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16.12.2018
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"Vor Gott haben sie ihr Gesicht nicht verloren" – Hertwig vor einem Buntglasfenster der Klinik-Kapelle.

"Vor Gott haben sie ihr Gesicht nicht verloren" – Hertwig vor einem Buntglasfenster der Klinik-Kapelle.

Pfarrer Bernhard Hertwig ist Seelsorger in der Christophorus-Klinik

Forensik: Die große Verdichtung des Glaubens

Münster-Amelsbüren. Auf dem Weg in seine Gemeinde muss er Barrieren überwinden: Das Wachpersonal sucht den Augenkontakt, die Metallschlösser klicken, Sicherheits-Schleusen muss er hinter sich lassen. Schließlich holt er noch jenen Pieper aus seinem Fach, der ihn zu jeder Zeit mit den Sicherheitsbeamten der Klinik für psychisch kranke, intelligenzgeminderte Straftäter verbindet. Und auch wenn Pfarrer Bernhard Hertwig die Forensik in Münster-Amelsbüren schon betreten hat, bleibt die Situation mit den Menschen seiner Gemeinde eine außergewöhnliche. In die Zimmer der Patienten hinter den Sicherheitstüren geht er nur in Begleitung, und auch zu den Gottesdiensten kommen sie unter Aufsicht. "Vier Patienten haben dann ein Begleiter", erklärt Hertwig.

Diesen Weg hat er sich ausgesucht. Denn eigentlich ist Pfarrer Hertwig längst im Ruhestand. Nachdem er 2010 aus der Leitung der St.-Josef-Gemeinde in Münster-Gelmer ausschied, bewarb er sich gezielt auf die Seelsorger-Stelle in der neu eingerichteten Christophorus-Klinik der Alexianer in Münster-Amelsbüren. "Weil es die pure Seelsorge ist", sagt der 76-Jährige. "Hier geht es nicht um Gruppen, Gremien oder Strukturen – hier geht es um den einzelnen Menschen, um Schicksale – darum, wie Leben gelingen kann."

Das wusste er bereits vorher. Denn sein Weg als Priester, den er nach zwei Jahrzehnten im Schreinerberuf erst mit 41 Jahren begann, führte ihn schon früher in die Gefängnisseelsorge. "Als sich in der Seelsorger-Konferenz alle wegduckten", erinnert er sich an die Frage des Dechanten in seiner Kaplanszeit nach einem Nachfolger für die Stelle in der Justizvollzugsanstalt in Recklinghausen. Er selbst duckte sich nicht weg und engagierte sich über vier Jahre nebenamtlich für die Gefangenen. "Es ist die Angst vor dem Unbekannten", kann er die Zurückhaltung seiner Seelsorger-Kollegen nachvollziehen. "Die hatte ich anfangs auch." Für vieles werde man in der Priesterausbildung vorbereitet, nicht aber für die Situation, mit einem Verbrecher ins Gespräch zu kommen.

Zumindest nicht praktisch, denn theologisch sieht er einen eindeutigen Auftrag: "Jesus nimmt sich doch auch der Geringsten an." Mit diesem "Grundauftrag des Christ-Seins" sei auch seine Angst geschwunden und mit der Zeit in ein Geschenk verwandelt worden. "Es gibt für mich kaum einen Moment, in dem der Glaube intensiver erlebbar wird, wie wenn ein Mörder seine Tat beichtet." Hertwig beschreibt dies als "die große Verdichtung des Glaubens": "Wir haben einen Gott, der alles verzeiht."

Er hat viele dieser Momente erlebt, auch in seinen sieben Jahren als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt in Münster. Es waren nicht alles Schwerverbrecher, die mit ihm ins Gespräch kamen. Aber es waren  Menschen, die mit ihrer Schuld rangen. "15 Jahre konnten sie absitzen, aber das Gefühl, anderen Leid angetan zu haben, blieb." Doch genau an diesem Punkt habe er immer die "besondere Größe Gottes" spürbar machen können. "Ich konnte ihnen sagen, dass sie ihre Würde behalten haben – was für eine unglaubliche Dimension der Liebe." Ein Bild hat er dabei immer als besonders beeindruckend empfunden – die Eucharistie im Gefängnis: "Gott legt sich in die Hand, die gestohlen, misshandelt oder getötet hat."

Es ist dieses Gefühl, das in der Zuwendung zu einem Straftäter eine besondere Zuspitzung erfährt, die ihn auch zu seinem Einsatz in der Christophorus-Klinik brachte. Wenngleich er in dem Maßregelvollzug für die 54 Patienten eine "neue Dimension für meine Seelsorge" sieht. "Theologisch ist dieses Feld kaum bearbeitet", sagt Hertwig. "Das wäre noch ein spannendes Thema für die Fundamental-Theologen." Denn in der Situation der Patienten sieht er eine Doppelbelastung: "Sie sind straffällig geworden, können durch ihre psychischen Erkrankung oder durch die geminderte Intelligenz aber nur bedingt schuldig gemacht werden."

