
Das Forum "Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren" fand im Franz-Hitze-Haus in Münster statt.
Forum zu Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren
Wissenschaftler rechnet mit weiteren Missbrauchsfällen
Münster. Die Diskussion um Missbrauch und Gewalt in Heimen, Schulen und Internaten ist nach Ansicht des Diplom-Pädagogen Christian Schrapper noch lange nicht zu Ende. "Die Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychatrie werden als nächstes auf der Tagesordnung stehen", sagte der Wissenschaftler der Universität Koblenz am Dienstagabend (09.03.2010) bei einem Forum zum Thema "Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren" in Münster.
Neben Schrapper sprach bei der Veranstaltung im Franz-Hitze-Haus auch Johannes Stücker-Brüning, Geschäftsführer der Kommission für caritative Fragen bei der Deutschen Bischofskonferenz. Beide gehören dem Runden Tisch Heimerziehung an, den der Deutsche Bundestag bereits Ende des Jahres 2008 eingesetzt hat. An dem Forum nahmen rund 35 Menschen teil.
Als eine der Ursachen für die Misshandlungen in Kinderheimen führte Christian Schrapper die "kasernierte Unterbringung in geschlossenen Systemen" an. Viele Ordensschwestern etwa seien mit der Betreuung von 15 bis 25 Kindern schlicht überfordert gewesen, sagte er. In Gesprächen hätten ihm Betreuerinnen von damals bestätigt, dass der "Alltag nicht zu bewältigen" gewesen sei. Damit wolle er das geschehene Unrecht allerdings keineswegs rechtfertigen, erklärte der Wissenschaftler. Er gehe davon aus, dass es materielle Entschädigungen oder - wie er sagte - eine "Anerkennung des Leids" für die Heimkinder geben werde, sagte Schrapper, der sich bereits seit 1985 mit dem Thema Heimerziehung befasst.
Der Diplom-Pädagoge Christian Schrapper sprach beim Forum im Franz-Hitze-Haus in Münster. |
Im Gefängnis schöner als im Heim
Ehemalige Heimkinder, die später aufgrund von Straftaten in Gefängnisse gekommen seien, hätten ihm gegenüber erklärt, dass es "im Knast" schöner gewesen sei als zuvor im Heim, weil es dort zumindest feste Regeln statt Willkür gegeben habe. Im Gegensatz zu Kindern, die in Familien misshandelt würden, hätte es die in den so genannten "Fürsorgeeinrichtungen" oft schwerer getroffen. "Nur in den Heimen waren die Kinder so schutzlos und ausgeliefert", sagte Schrapper. Während misshandelte Kinder in Familien meist bei der Mutter oder anderen Verwandten einen Ansprechpartner gefunden hätten, seien die Betroffenen in Heimen damals meist völlig auf sich allein gestellt gewesen.
Zudem mangelte es vielen Kinderheimen an einer wirksamen "internen und externen Aufsicht und Kontrolle", erklärte Schrapper. Außerdem habe es ein ausgeprägtes Desinteresse der Gesellschaft an der Situation in den Heimen gegeben.
Jugendliche waren schutzlos ausgeliefert
Johannes Stücker-Brüning ging in seinem Vortrag auf die Ergebnisse des Zwischenberichts des Runden Tischs Heimerziehung ein. Nach den Angaben des Vertreters der Bischofskonferenz lebten zwischen 1949 und 1975 rund 800.000 Kinder und Jugendliche in Heimen. Etwa 300.000 von ihnen seien in einer der 500 bis 600 katholischen Fürsorgeeinrichtungen untergebracht gewesen. Stücker-Brüning sprach von einem "System Heimerziehung". In diesem seien die Jugendlichen nicht nur als Objekt wahrgenommen worden, sie "waren der Heimerziehung schutzlos ausgeliefert".
Die Mitte Januar von der Bischofskonferenz eingerichtete Telefon-Beratung für ehemalige Heimkinder hat laut Stücker-Brüning bislang 256 Beratungsgespräche am Telefon und 38 Beratungen über das Internet durchgeführt. Die Gespräche dauerten in der Regel 30 bis 90 Minuten. Viele der Anrufer seien dankbar, dass sie ihre persönliche Geschichte jemanden erzählen könnten, Beschimpfungen seien dagegen die Ausnahme, erklärte der Vertreter der Bischofskonferenz.
Zudem verwies er darauf, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, bereits im Juni vergangenen Jahres das begangene Unrecht in den katholischen Einrichtungen bedauert habe. Die katholische Kirche betreibe derzeit eine "intensive Aufklärung".
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
- Kirche startet Telefonberatung für ehemalige Heimkinder (11.01.2010)
- Kirche von A bis Z: Deutsche Bischofskonferenz
Mehr zum Thema im Internet:
Text: Georg Thomas | Foto: Georg Thomas
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