
Markus von Hagen.
Religiös-theologisches Bühnenprogramm
Kabarett: Aus der Perspektive eines Insiders
Münster. Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was Jesus von Nazaret wollte und dem, was in der Kirche passiert ist? Diese und weitere Fragen stellt der Kabarettist Markus von Hagen in seinem religiös-theologischen Bühnenprogramm.
Am 6.6.1956 wurde Markus von Hagen als sechstes Kind geboren. "Die Zahl sechs hat auch später ab und an eine Rolle gespielt. Ich war kein guter Schüler", sagt er und schmunzelt. "Dafür war das Studium umso besser – wie auch bei meinen Geschwistern." Markus von Hagen hat Philosophie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Philosophischen Hochschule in München studiert. Anschließend hat er an der Europäischen Schule als Ethiklehrer gearbeitet, später ein Soziales Jahr in Wien absolviert. "Dann bin ich dem Ruf des Herzens nach Münster gefolgt", berichtet er weiter. Seit inzwischen 30 Jahren ist er verheiratet, "was ich nicht bereue".
Zum Haushalt gehören zudem zwei Katzen. "Beim Thema "Tiere" wünsche ich mir, dass die Christen manchmal über den eigenen Tellerrand hinausschauen." Tiere spielten in der christlichen Religion kaum eine Rolle. Sicherlich, es gebe das Thema Schöpfungsverantwortung, aber "die Ehrfurcht vor dem Leben hört nicht beim Menschen auf. Da können wir von anderen Religionen lernen", sagt der Katzenfreund, während er seinen leise schnurrenden Somali-Kater Jolan krault.
Aufgewachsen ist der Kabarettist, Rezitator, Regisseur und Autor in einem katholisch geprägten Umfeld. "Meine Eltern haben versucht, uns Kindern die Kirche als einen Ort der Freiheit zu vermitteln – so, wie sie diese während der nationalsozialistischen Zeit in Schlesien empfunden haben", erklärt er. Das habe ihn geprägt. Bis heute vermittle Kirche ihm Heimat. "Sie gibt mit der Taufe den Menschen Geborgenheit und Zugehörigkeit, die über das Dogmatische hinausgeht. Doch wenn sich jemand abweichend verhält, muss er nicht ausgegrenzt werden". Ein Idealfeld ist für ihn die Kirche allerdings nicht. "Auch Jesus hat sich schwarz geärgert über seine Leute." Das Wesen der Kirche sei unzulänglich. Doch habe es bereits "schlimmere" Zeiten gegeben. "Der Blick in die Geschichte ist tröstlich."
Seit vier Jahren spielt Markus von Hagen sein Bühnenprogramm "Jesus Christ – Kabarettist". "Religion ist ein viel zu wichtiges Thema, als dass man es im Kabarett den Atheisten überlassen sollte", stellt der 56-Jährige fest. "Wir alle haben von Gott Talente erhalten, um mit ihnen in dieser Welt zu wirken. Dieses ist meine Aufgabe."
Für Markus von Hagen bedeutet sein christlicher Auftrag: "Menschlichkeit vermitteln und theologisch glaubwürdig sein. Aber nicht im Sinn eines apodiktischen, allein selig machenden Anspruchs, sondern aus Überzeugung und als Auftrag aus den Schriften des Neuen Testaments." So macht er sein religiös-theologisches Solokabarett aus der Perspektive des Insiders, als überzeugter Christ, anspruchsvoll und informativ.
"Manchmal bin ich schon grimmig, wenn ich die Kirche mit ihren Positionen heute sehe und mich frage, wie beispielsweise Jesus mit Außenseitern umgegangen ist." Markus von Hagen will nicht oberflächlich betrachten und Vorurteile in seinem Bühnenprogramm bestätigen, sondern er will "an das Fundament". Und das ist für ihn Jesus. Er steht im Mittelpunkt des Programms. "Jesus hatte alles, was einen guten Kabarettisten ausmacht: Er war kritisch, provozierend, bewegend – und menschlich." Wer will da widersprechen? Immer wieder spickt Markus von Hagen seine Ausführungen mit Bibelzitaten. Der Zuhörer spürt, dass er jemand ist, der weiß, wovon er spricht. Nicht überheblich, sondern überzeugt. Damit liefert er sich natürlich auch der Kritik aus. "Ich lasse mich aber auch korrigieren. Deshalb sind mir die Gespräche mit den Zuschauern wichtig. Das Programm hat sich seit der Premiere vor vier Jahren auch verändert", benennt er eine Konsequenz aus diesen Gesprächen. Allerdings habe es gegenüber den politischen Kabarettprogrammen eine hohe "Halbwertzeit". Wichtig ist Markus von Hagen, dass für jeden Zuschauer etwas dabei ist. "Ich will verständlich sein und theologisch argumentieren, aber nicht predigen." Die Theologie bedeute für ihn nicht, abgehoben zu sein oder im Elfenbeinturm zu leben. "Sondern die Theologie ist Lebenshilfe und letztlich – wie übrigens jede Wissenschaft – Teil des Ganzen."
