
Dechant Guido Wachtel, Pfarrer in St. Georg Vreden.
Interview mit Dechant Guido Wachtel
Profanierung kostet Kraft
Vreden. Über seine Erfahrungen mit der Schließung einer früheren Pfarrkirche spricht Dechant Guido Wachtel aus Vreden.
Kirche+Leben: Vor einigen Wochen wurde die St.-Marien-Kirche profaniert. Welche Gründe waren ausschlaggebend, dieses Gotteshaus aufzugeben?
Guido Wachtel: Hier gelten dieselben Gründe, die auch anderswo im Bistum und in Deutschland zu Kirchenschließungen führen. Dazu gehören der immer deutlicher werdende Priestermangel und die Frage nach den finanziellen Mitteln für den Unterhalt von Kirchengebäuden. Vor allem aber ist die Entwicklung beim Gottesdienstbesuch ausschlaggebend. Im Stadtgebiet Vredens, in allen Kirchdörfern und Bauerschaften bleiben an normalen Sonntagen 15.000 von 18.000 Katholiken zu Hause. Dass vor diesem Hintergrund die St.-Marien-Kirche profaniert worden ist, liegt hauptsächlich daran, dass sie nur 500 Meter von den anderen Kirchen im Stadtkern entfernt liegt. Hier gibt es also für die Gottesdienstbesucher eine fußläufige Alternative. Würde man eine Kirche in den Dörfern schließen, wären die Wege für die Menschen länger.
Kirche+Leben: In Ihrer Gemeinde gab es einen "Prozess des Abschiednehmens", an dem sich alle Gemeindeteile und die Kirchdörfer beteiligten. Wie wichtig ist ein solches Zeichen für den Zusammenhalt?
Wachtel: Allen verantwortlichen Haupt- und Ehrenamtlichen war klar, dass so ein Kirchenabschied gestaltet werden muss, damit dieser Prozess nicht eskaliert und die Gemeinde spaltet, wie es andernorts zu beobachten war. Deshalb hat der Pfarrgemeinderat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, in der Menschen aus allen Gemeindeteilen mitarbeiteten und die sich schnell den programmatischen Namen "AG Brückenbau" gab. Ein besonderer Schwerpunkt waren die so genannten "Solidaritätssonntage". Ein Pfarrgemeinderatsmitglied aus einem Kirchdorf hatte die Idee: "Wenn die Marienkinder demnächst in eine andere Kirche gehen müssen, dann kommen wir alle als Zeichen der Solidarität bewusst in die St.-Marien-Kirche." Im Monatsabstand wurden jeweils die Sonntagsmessen aus einem Kirchort in die St.-Marien-Kirche verlegt. Insgesamt war es ein Abschied, der die Gemeinde zusammengebracht und nicht gespalten hat. Wir können deshalb auf den Erfahrungen dieses Prozesses aufbauen und gemeinsam einen Weg in die Zukunft suchen. Mit den Händen zu greifen war das beim "Über-Gang" am Tag der Profanierung.
Kirche+Leben: Nach dem Gottesdienst zur Profanierung der St.-Marien-Kirche hatten Sie zu einer Prozession und einer anschließenden Feier in St. Georg eingeladen. Mit welchen Gefühlen haben Sie den Gottesdienst begonnen? Wie erleichtert waren Sie nach dem Gottesdienst?
Wachtel: Auch am Tag der Profanierung sollte deutlich werden, was schon das ganze Abschiedsjahr prägte. Erstens: Die ganze Gemeinde St. Georg verliert eine Kirche. Zweitens: Der Abschied ist auch ein Übergang. Das Glaubensleben erlischt nicht. Drittens: Die "Marienkinder" sollen eine neue "Gottesdienstheimat" finden und sind willkommen. Deswegen haben wir im Anschluss an die letzte Messe zur Prozession eingeladen, die bewusst "Über-Gang" genannt wurde. Dabei wurden das Allerheiligste, aber auch andere Gegenstände wie Kerzen, Kelche, Bücher und Patronatsstatue in die St.-Georg-Kirche getragen, wo dann in Zukunft Gottesdienste gefeiert werden. Als Ausdruck des Willkommens wurde diese Prozession von Christen aus anderen Gemeindeteilen erwartet und hat sich dann dadurch vergrößert, dass diese sich dem Zug angeschlossen haben. So wurde zudem sichtbar, dass die "Marienkinder" nicht allein mit ihrer Trauer sind und dass sie mit offenen Armen und Türen erwartet werden. Dieser "Über-Gang" hat gewaltige Resonanz gefunden und war ein "Gänsehauterlebnis". Es war ein beeindruckendes Glaubenszeugnis, denn wir sind mit 500 Menschen von St. Marien aufgebrochen und mit 1.000 in St. Georg angekommen. Zu meiner Gefühlslage: Ich möchte so einen Tag nicht noch einmal erleben. Der Abschied von einer Kirche ist nichts Schönes. Denn natürlich hatte ich die emotionale Betroffenheit der Menschen mitbekommen, und auch in mir herrschte vor Beginn der Messe ein Gefühlschaos.
