
Kardinal Óscar Andrés Rodríguez Maradiaga (67), seit 1993 Erzbischof von Tegucigalpa (Honduras), seit 2007 Präsident von Caritas-International. Unser Bild zeigt ihn beim Weltjugendtag 2008 im australischen Melbourne.
Kardinal Óscar Andrés Rodríguez Maradiaga
Prophet globaler Solidarität
Bistum / Honduras. Zurzeit besucht Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga Münster. Am Samstag (09.01.2010) ist er Ehrengast beim Neujahrsempfang des Diözesankomitees der Katholiken. Der sprachenbegabte Kardinal gilt weltweit als geachtete Stimme Lateinamerikas. In seiner Heimat Honduras ist die politische Lage brisant. Rodríguez hatte, um die Demokratie zu schützen und Gewalt zu verhindern, den Sturz des Präsidenten verteidigt.
Seinem Lachen kann man sich nicht entziehen. Es nimmt einen gefangen, weil es Wärme, Geborgenheit und Zuversicht ausstrahlt. Eine Zuversicht, die ansteckend wirkt. Ihn wegen dieser gewinnenden Eigenschaften aber als unbedarft einzuschätzen, wäre naiv. Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga, Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras, ist bei aller Liebenswürdigkeit im Umgang ein streitbarer Verfechter für die Armen Lateinamerikas und der Welt. Und in der Auseinandersetzung für ihre Interessen schöpft der 67-jährige Kardinal oft aus dem Wortschatz der Propheten. So las er ob der verheerenden Auswirkung der Finanzkrise den Mächtigen aus Wirtschaft und Politik die Leviten:
"Die Räuber heutzutage tragen Maßanzüge und spielen Golf. Sie stehen an der Spitze großer Unternehmen und haben alles zu ihrem Vorteil gerichtet. Oft geben die Reichen den Armen noch einen Tritt, damit sie keinen Platz am gedeckten Tisch bekommen. Dabei müssten sie nur ein wenig zuammenrücken. Dann wäre Platz für alle", schimpfte Rodríguez in der Wiener Zeitung "Die Furche".
Der Entfesselung des Marktes in der globalisierten Welt setzt der Kardinal eine "Globalisierung der Solidarität" entgegen. Darunter versteht er ganz konkrete Forderungen wie zum Beispiel die Bedürfnisse seines Nächsten zu entdecken und befriedigen, die Umwelt zu schützen, Korruption zu bekämpfen, Arbeitplätze zu schaffen und Bildung zu ermöglichen. Dieses Denken möchte er in den Köpfen der Mächtigen verankern.
Unermüdlich ist Rodríguez, der dem Orden der Salesianer Don Boscos angehört, im In- und Ausland unterwegs und legt als Anwalt der Armen in seinen Reden und Predigten den Finger in die Wunde, wenn er auf die Not in den Ländern der so genannten Dritten Welt aufmerksam macht. Der Geistliche weiß, wovon er spricht. Er kennt die Armut aus seinen seelsorgerischen Erfahrungen als Priester und Bischof. Rodríguez redet nicht nur von der Kanzel oder dem Podium über das Schicksal der Armen, er geht zu ihnen. In Honduras ist sein Auftritt bei einer Demonstration im Siria-Tal vor mehreren Jahren unvergessen. Im flatternden, roten Kardinalsgewand setzte er sich an die Spitze von tausenden Demonstranten, die den von einem französisch-kanadischen Konsortium geplanten Bau einer Goldmine verhindern wollten. Ihr Lebensraum war in Gefahr. Sollte die Mine errichtet werden, würden verseuchte Böden und Schutthalden bleiben und damit den Bewohnern nur die Flucht.
In einem donnernden Manifest wetterte Rodríguez gegen die Bestechlichkeit der Regierungsfunktionäre und die "simple Propaganda jener, die Versprechen machen und sie nicht halten". Mit solchen Worten hat er sich bei den Mächtigen des Landes, denen das Leben der Armen weniger als nichts wert ist, keine Freunde gemacht. Das ist dem Kardinal bewusst. Und auch wenn er zum Vorsitzenden des vom damaligen Staatspräsidenten eingesetzten Anti-Korruptionsausschusses bestellt wurde, weiß er, dass vielen seine kritische Haltung nicht passt.
Rodríguez ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Gremien und arbeitet in mehreren Kongregationen im Vatikan mit. Die wirtschaftliche und politische Situation Lateinamerikas ist ihm durch seine Tätigkeit als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM (1991 bis 1995) bestens vertraut. Er war Generalsekretär der CELAM und von 1995 bis 1999 ihr Vorsitzender.
In seiner Heimat ist der Kardinal ein Star, eine Ikone. Die Menschen lieben ihn und sehen in ihm den großen Hoffnungsträger für ihr Volk. Er gilt als höchste moralische Instanz in Honduras. Sein Bild ziert die Titel der Regenbogenpresse ebenso wie T-Shirts, Tassen und Buchcover. Als Vorsitzender einer landesweiten katholischen Medienstiftung ist Rodríguez Dauergast im stiftungseigenen Radio- und Fernsehsender. Professionell agiert er vor laufender Kamera oder in Talkshows. Gewandt versteht er es, die Gespräche immer wieder in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken, und in Sekundenschnelle hat er Argumente und Zahlen parat, um seine Thesen zu untermauern. Perfekte Voraussetzungen, um mit Macht und Erfolg für die Anliegen derer zu kämpfen, die keine Stimme haben. Aber auch perfekte Voraussetzungen für eine außergewöhnliche Karriere.
