit den Gemeinden für diesen Weg bleibt.
Bei allen Strukturfragen muss nach Meinung von Weihbischof Janssen immer wieder deutlich gemacht werden, dass inhaltliche und geistliche Impulse von Nöten sind.
"Wir können uns nicht mehr mit dem Erbe begnügen, so richtig es auch sein mag. Wir müssen das Geschenk Gottes unter neuen Bedingungen annehmen ...", beschrieben bereits 1996 die französischen Bischöfe in einem Brief die Veränderung der Kirche in der modernen Zeit.
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Text: Jürgen Kappel | Foto: Jürgen Kappel in
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