Die so wichtige Auseinandersetzung mit den Opfern der Tat, mit den Auswirkungen des eigenen Handelns oder mit lebensgeschichtlichen Mechanismen sei in dem erforderlichen Maß häufig kaum möglich. Wie aber kann er diesen Menschen die Last der Schuld nehmen, wenn diese für sie nicht wirklich erklärbar und spürbar wird? Denn in den Gesprächen, die er seit der Eröffnung der Klinik im vergangenen Jahr führen konnte, sitzt er Menschen gegenüber, die oft eine lange Geschichte der Vereinsamung und der Geringschätzung hinter sich haben. "Sie sind orientierungslos, können die eigene Tat nicht einordnen und wissen nicht, wie sie mit ihren Voraussetzungen ihr Leben gestalten sollen."

In dieser Situation wird ihnen therapeutisch intensiv geholfen. Deshalb sind sie in einer Klinik, nicht in einem Gefängnis. "Wenngleich es viele Dinge gibt, die sie und mich immer daran erinnern, dass wir uns in einer Art Parallelwelt befinden." Es ist eine Welt, in der die Patienten lernen müssen, mit ihren Voraussetzungen so umzugehen, dass sie keinem schaden. "Ein ganz schwerer Weg", sagt Hertwig. Denn der Großteil von ihnen sei diesen Weg ein Leben lang in eine andere Richtung gelaufen – bis hin zu schweren Straftaten.

"Ich muss ihnen dabei vor allem im Gefühl begegnen", erklärt Hertwig. "Denn Seelsorge kann hier nicht über die reflektierte Auseinandersetzung gelingen – hier darf und muss sie ein Gefühl sein." Auch in der Forensik gehe es vor allem darum, den Patienten zu zeigen, dass sie vor Gott eine unantastbare Würde hätten. "Das Gefühl, dass sie nicht die letzten Heuler sind, sondern auch in ihnen Positives steckt, muss intensiviert werden – nur darin können sie für ihr künftiges Leben lernen."

In den Gottesdiensten, die er alle 14 Tage in der Kapelle des hochgesicherten Areals anbietet, in den Andachten und Einzelbegegnungen bricht er den Kern des Glaubens daher immer auf eine fühlbare Ebene herunter. Musik, Bilder und viel Raum für Gespräche sind wichtige Elemente. Wenn zu Beginn der gemeinsamen Zeit in der Kapelle beim Blick auf das Gesicht Jesu in einem der Buntglasfenster eine Minute absolute Ruhe einkehre, sei das schon ein wichtiger Impuls für viele. "Denn jeder Moment der Stille bedeutet Heilung für sie."

Die tiefe Aussage dieser Momente sei aber noch viel wichtiger, erklärt Hertwig: "Du magst dein Gesicht verloren haben – vor Gott aber hast du dein Ansehen behalten." Weil es ein zumeist unbekanntes Gefühl der Annahme für die Patienten sei, beschreibt er: "Ich bin nicht abgeschrieben, und das hat etwas mit Gott zu tun." Wenn er diesen Menschen eine solch positive Botschaft vermitteln könne, dann bewirke das auch etwas Positives in ihnen, ist er sich sicher.

Denn darin bleibe Würde nicht theoretisch, sondern werde zu einem Gefühl. Was durch den "wunderbaren Einsatz" der vielen Pflegekräfte und Therapeuten unterstützt werde, sagt Hertwig. "Der Geist, allen Menschen, auch den geringsten, positiv zu begegnen, wird hier sofort spürbar, wenn man die Pforte durchschreitet." Es sei keine heile Welt, sondern oft genug eine, in der sich Krankheit mit all ihren schrecklichen Konsequenzen offenbare. "Aber es ist eine Welt, in der man sich den Menschen zuwendet, seien ihre Taten auch noch so schwer zu verkraften." Und wieder ist Hertwig an jenem Punkt, der ihn schon so oft so intensiv den Glauben hat spüren lassen: "Je größer das Elend, desto spürbarer wird die Größe Gottes in seinem Verzeihen."

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  2. undefinedGenn weiht Kapelle in neuer Forensik (11.05.2011)
  3. undefinedDokumentiert: Predigt von Bischof Genn bei der Weihe der Kapelle in der Forensik Amelsbüren (11.05.2011)

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.alexianer.de

Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
28.03.2012

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