Kirche+Leben: Noch wird über die Nachnutzung der St.-Marien-Kirche diskutiert. Wäre ein Abschied von St. Marien leichter gefallen, wenn ein Nutzungskonzept vorgelegen hätte?
Wachtel: Es wäre einfacher gewesen, wenn schon Klarheit geherrscht hätte. Die Frage "Was wird denn mit der Kirche?" wurde und wird immer wieder gestellt. Das ist nicht nur Neugier, sondern es gehört zum Trauerprozess und zum Abschied dazu. Eine gute und öffentlich-soziale Nachnutzung erleichtert den Abschied vom Kirchengebäude. Ich glaube aber, dass diese Verzögerung gut war, denn eines will keiner vor Ort: Sich nachher sagen müssen, wir hätten nicht alles versucht und geprüft.
Kirche+Leben: Wie bewerten Sie den heutigen Stand des Zusammenwachsens in der Großpfarrei St. Georg, die aus ehemals sieben selbstständigen Gemeinden entstand?
Wachtel: Es läuft noch nicht alles rund, und es braucht oft lange Jahre, um Althergebrachtes zu verändern. Seit dem Beginn des Fusionsprozesses war deshalb immer ein Schlagwort: "Wir müssen über den Tellerrand schauen." Unterm Strich betrachtet sind wir auf einem guten Weg. Immer mehr Einzelpersonen, Gruppen und Verbände überschreiten die alten Grenzen. Die Sachausschüsse der alten Gemeinden, die Caritas- und Krankenbesuchskreise haben sich nach der Fusion freiwillig zusammengeschlossen, weil sie merkten, dass man mit gebündelten Kräften mehr erreichen kann. Auch feiern wir jedes Jahr den "Gemeindegeburtstag", den Jahrestag der Fusion, mit einem zentralen Gottesdienst an einem Kirchort und laden die Christen aller Gemeindeteile dazu ein.
Hilfreich ist bei dem Prozess des Zusammenwachsens die Erfahrung, dass dadurch das Leben um die einzelnen Kirchtürme nicht kaputt geht. Es muss und darf nicht alles zentral laufen. Um dafür eine Ebene zu schaffen, haben wir Orts-Ausschüsse eingerichtet und dafür eine eigene Grundordnung geschaffen.
Kirche+Leben: Welche Ratschläge können Sie anderen Gemeinden geben, die eine ehemalige Pfarrkirche aufgeben müssen? Was sollte man beachten?
Wachtel: Es ist wichtig, dass man möglichst viele Menschen dabei mitnimmt und Räume eröffnet, in denen die Trauer Ausdruck finden kann. Dazu braucht es viel Zeit. Das Motto "kurz und schmerzlos" passt hier sicherlich nicht. Überstürzte Schnelligkeit und Geheimnistuerei schafft nur Aggressionen. Deshalb braucht es verlässliche Information. In regelmäßigen Abständen und in geeigneter Weise muss über den Sachstand informiert werden, um Gerüchten und Unterstellungen vorzubeugen. Und vor allem braucht es dazu Menschen, die so einen Prozess mittragen. Im Vorfeld der Fusion sagte ein Kirchenvorstandsmitglied eines kleinen Kirchdorfs: "Lokalpatrioten können wir jetzt in den Gesamtgremien nicht mehr gebrauchen" – im Sinn von: "Wir müssen auch das Ganze in den Blick nehmen."
Kirche+Leben: Wie wichtig sind die Rückendeckung und Hilfen der Bistumsleitung, wenn es darum geht, schwierige Entscheidungen in einer Pfarrei zu treffen?
Wachtel: Für uns war es in dieser Hinsicht eine Erleichterung, dass nicht die Pfarrei vor Ort die Letztverantwortung trägt. Und es war gut, dass Vertreter der Bistumsleitung zu einer Pfarrversammlung vor Ort waren, um die Schließungspläne zu erklären.
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Interview: Johannes Bernard | Foto: Archiv in
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17.02.2012
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