
Bischof Felix Genn.
Vortrag von Bischof Genn und reger Austausch der Aktiven:
Ehrenamtliche diskutierten über ihr Engagement in der Kirche
Bistum. Zu dritt sind sie aus der Gemeinde St. Dionysius in Recke in die Halle Münsterland gekommen. Sie möchten sich informieren, welche Aufgaben in den Gemeinden "dran" sind und was kirchliche Gremien heute für die Weitergabe des Glaubens und für eine lebendige Gemeinde tun können.
Schon zu Beginn des "Tags der Ehrenamtlichen" (13.03.2010) sind die Pfarrgemeindevorsitzende Elisabeth Kleine-Harmeyer, Kirchenvorstandsmitglied Johannes Rücker und die im Liturgie-Ausschuss mitmachende Renate Gohmann mitten im Gespräch untereinander und mit den Gemeindevertretern, die aus allen Teilen der Diözese Münster kommen. Sie alle wollen den Tag nutzen, um über die Zukunft der Kirche und ihr persönliches ehrenamtliches Engagement ins Gespräch zu kommen.
Gute Anregungen
"Mir hilft dieser Austausch, weil ich so gute Anregungen für meine Pfarrgemeinderatsarbeit bekommen kann", sagt Gohmann, die in Recke Familiengottesdienste vorbereitet. Rücker beschäftigt die Frage, wie bei rückläufigen Kirchensteuereinnahmen die Kräfte so gebündelt werden können, dass keine bisherigen Aktivitäten in der Gemeinde zurückgefahren werden müssten.
"Zum Glück haben wir unsere Pfarrkirche schon 2005 saniert", meint er und wagt einen Blick in die Zukunft: "Die Phase der Gemeinde-Fusionen ist noch lange nicht vorbei. Auch in Recke müssen wir uns darauf einstellen."
Elisabeth Kleine-Harmeyer ist schon besonders gespannt auf die Ansprache von Bischof Felix Genn. Dessen Informationsbesuch kürzlich auf einem Bauernhof in Ascheberg zur Lage der Landwirtschaft habe sie mit Interesse verfolgt. "Es ist gut, wenn sich die Kirche über die Probleme der Landwirtschaft informiert", sagt die 45-Jährige, die selbst mit ihrem Mann einen Hof bewirtschaftet.
Bischof Genn begrüßt viele persönlich
Während die 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Ankunft in der Halle Münsterland dazu nutzen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, begrüßt Bischof Genn gleich zu Beginn viele persönlich und macht eine Runde zu den an den Stehtischen Versammelten. Die ersten kurzen Begegnungen machen deutlich, auf welchen Gebieten die Ehrenamtlichen aktiv sind. "Ich bin jetzt schon begeistert von dem, was in den Pfarreien geleistet wird", sagt der Bischof nach der ersten Stunde persönlicher Begegnungen.
Als erste begrüßt Margret Pernhorst dann offiziell die Gäste. Die Vorsitzende des Diözesankomitees der Katholiken macht gleich zu Beginn Mut, sich in den Gemeinden zu engagieren. "Durch unseren gelebten Glauben machen wir diese Welt besser. Darum engagieren wir uns in dieser Kirche, und wir tun es gern", sagt die Landwirtin aus Lüdinghausen, die selbst seit mehreren Jahrzehnten in der katholischen Verbandsarbeit und in kirchlichen Gremien aktiv ist.
Skandal des sexuellen Missbrauchs von Kindern
Sie regt an, dass ehrenamtliche Mitarbeit immer wichtiger werde und die Laien ihre Fachkompetenz in der Kirche besser einbringen müssten. Pernhorst spricht davon, Hauptamtliche und Ehrenamtliche "ein Team" bilden, von der Verantwortung der Laien in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, vom Mut der Ehreamtlichen, auch innerkirchlich Position zu beziehen.
Und Pernhorst nimmt Stellung zum Skandal des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester und andere kirchliche Mitarbeiter. Sie verlangt die zügige Aufklärung von Missbrauchsfällen, spricht vom Vertrauensverlust und vom Leid, das den Opfern angetan wurde. Sie spricht aber auch von der Notwendigkeit, Solidarität mit den Priestern und den Seelsorgern vor Ort zu zeigen. Sie leisteten hervorragende Arbeit und seien vom Skandal ebenfalls tief getroffen.
