
Bemühen sich um Aufklärung: (v.l:) Schwester Adelgert Daubert, Heimleiterin Schwester Mechtild Knüwer, Vereinsvorsitzender Peter Frings und Harald Weichert, pädagogischer Leiter im Vinzenzwerk.
Stellungnahme zu Missbrauchsvorwürfen
Vinzenzwerk entschuldigt sich bei möglichen Opfern
Münster. Das Vinzenzwerk in Münster-Handorf hat sich bei möglichen Opfern von sexuellem Missbrauch und Misshandlungen in der Einrichtung entschuldigt. Vertreter des sozial- und heilpädagogischen Kinder- und Jugendheims sowie der Schwestern Unserer Lieben Frau, die in der Einrichtung tätig sind, nahmen am Donnerstag (04.03.2010) Stellung zu aktuellen Vorwürfen.
Das Vinzenzwerk nutze alle ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, um zur Klärung der Fälle beizutragen, betonten die Heimleiterin Schwester Mechtild Knüwer und Peter Frings, der Vorsitzende des Vereins Vinzenzwerk Handorf. "Wenn sich Betroffene melden sollten, werden wir alles mögliche tun, um den Menschen bei der Aufklärung ihrer Geschichte behilflich zu sein", sagte Frings. So würden den Betroffenen ihre Akten zur Verfügung gestellt. Wenn ein Missbrauchsfall bekannt werden sollte, würde das Vinzenzwerk "unverzüglich das Landesjugendamt und die Staatsanwaltschaft einschalten".
Züchtigungen sind nicht auszuschließen
Ein ehemaliger Zögling, der in den 1950er Jahren im Heim lebte, hatte angegeben, dort von einem Priester sexuell missbraucht und von den Ordensschwestern gezüchtigt worden zu sein. Der Mann war von 1950 bis 1961 im Vinzenzwerk untergebracht. Anschließend kam er ins Salvatorkolleg, eine Jugendhilfe-Einrichtung in Hövelhof im Erzbistum Paderborn - und mit ihm seine Akte. Aufgrund der Vorwürfe, die das Vinzenzwerk betreffen, habe Schwester Mechtild mehrmals darum gebeten, die Akte einsehen zu dürfen, was jedoch abgelehnt wurde. Daher könnten sie "zu diesem konkreten Fall leider nichts sagen", bedauerte Frings. Bis Mitte 2009 sei der Mann regelmäßiger Gast im Vinzenzwerk gewesen und habe Kontakt zu den Schwestern gepflegt.
Dass es, wie der Mann angibt, körperliche Züchtigungen etwa durch den Rohrstock gegeben habe, kann Frings nicht ausschließen. Ein Strafenkatalog des Hauses aus dem Jahr 1910, in dem mögliche Strafen gegen Kinder aufgelistet sind, sieht solche Züchtigungen ausdrücklich vor. Frings: "Wir müssen davon ausgehen, dass diese Strafen angewendet wurden."
Weitere Betroffene melden sich
Am vergangenen Dienstag habe sich ein weiterer Betroffener telefonisch bei Schwester Mechtild gemeldet. Der Mann, der bis 1970 im Haus lebte, gab an, dass es durch einen Priester und einen männlichen Erzieher zu sexuellen Übergriffen gekommen sei. Da der Mann anonym blieb, konnten auch seine Vorwürfe bisher nicht geprüft werden. "Solange wir nicht wissen, wer es ist, können wir nichts tun", sagte Schwester Mechtild. Einem dritten ehemaligen Bewohner, der sich gemeldet hatte, kann seine Akte zur Verfügung gestellt werden.
Ob die Akten überhaupt Aufschluss über die Fälle geben können, sei fraglich. Sie seien "sehr kurz gefasst, sehr defizitär orientiert und mit einer Sprache, die wir heute nicht mehr verwenden würden", sagt Erziehungsleiter Harald Weichert. Die Auskünfte über die Kinder seien wenig wertschätzend. Auch über die Ordensschwestern sei eine Aufklärung nicht mehr möglich. "Aus den 50er Jahren gibt es keine Schwester mehr, die man befragen kann", sagte Schwester Adelgert Daubert, die beauftragt wurde, sich um Vorwürfe zu kümmern, die sich gegen Einrichtungen des Ordens richten. Sie hatte das Haus in den 1950er Jahren kennen gelernt, als sie als Fürsorgerin regelmäßig dort tätig war. Damals herrschten "härtere Bedingungen", sagte Schwester Adelgert. Sie habe aber weder solche Züchtigungen angewendet noch beobachtet, dass andere sie anwendeten.
Mit dem Schicksal von Heimkindern, die in katholischen Einrichtungen der Nachkriegszeit körperliches oder seelisches Leid erlitten haben, hatte sich im Bundestag ein "Runder Tisch" beschäftigt. Die Deutsche Bischofskonferenz richtete eine Telefon-Hotline ein, bei der ehemalige Heimkinder ihre Lebensgeschichte erzählen und sich therapeutisch beraten lassen können.
Offener Umgang mit Vorwürfen
Über die Vorwürfe gegenüber dem Vinzenzwerk hat Schwester Mechtild am vergangenen Montag alle Mitarbeiter der Einrichtung in Kenntnis gesetzt und die Gruppenleiter aufgefordert, auch "die Kinder und Jugendlichen in angemessener Form zu informieren". Die Heimleiterin bittet weitere mögliche Opfer, sich bei ihr zu melden. Nur so bestehe eine Chance, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. "Wir haben Interesse daran, alles aufzuklären", betonte Peter Frings. "Das Bedauern über das, was vorgekommen ist, und die Schäden, die daraus möglicherweise entstanden sind, gilt auch für uns Schwestern", sagte Schwester Adelgert. "Das tut uns Leid."
Das Vinzenzwerk in Münster-Handorf besteht seit 1912 und war traditioneller Weise ein Zufluchtsort für Waisen. Die Geschichte des Hauses ist eng verbunden mit dem Orden der Schwestern Unserer Lieben Frau, die in der Einrichtung tätig sind. Zurzeit gibt es im Vinzenzwerk 119 Kinder und Jugendliche, davon leben etwa 60 auf dem Gelände in Handorf, die anderen sind in Außenwohngruppen untergebracht.
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Missbrauch im Vinzenzwerk Handorf vor 50 Jahren: Bistum reagierte bereits in den 1970er Jahren (01.03.2010)
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Text: Almud Schricke | Foto: Almud Schricke
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