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22.05.2012
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Frank Wietharn

Diakon und Polizist: Frank Wietharn.

Interview mit Internetseelsorger Frank Wietharn zur Love Parade

"Für einige wird nichts mehr so sein, wie es vorher war"

Bistum. Frank Wietharn leitet das Kommissariat Vorbeugung in Goch, das für den gesamten Kreis Kleve zuständig ist. Neben seinem Zivilberuf ist er Ständiger Diakon sowie ehrenamtlich Internetseelsorger bei kirchensite.de. Durch seine Erfahrungen als Polizeiseelsorger und polizeilicher Opferschützer hat der Kriminalhauptkommissar im Lauf seiner Dienstzeit Erfahrungen in der Betreuung von Betroffenen nach Unglücken sammeln können. Nach der Katastrophe auf der Duisburger Love Parade hat er die Arbeit der von der Polizei Essen eingerichteten Notfallnummer unterstützt.

kirchensite.de: Unter welchen Bedingungen konnten Sie den Betroffenen an den ersten beiden Tagen nach der Katastrophe helfen?

Frank Wietharn: Ich war sowohl als Opferschützer der Polizei als auch als Seelsorger gefordert, zum Beispiel, wenn bereits alle Notfallseelsorger im Einsatz waren. In so einer Situation muss man zwischen den Rollen Polizeibeamter und Seelsorger auch nicht trennen. Mit den Betroffenen, die sich bei der Notfallnummer der Polizei meldeten, haben wir Gespräche geführt, um sie aufzufangen und wenn nötig an andere Einrichtungen weiterzuvermitteln. Menschen, die nicht in die Dienststelle der Polizei kommen konnten, haben Polizeibeamte für die Gespräche nach Essen gebracht und nach der Betreuung wieder zurück. Außerdem waren Betreuungsteams im Ruhrgebiet unterwegs, um Personen aufzusuchen, die sonst nicht frühzeitig betreut werden konnten. Die Teams bestanden immer aus einem Polizisten und einem Seelsorger. So konnten die betroffenen Menschen umfassend betreut werden. Die Zusammenarbeit verlief sehr harmonisch und reibungslos, obwohl die Handelnden sich ja nicht kannten und vorher noch nie zusammengearbeitet hatten. Insbesondere die Tatsache, dass sich auch spontan Ärzte und Psychologen bei der Betreuungsstelle in Essen meldeten, hat uns sehr geholfen, in schwerwiegenden Fällen kurzfristige Weitervermittlungen zu gewährleisten.

kirchensite.de: Wie haben die schrecklichen Ereignisse die jungen Menschen getroffen, die eigentlich zum friedlichen Feiern nach Duisburg gekommen sind?

Wietharn: Die Menschen, mit denen wir zu tun hatten, waren sehr traurig und wütend, einigen fehlten erst einmal die Worte, um zu sagen, was sie miterleben mussten. Sie waren auf dem Weg zu einem ausgelassenen Fest. Sie wollten entspannen und mit vielen, vielen anderen jungen Menschen richtig feiern. Die Betroffenen haben alle denkbaren Gefühlssituationen durchlebt. Viele von ihnen werden dieses Erlebnis in ihrem Leben nicht mehr vergessen. Für einige wird nichts mehr so sein, wie es vorher war. Ich hoffe und glaube aber, dass die meisten Betroffenen mit der Zeit – und das wird länger dauern – die Erlebnisse verarbeiten können. Wirklich vergessen werden sie das Geschehene wohl nie können. Jedoch soll unser Bemühen dabei helfen, dass sie damit zurechtkommen und ins Leben zurückfinden. Dabei helfen aber auch die Fachleute aus der therapeutischen Betreuung und nötigenfalls auch Trauma-Spezialisten. Wir als Kirche müssen uns diesen Fragen stellen und diese jungen Menschen begleiten. Wir müssen keine Antworten parat haben. Aber wir sollen da sein und die Menschen auf einem guten Weg der Suche unterstützen, ihnen Mut machen und ihnen Trost spenden.

kirchensite.de: Warum ist jetzt eine langfristige Kontaktstelle für Betroffene so wichtig?

Wietharn: Manche Menschen brauchen eine Zeit, um ihre Eindrücke zu sortieren und zu bewerten, um dann erst verzögert nach einem Hilfsangebot zu suchen. Menschen wollen manchmal nur schnell vergessen. Dann versuchen sie, Erlebnisse in Schubladen verschwinden zu lassen. Doch dann merken sie manchmal, dass ihre selbst ausgedachte Strategie nicht hilft und die Erlebnisse wieder nach oben kommen. So ist es eine wichtige Maßnahme, auch längerfristig eine Kontaktstelle, zum Beispiel auch über kirchensite.de, bereitzustellen. Wir Seelsorger können den Menschen zuhören und gemeinsam überlegen, was nötig und gut sein wird. Wir können ihnen erklären, was normal in ihrer Situation ist, ihnen erklären, dass sie eine Verletzung haben, die heilen muss – und die manchmal natürlich auch einen Arzt erfordert. Das Wissen darüber, welche Bilder wiederkommen können, welche Störungen noch ganz normal sind für Menschen, die so etwas erlebt haben, doch auch, wann etwas nicht mehr gut ist oder sogar gefährlich wird, hilft uns dabei, nachhaltige Seelsorge zu leisten und rechtzeitige weitere Hilfe zu organisieren.

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