
Heinrich Reginald Anschütz.
Ein Herz für Karneval
Zwei Katholiken sind die Motoren des Weseler Frohsinns
Wesel. Wem ist heutzutage noch bewusst, dass Karneval ein durch und durch katholischer Brauch ist? Viele karnevalistische Aktivitäten entstanden aus kirchlichen Wurzeln. Davon können auch Heinrich Reginald Anschütz und Elmar Schwedtmann aus Wesel eine Menge erzählen. Im Kirchenleben kannte und kennt man sie als Lektoren, Beerdigungshelfer und Kirchenvorstände. Andererseits ist der 85-jährige Anschütz langjähriger Präsident des Feldmarker Karnevalskomitees (FKK), Stadtorden-Vater, Autor von 15 plattdeutschen Büchern und Feldmarker Karnevalsprinz von 1951. Der 77-jährige Schwedtmann, sein Nachfolger im Präsidentenamt, war Wesels Karnevalsprinz von 1980.
Karneval in Wesel ist nicht Karneval in Köln. Doch im Brauchtum orientieren sich die Vereine meist an kölschen Gewohnheiten. In Köln ist es ein Diakon, der den "Bergischen Jung" spielt. In Wesel steht ein Messdiener beim FKK in der Bütt. 1950 hatte Anschütz, damals Mitte 20, noch wenig mit den tollen Tagen am Hut. Die Narrenkappe setzte er auf Betreiben des neuen Kaplans Zimmermann aus Köln auf. "Der kannte was davon", erinnert er sich.
Der Kaplan, ein großer Karnevalsfan, erklärte seiner Gemeinde erstmals, wie eine öffentliche Sitzung abzulaufen hatte und sammelte sogar höchstpersönlich in den Geschäften "Kamelle", damit die Kinder im Rosenmontagszug etwas zum Werfen hatten. Anschütz fuhr als Feldmarker Präsident im Cabriolet mit.
Kirchliche Vereine prägten in der Feldmark das Karnevalsleben: erst die Pfarrjugend, später KAB, DJK und Pfadfinder. An langen Winterabenden trug man im Pfarrheim allerhand Narreteien zusammen und probte selbstkomponierte Schlager. Die erste Sitzung fand im Saal Bauer an der Hamminkelner Landstraße statt, nachdem die Amerikaner die Gaststätte geräumt hatten. Heinrich Anschütz, pensionierter Buchbinder, und Elmar Schwedtmann, Industriekaufmann im Ruhestand, sind gestandene Familienväter eines ganzen Clans. Neben Frau und je drei Kindern haben sie heute mehrere Enkelkinder und Urenkel. Frohsinn, Eulenspiegelei, nette Lieder, dazu die Narrenkappe auf dem Kopf, so feiern beide auch heute noch als Ehrenpräsidenten mit dem FKK.
"Damals mussten wir den Richtlinien der Pastöre folgen", schmunzelt Anschütz. Das hieß: Samstags abends durfte wegen der Sonntagsmesse nicht gefeiert werden. Weibliche Funkenmariechen waren erst seit 1960 erlaubt. Lieder wie "Du sollst mich lieben für drei tolle Tage" waren in den Augen von Kaplan Alders tabu, der immer auf Sitte und Anstand achtete. "Immer wieder neue Lieder singt man hier am Rhein!" fand er unbedenklich, bis er bei der Sitzung plötzlich aufgebracht in den winterlichen Schnee hinausstürmte. Denn am Ende hieß es da: "Immer zu einer Dummheit bereit!" – und das ging Alders gewaltig gegen den Strich.
1971, als der Karnevalsverein sich in FKK umbenannte, nahm die Säkularisierung zu. Das Komitee verband sich mit anderen Vereinen und füllte jahrelang die Niederrheinhalle. Schwedtmann wurde als Nackedei vom FKK (wohl gemerkt: im Bademantel!) ein regelrechtes Symbol. Noch heute hält er Büttenreden. Pastor Vermöhlen saß viele Jahre in der ersten Reihe. Nicht nur, um mitzufeiern. "Er setzte sozusagen dem Ganzen den kirchlichen Stempel auf", vermuten die Karnevalisten.
Am Veilchendienstag fand stets der traditionelle Kirchenchorkarneval statt. Punkt Mitternacht machte Anschütz die Zigarette aus. Die nächste wurde erst im August beim Karneval in der Partnerstadt Felixstowe angezündet. Bis Ostern gab es keinen Alkohol mehr. "Es wurde gefastet, dass der Magen knurrte", erinnert sich Anschütz. Heute hat der Karneval an Bedeutung eingebüßt, und auch das ehrenamtliche Engagement hat nachgelassen. Doch beide sind sich einig: Das winterliche Brauchtum wird auch in Zukunft nicht aussterben.
Text: Martha Agethen | Foto: privat in
Kirche+Leben
21.02.2012
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