Beifall der Ehrenamtlichen
Die einleitenden Worte von Pernhorst finden den Beifall der Ehrenamtlichen. Viele von ihnen kennen die Diözesankomitee-Vorsitzende als engagierte Frau, die regelmäßig den Kontakt zu den katholischen Verbänden und kirchlichen Räten hält.
Einen gut einstündigen Vortrag hat der Bischof vorbereitet. Er weiß um die Bedeutung des Ehrenamts für die Kirche. Er kennt die Probleme, wenn es zwischen den Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen "knirscht". Er registriert den Wandel im Ehrenamt, das mehr und mehr projektbezogen und auf befristete Zeit ausgeübt wird.
Verse von Wilhelm Busch
Felix Genn zitiert zu Beginn Verse des humoristischen Dichters Wilhelm Busch: "Willst du froh und glücklich leben, lass kein Ehrenamt dir geben." Die schmunzelnde Reaktion der Teilnehmer zeigt, dass wohl alle Ehrenamtlichen auch die anstrengende Seite ihrer Tätigkeit kennen: die Konflikte in der Teamarbeit, die Streitereien um Kompetenzen und Anerkennung.
Der Bischof spricht von den "Schätzen", für die das Bistum dankbar sein kann, und meint damit ausdrücklich das Engagement der Gemeinde- und Verbandsvertreter. "Auch in dieser Zeit engagieren sich viele oftmals über alle Maßen in unseren Kirchengemeinden und Einrichtungen."
Viele Ehrenamtliche informierten sich an den verschiedenen Infoständen. |
Freiwilligen-Agenturen
Deutlich beschreibt der Bischof die Veränderungen im Ehrenamt und spricht von Freiwilligen-Agenturen, die in den größeren Pfarreien eingerichtet werden. Ebenso offen redet der Bischof von der nicht immer reibungslosen Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt.
"Ehrenamt ist keineswegs nur schmückendes Beiwerk, noch dient es als Lückenbüßer für die kleiner werdende Zahl von Priestern." Der Beifall an dieser Stelle des Vortrags zeigt, dass Ehrenamtliche sehr wohl um ihre Verantwortung wissen, aber eben auch mit den entsprechenden Kompetenzen ausgestattet sein wollen.
Die gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüche machen es nötig, Wert und Bedeutung der Charismen aller Getauften neu zu entdecken, zu entfalten und zur Geltung zu bringen. Der Bischof zitiert aus dem Neuen Testament und erläutert einige Text-Passagen aus den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die die "Gaben und Talente der Christen" beschreiben.
Theologisch durchdacht mit praktischen Hinweisen
Der Vortrag ist theologisch durchdacht und darauf ausgerichtet, praktische Impulse zu geben. Jeder Christ könne sich engagieren, denn jeder habe ein Talent, sagt der Bischof und wirbt bei den schon längst Engagierten, neue Mitstreiter zu suchen, um die geleistete Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen.
Der Bischof beschreibt die Vielfalt der Talente: "Habe ich das Talent, gut zuhören zu können, oder bin ich handwerklich begabt? Kann ich gut meine eigenen Glaubenserfahrungen und Glaubensgeschichten in Worte fassen, oder bin ich eher talentiert, Dinge zu planen und zu organisieren?"
Von Gott geschenkte Gnadengaben
Der Bischof spricht von der Vielfalt der von Gott geschenkten Gnadengaben und von der Entfaltung der Verschiedenheit , aber auch über die Förderung der Einheit in Jesus Christus. "Es geht um die Frage eines persönlich gelebten Glaubens, den ich als Geschenk erfahre und den ich weitererzählen und weitergeben möchte."
Die Gemeinden sollen eine vom Geist durchdrungene Gemeinschaft sein, die Gastfreundschaft ausstrahlt: auf die der Kirche Fernstehenden, auf die Suchenden, auf Konvertiten und Pilger, die auf dem Glaubensweg sind. Es gelte, den Blick nach vorn zu richten. Der Bischof erwähnt einen Brief, den er von einem 90-jährigen Priester vor wenigen Tagen zu seinem 60. Geburtstag erhalten hat. In der Rückschau auf die kirchliche Entwicklung rate er zu mehr Gelassenheit: "Jede Zeit ist Gottes Zeit."
Ehrenamtliche fühlen sich angesprochen
17 Seiten zählt das Manuskript, das der Bischof als Vorlage für seinen Vortrag nutzt. Die Ehrenamtlichen fühlen sich angesprochen und in den Ausführungen bestätigt. Margret Möller-Waltermann, die sich in Rheine in der Katholischen Landfrauen-Bewegung engagiert, ist von den Ausführungen des Bischofs begeistert: "Die Ausführungen waren theologisch und praxisbezogen. Man spürt die Herzenswärme dieses Bischofs. Er ist ein guter Verkündiger des Evangeliums."