Bereits beim letzten Konklave 2005 galt der sechs Sprachen fließend sprechende Kardinal als "papabile", als potenzielles Oberhaupt der katholischen Kirche. Der Kardinal selbst hat auf diese Frage eine Standardantwort parat: Der Heilige Geist werde im Konklave die geeignete Person bestimmen. Er selber könne sich allerdings vorstellen, dass ein Papst aus dem Süden helfen könnte, den Konflikt zwischen Nord und Süd zu überwinden. Und irgendwann werde es einmal dazu kommen.
Jetzt ist Rodríguez erneut in die Schlagzeilen geraten. Dieses Mal erntete er heftige Kritik wegen seiner Positionierung im Machtkampf in seinem Heimatland Honduras. Als "Putsch-Kardinal" wurde Rodríguez vor allem von linksorientierten lateinamerikanischen (und deutschen) Medien beschimpft, weil er im Namen der Bischofskonferenz den bisherigen Präsidenten Manuel Zelaya während der gewaltsamen Absetzung und Abschiebung im Juni vor einer Rückkehr nach Honduras gewarnt hatte. Um, wie er sagte, weitere Gewalt zu verhindern. Selbst der argentinische Friedensnobelpreisträger Perez Esquivel kritisierte den Kardinal. Die "Komplizenschaft mit der Militärdiktatur" entspreche nicht dem Geist des Evangeliums, hieß es in einem Brief von Esquivel. Dagegen äußerten die lateinamerikanischen Bischöfe ihre Solidarität mit der Position ihres Amtsbruders. Mit ihm sind sie sich einig: Den grassierenden Virus der willkürlichen Verfassungsänderungen mit dem Ziel, die Amtszeiten der jeweiligen Machthaber zu verlängern, lehnen sie ab. Und genau das hatte Zelaya versucht. Er wollte gegen das Parlament und das oberste Gericht eine Verfassungsänderung durchsetzen und so seine Wiederwahl ermöglichen.
Auch Prälat Bernd Klaschka, Geschäftsführer des Lateinamerikawerkes Adveniat, stützt den Kardinal. Rodríguez habe vor allem auf die Ursachen der Krise hinweisen wollen: soziale Ungerechtigkeit, ausufernde Gewalt, Korruption und Machtmissbrauch. Da habe die Kirche eindeutig für die Menschen Partei ergriffen.
Kürzlich übte Rodríguez erneut scharfe Kritik. In einem Interview mit der "FAZ" betonte er, die Ablösung des Präsidenten sei verfassungskonform. Er beschuldigte den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, angebliche Volksproteste gegen die Absetzung organisiert und Waffen ins Land geschmuggelt zu haben. Die katholische Kirche, die eine hohe moralische Autorität genieße, setze sich wieder einmal zur Wehr, "dass fremde Kräfte sich des Landes bemächtigen". Rodríguez lässt sich nicht das Wort verbieten. Da bleibt er sich treu. Ganz im Stil der alttestamentlichen Propheten.
Lebens-Stationen: Óscar Rodríguez Maradiaga
Einseitigkeit liegt ihm nicht. Óscar Rodríguez Maradiaga, am 29. Dezember 1942 in Tegucigalpa geboren, studierte und unterrichtete als Gymnasiallehrer Physik, Mathematik und Chemie. Er erwarb ein Diplom in klinischer Psychologie und Psychotherapie und absolvierte ein Studium in Philosophie und Theologie. Er spricht sechs Sprachen (Spanisch, Italienisch, Französisch, Portugiesisch, Englisch und Deutsch) fließend und beherrscht Latein und Griechisch. Rodríguez spielt Saxophon und Klavier, hat Harmonie, Komposition und Kontrapunkt gelernt.
Mit 19 Jahren (3. Mai 1961) tritt er in die Gemeinschaft der Salesianer Don Boscos ein. 1962 erwirbt er die Voraussetzungen, um an den Grundschulen in El Salvador zu unterrichten. Von 1962 bis 1965 studiert er Naturwissenschaften und Mathematik und wird Gymnasiallehrer in San Salvador. Am 28. Feburar 1970 wird er in Guatemala zum Priester geweiht. vin 1971 bis 1975 ist er Direktor des Salesianerinstituts in Guatemala und von 1974 bis 1978 Rektor der Theologiefakultät an der Francisco-Marroquín-Universität in Guatemala.
Am 8. Dezember 1978 wird er zum Bischof geweiht und wird Weihbischof in Tegucigalpa. Sein Wahlspruch lautet: "Mihi vivere Christus est – Christus ist für mich das Leben." Am 8. Januar 1993 wird er zum Erzbischof von Tegucigalpa ernannt. Seit 1999 ist er Vorsitzender der Bischofskonferenz in Honduras. Am 21. Feburar 2001 wird Rodríguez im Konsistorium von Johannes Paul II. zum Kardinal erhoben.
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Text: Jürgen Kappel | Foto Michael Bönte in
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