"Jesus Christ – Kabarettist" ist kein explizit katholisches Programm. "Wenn es um biblische Themen und Texte geht, verstehen die evangelischen Zuschauer jede kleine Anspielung. Da sind sie uns weit voraus. Sie kennen die Texte viel besser", ist ihm mehr als einmal bei Auftritten aufgefallen. Auf der anderen Seite habe sich – "auch bei uns Katholiken" – ein zutiefst protestantischer Gedanke in der alltäglichen Spiritualität durchgesetzt: "Unsere letzte Instanz ist unser Gewissen, das ist die Entscheidung zwischen Gott und mir und nicht zwischen der Kirche und mir", führt er aus.
Markus von Hagen will nichts ins Lächerliche ziehen, aber auch nicht weichspülen. "Wir beten schließlich zum Vater im Himmel und nicht zum Großvater", sagt er. Das Neue Testament stehe in einem Spannungsverhältnis zwischen anspruchsvoller Herausforderung und völliger Freiheit. "Das macht die Person Jesus von Nazaret so wichtig. Wir glauben nicht etwas, sondern wir glauben jemandem. Seine Botschaft hat sich in seiner Auferstehung bestätigt."
Jesus sei ein Genießer gewesen. "Ein Fresser und Weintrinker, wie die Leute nach Matthäus über ihn sagen. Uns ist das Leben in seiner ganzen Fülle gegeben. Dazu gehört eben auch der Humor." In den Evangelien, die in einer Zeit geschrieben wurden, in denen die Leiblichkeit und das Lachen mit etwas Animalischem verbunden wurden, war der Humor kein Thema. Das bestätigt ein Blick ins Internet. Wer die Einheitsübersetzung der Bibel nach dem Wort "Humor" durchsucht, landet keinen Treffer. Das Wort "lachen" zählt auch nur acht Eintragungen.
"Doch Jesus ist "in allem uns gleich, außer der Sünde". Er wird gelacht haben wie wir. Doch das ist in den Schriften nicht erwähnenswert", sagt Markus von Hagen. Zahlreiche provokante Aussagen in den Texten des Neuen Testaments zeugten von Humor. "Jesus stellt mit einem Augenzwinkern etwas zu deinem Leben in Frage wie beispielsweise bei seinen Ausführungen von den Lilien auf dem Feld. Das versuche ich in meinem Programm zu vermitteln."
Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Programm den Zuschauern einen Anstoß zu geben, über die Bedeutung von Christsein im eigenen Leben nachzudenken. "Der Titel des Programms hat sich bewährt, denn zwei Gruppen kommen erst gar nicht. Das sind die, die sich für das Thema nicht interessieren sowie die Fundamentalisten. Der Besuch setzt eine gewisse Empfangsbereitschaft voraus." Diese scheint in christlichen Kreisen vorhanden zu sein, denn von Hagen hat in zahlreichen katholischen Hochburgen sein Bühnenprogramm gespielt.
Wer allerdings Schenkelklopfer-Humor erwartet, ist bei Markus von Hagen falsch. "Die Unterhaltung hat im Kabarett eine dienende Funktion. Inhalte werden überspitzt, satirisch und manchmal mit einer gewissen Aggressivität vorgetragen. Das hat Tradition", klärt er auf. Durch die Übertreibung würden die Zuschauer angeregt, sich nicht nur mit den Inhalten auseinander zu setzen, sondern über sich selbst nachzudenken. "Das haben Philosophen wie Sokrates und Diogenes schon gemacht", erzählt von Hagen.
Die Botschaft des Christentums sei sehr befreiend. "Sie nimmt uns die Angst. Unser Leben ist eine Herausforderung und keine Überforderung. So empfinde ich als Christ – im Leben und Beruf. Ich kann ohne Angst leben. Denn ich weiß, was mir Mut macht und mich stark macht, kommt von Gott; was mich lähmt, kommt nicht von ihm. Diese Tatsache macht die Unterscheidung der Geister einfach, um Paulus zu zitieren."
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Text: Michaela Kiepe | Foto: Michaela Kiepe in
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