
Der 28. Dezember ist der Gedenktag der unschuldigen Kinder, die auf Befehl von König Herodes getötet wurden.
Der Vater von Nicole Glocke war Stasi-Spion
"Wir waren nicht sein eigentliches Leben"
Kurz vor neun zerreißt die Türklingel die Stille des sonnigen Sonntags. Noch im Schlafanzug steht die Mutter vom Frühstückstisch auf und öffnet fünf Männern die Tür. "Bundeskriminalamt, wir müssen die Wohnung durchsuchen", sagt einer der Beamten. Danach warten sie in der Wohnung auf den Vater, der auf Dienstreise ist. Als er nicht auftaucht, sind die Beamten sicher: "Der hat sich in die DDR abgesetzt." Doch am nächsten Morgen verhaften sie ihn - im Büro, als er sich gerade an seinen Schreibtisch setzt.
Zurück in der Wohnung in Bochum bleiben Nicole Glocke, ihre neun Jahre ältere Schwester und ihre Mutter, ratlos und ahnungslos: Der Ehemann und Vater entpuppt sich als Agent der DDR-Staatssicherheit.
"Es sind nur Fetzen, an die ich mich erinnere", sagt Nicole Glocke über diesen Sonntag, den 28. Januar 1979. Damals war sie neun Jahre alt. "Mir war klar, dass mein Vater verhaftet worden ist." Das Wort Spionage fiel, "aber ich wusste ja gar nicht, was das ist".
Die Mutter ahnte nichts vom Doppelleben ihres Mannes. Sie erklärte Nicole auch nicht, warum er 1980 dann zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Bis vor wenigen Jahren haben selbst entfernte Verwandte geglaubt, Nicole Glockes Vater habe wegen Steuerhinterziehung hinter Gittern gesessen.
Verurteilt wurde er als DDR-Agent. Vor der Verhaftung arbeitete der Vater beim Energiekonzern RWE in Essen, er trat auf Geheiß der Stasi in die CDU ein, spionierte über seinen Arbeitgeber und im Umfeld des zeitweiligen CDU-Generalsekretärs Kurt Biedenkopf.
Viel mehr weiß Nicole Glocke nicht. Der Großteil der relevanten Akten ist verschwunden: "Ich weiß nicht, wann mein Vater angefangen hat oder wie der Kontakt zur Stasi entstanden ist." Als Historikerin hat Nicole Glocke sogar einige erhaltene Agentenberichte ihres Vaters einsehen können. Antworten fand sie kaum.
Für Klarheit sorgen könnte der Vater. Der aber erzählt nicht viel. "Sein Gefängnisaufenthalt wurde als Tabuthema behandelt", erinnert sich Nicole Glocke an die 1980er Jahre. Nach der Haftentlassung hätten sich die Eltern um Normalität bemüht. Nicht einfach mit dem Wissen, dass manche angebliche Dienstreise anderen Zwecken diente, dass der Vater sogar als "Romeo" in Stasi-Diensten tätig war, andere Frauen unter Vorspielen von Gefühlen ausgehorcht hat. "Mein Vater hat ein anderes Leben geführt", sagt Nicole Glocke nüchtern. "Sein eigentliches Leben, das waren nicht wir."
Heute bedauert die 40-Jährige, als Jugendliche die Stasi-Tätigkeit nicht energischer angesprochen zu haben: "Mein Vater hätte doch einfach mal sagen können: Ich erkläre dir jetzt, warum ich das gemacht habe." Eine solche Erklärung gibt es bis heute nicht.
Dass Nicole Glockes Vater aufflog, verdankt er einem Stasi-Kollegen: Am 18. Januar 1979 tritt Oberleutnant Werner Stiller am Bahnhof Friedrichstraße nach West-Berlin über - geheime Unterlagen im Gepäck. Mit deren Hilfe enttarnt das Bundeskriminalamt unter anderem den Agenten mit dem Decknamen "Bronze".
Als Mitarbeiterin der Bonner Bundestagsverwaltung zieht Nicole Glocke 1999 nach Berlin. Dort sorgen äußere Einflüsse dafür, dass sie zu recherchieren beginnt: Ihr Nachbar ist der Sohn des Anwalts Wolfgang Vogel, der für die DDR den Freikauf politischer Häftlinge durch die Bundesrepublik organisierte. "Außerdem musste ich jeden Tag am Bahnhof Friedrichstraße umsteigen, dort, wo Werner Stiller übergelaufen war." Auch eine konspirative Stasi-Wohnung, in der der Vater verkehrte, liegt in Bahnhofsnähe – vom Bahnsteig gesehen jenseits der Spree.
Nicole Glocke am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. In der Hand hält sie eine Akte mit Stasi-Berichten ihres Vaters. In dem Gebäude im Hintergrund lag eine konspirative Wohnung, in der er sich bisweilen aufhielt. |
Beharrliches Schweigen
"Da kam etwas hoch, über das ich nie vorher nachgedacht hatte, das aber präsent war", sagt Nicole Glocke. Ihr Vater schwieg weiter – auch 20 Jahre nach der Verhaftung, zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR. "Diese Kritik an ihm erhalte ich aufrecht."
Da über den Vater nichts herauszufinden ist, sucht, findet und trifft Nicole Glocke den Überläufer Werner Stiller. Dieser bringt sie mit seiner Tochter Edina zusammen. Diese und Nicole Glocke freunden sich an, schreiben gemeinsam ein Buch. "Verratene Kinder" heißt es. Inzwischen findet die freiberufliche Autorin, sie sei ihren Vater darin "zu hart angegangen": "Ich würde das heute gar nicht mehr so schreiben."
Und doch hilft ihr das Buch. Zum einen beim Verarbeiten. Zum anderen dabei, den Vater zu verstehen. Denn nach Erscheinen des Buchs meldet sich Markus Wolf bei ihr, der 34 Jahre lang Chef der Auslandsspionage der Stasi gewesen war. Nicole Glocke trifft ihn mehrfach, hört ihm zu.
Wolf habe sie nicht kritisiert wegen ihres Buchs, erinnert sich die Autorin. Er habe auch nicht um Verständnis für ihren Vater geworben. "Eigentlich hat er nur über sich gesprochen." Dabei aber vermittelte Wolf einen hilfreichen Eindruck von seinen Motiven - und von denen vieler Stasi-Mitarbeiter.
Von der Kriegserfahrung war da die Rede, von großen politischen Idealen weit außerhalb der DDR-Realität, vom Wunsch, ein neues Nazi-Reich auf jeden Fall zu verhindern, und vom zähen Willen, aus Armut und einfachen Verhältnissen aufzusteigen. Vieles davon erlebte Nicole Glockes Vater im Ruhrgebiet.
"Mein Vater war Sozialist und überzeugt, dem besseren der beiden deutschen Staaten zu dienen." Heute kann die 40-Jährige nachvollziehen, was ihr Vater gemacht hat: "Ich habe mich damit arrangiert."
Dennoch bleibt bis heute das Schweigen des Vaters - und das Schicksal von Frau und Töchtern. "Es ist schon ein Ding, eine Familie zu gründen in dem Wissen, dass man jeden Tag enttarnt werden kann", findet Nicole Glocke. Aber ihr Vater habe hinter allem das "große Ganze" gesehen, "für das man Opfer bringen muss".
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Text: Jens Joest | Foto: Jens Joest
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