Auch Dorothee Seifen aus Gronau, die im Pfarrgemeinderat von St. Antonius aktiv ist, fühlt sich vom Vortrag angesprochen. "Dieser Tag und der Vortrag geben mir wichtige Impulse für mein kirchliches Engagement." Die dreifache Mutter, die im St.-Antonius-Hospital beschäftigt ist, hat sich für diesen Samstag extra einen Tag Urlaub genommen."Es ist gut, die Gemeinschaft zu erleben und den Austausch zu leben." In kleinen Gruppen diskutieren die Teilnehmer über die Worte des Bischofs.
Andrea Hecht und Annegret van der Burgt, die beide in der Pfarrgemeinderatsarbeit in Kleve tätig sind, finden ebenfalls anerkennende Worte und finden an den vielen Informationsständen, die die einzelnen Fachstellen des Bischöflichen Generalvikariats in der Halle Münsterland aufgebaut haben, viele Anregungen für die praktische Gemeindearbeit: "Uns interessiert besonders die Katechese", sagen die beiden Frauen.
Zukunft der Kirche
Viele Ehrenamtliche nutzen die Mittagszeit, um für das folgende Podiumsgespräch Fragen zu formulieren und miteinander über die Zukunft der Kirche zu sprechen. Norbert Lenga aus Recklinghausen-Suderwich und Jörg Heinrichs aus Senden-Ottmarsbocholt diskutieren über die Auswirkungen des Missbrauchsskandals, der die Kirche erschüttert: "Der Vatikan muss deutlichere Worte finden. Auch die Gemeinden sollten offener über dieses Thema sprechen", findet Lenga.
Als Moderatorin Eva Voß aus Lüdinghausen am Nachmittag zum Podiumsgespräch bittet, liegen vor ihr rund 100 Fragen aus dem Publikum. Viele Themen beschäftigen sich mit der Neustrukturierung der Seelsorge und der Zukunft des ehrenamtlichen Engagements. Souverän leitet
Eva Voß das Podium mit Bischof Felix Genn und Margret Pernhorst, mit dem langjährigen Vorsitzenden des Pfarrgemeinderats der Gemeinde St. Remigius in Borken, Joachim Ladermann, mit Jonas Lewe, Pfarrgemeinderatsmitglied in St. Agatha Münster, und mit Martina Oesterwind, die sich im Kirchenvorstand der Gemeinde St. Josef in Duisburg-Friemersheim engagiert.
Heimatgefühl?
Oesterwind berichtet von einem Leitungsmodell ihrer Gemeinde, das der Kirchenvorstand und der Pfarrgemeinderat gemeinsam beschlossen habe, um den Pfarrer von den Verwaltungs- und Organisationsaufgaben zu entlasten. Sie sieht die Zusammenlegung von Gemeinden skeptisch, weil das Heimatgefühl immer mehr verloren gehe.
Ladermann, der in Borken zwei Fusionen mitvorbereitete, meinte, eine größere Pfarrei biete viele Vorteile, weil die Angebote für die Gemeindemitglieder differenzierter ausgestaltet werden könnte. Unbefangen geht der 18-jährige Lewe an sein "neues Amt" als Pfarrgemeinderatsmitglied heran: "Mir macht die Mitarbeit in der Kirche einfach Spaß. Ich denke, dass ich viel gestalten kann."
Pernhorst sieht es als notwendig an, die Ehrenamtlichen stärker zu vernetzen. Bischof Genn meinte, dass ihm das gebräuchliche Wort "Fusion" nicht gefalle: "Wir sollten besser von einer Zusammenführung von Gemeinden sprechen." Viele Konflikte, die sich mit der Zusammenlegung von Pfarreien ergeben hätten, seien auf Kommunikationsschwierigkeiten zurückzuführen. "Das müssen wir verbessern", sagte der Bischof.
Den Abschluss des Tags der Ehrenamtlichen, der musikalisch von der Pauls-Band des Borkener Pastoralreferenten Christoph Jäkel gestaltet wurde, bildete ein gemeinsamer Gottesdienst im St.-Paulus-Dom in Münster.
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Text: Johannes Bernard | Foto: Dirk Bauer
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