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17.10.2017
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Tim Michalak.

Tim Michalak hat den Skandal um Gustav Humperdinck in Xanten recherchiert.

Tim Michalak erzählt die Vorgänge in Xanten

Skandal um Humperdinck

Xanten. Ende 1878 schien der Skandal perfekt. In Xanten brodelte die Gerüchteküche, die Bürger sprachen von einer Orgie – und dies an einem katholischen Lehrerinnenseminar! Die Silberhochzeitsfeier von Gustav Humperdinck, dem Vater des berühmten deutschen Komponisten Engelbert Humperdinck, entwickelte sich zu einem Politikum, das die Hauptstadt Berlin erreichte. Kultusminister Adalbert Falk rettete nur mit Mühe seinen Kopf, und sicherte Humperdinck in der niederrheinischen Stadt für einige Jahre.

Es war die Zeit des Kulturkampfes. Preußen und später das Deutsche Reich wollten den Einfluss der katholischen Kirche aus dem öffentlichen Leben zurückdrängen. Die Regierung strebte die Trennung von Kirche und Staat an. Da traf es sich gerade recht, dass die Ministerialen einen Lehrer aus Siegburg im Blick hatten, der zwar Katholik war, aber eher dem reformorientierten Zweig zugeordnet werden konnte. Gustav Humperdinck konzipierte den Unterricht nach weltlich pädagogischen Maßstäben – er lehnte Zölibat und Keuschheit ab.

Gezielte Personalpolitik

Diesen Mann schickte das Kultusministerium im August 1877 in die Viktor-Gemeinde nach Xanten, vordergründig um in dem ehemaligen Kapuzinerkloster junge Lehrerinnen auszubilden, durchaus aber mit dem Ziel, das Seminar vom Grundsatz her zu reformieren. "Heute würden wir sagen: es war gezielte Personalpolitik", sagt Tim Michalak, der Vater und Sohn Humperdinck ein Kapitel in dem am 6. Dezember erscheinenden Buch "Du, mein Xanten" gewidmet hat.

Auf der anderen Seite stand die katholische Kirche. "Sie erwartete, dass Lehrerinnen bis zum Lebensende nach dem Vorbild Marias als Jungfrau leben sollten", sagt Michalak. "Der Vater Humperdinck galt in den Augen der Kirche nicht als rechtgläubig." Ein zentraler Vorwurf: Lehrer erteilten ohne kirchliche Lehrerlaubnis Religionsunterricht. Manche Pädagogen verweigerten die Gefolgschaft, Eltern machten Front gegen Humperdinck und meldeten ihre Töchter ab. "Sie warfen der Anstalt Sittenlosigkeit vor", sagt Michalak.

Dann kam der Tag der umstrittenen Silberhochzeit der Familie Humperdinck in Xanten. Sohn Engelbert hat den Ablauf in einem Brief festgehalten: vormittags Gratulationsbesuche, nachmittags Proben für ein Konzert, abends Bankett mit Bowle. Der Festreigen mit Theateraufführungen durch die Seminarteilnehmerinnen verlief in geordneten Bahnen. Um Mitternacht scheuchte Leiter Gustav die Mädchen ins Bett.

Unsittliche Orgien

Was gab der katholischen Gegenseite nun die Munition, um sich in Berlin zu beschweren? "Sicherlich – es wurde ein Lustspiel aufgeführt", erläutert Michalak. "Zudem trug das Fest die Bezeichnung Bankett. Dieser Begriff war in Xanten ein Synonym für unsittliche Orgien." Gründe genug, dass sich Mitte Januar 1879 der Preußische Landtag mit den Vorgängen beschäftigen musste. Die Zentrumspartei sprach vom "Tanz- und Trinkgelage im Xantener katholischen Lehrerinnenseminar". Der Bismarck-Gegner Ludwig Windthorst rechnete mit den Zuständen in Xanten ab. "Ich will die Lehrerinnen in einer ernsteren Richtung erzogen wissen", hielt er dem Reichskanzler vor.

Die Presse hatte reichsweit Futter gefunden. Gustav Humperdinck konnte noch einige Jahre in Xanten lehren, ohne dass es zu einer nennenswerten Entspannung zwischen ihm und der katholischen Kirche kam. Mit der Pensionierung 1886 endete der Konflikt auf Druck Berlins. "Die Regierung hat Papa den Vorschlag gemacht, sich pensionieren zu lassen", schrieb Tochter Adelheid.

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  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterBistumshandbuch: Xanten (Wallfahrtsort im Bistum)

Text: Peter Kummer | Foto: Peter Kummer in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
26.11.2013

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