
Schwester Roswith und das Titelbild, das sie im Jahr 1993 zeigt.
Den christlichen Auftrag leben
Schwester Roswith: An der Seite der Unterdrückten
Voerde. Die 75-jährige Schwester Roswith von den Hiltruper Missionsschwestern blickt auf eine bewegte Zeit zurück, getragen von der Überzeugung: Ohne Gerechtigkeit ist dauerhafter Frieden nicht möglich.
Schwester Roswith ist kein "Revoluzzer-Typ". Im hellblauen Strickpulli mit weißem Kragen sitzt sie aufrecht auf ihrem Sofa in Voerde am Niederrhein. Eine lange Kette mit einem großen, silbernen Kreuz daran ist der einzige Schmuck. Und doch sitzt hier dieselbe Frau, die sich vor 18 Jahren mit anderen vor der Deutschen Bank in Frankfurt an einem Pfosten vor der Tiefgarage hat anketten lassen. "Das ging damals durch alle Medien."
Schwester Roswith Köhler blickt nur kurz auf das Titelblatt einer Zeitschrift aus dem Jahr 1993, bevor sie weiter in ihrem Aktenordner blättert. Das Bild zeigt eine Ordensfrau in Tracht, die Hände im Schoß gefaltet, die Beine von sich gestreckt, mit einer Eisenkette um den Bauch. Zwei Männer beugen sich zu ihr herunter. "Ich wurde aufgefordert, aufzustehen. Natürlich war ich aufgeregt. Aber ich wusste, warum ich das machte und stand nicht auf."
Seit 1990 setzt sich die Initiative "Ordensleute für den Frieden" (IOF), mit dem Kapitalismus auseinander: "Wir hatten erkannt, dass es ohne Gerechtigkeit weltweit keinen dauerhaften Frieden geben wird." Dazu gehörten für Schwester Roswith auch mehr als 20 Jahre Aktionen wie: Flugblätter verteilen auf der Zeil, Frankfurts größter Einkaufsmeile mit der Aufforderung "Schuldenstreichung für die Dritte Welt". Bei Aldi eine Flasche Rotwein, ein Brot und Rosen mitzunehmen "als Symbol der Fülle des Lebens, von dem viele ausgeschlossen sind", ohne zu bezahlen und dafür eine Strafanzeige riskieren.
Der Grund liegt in den dunkelgrünen Wäldern des Hunsrück von 1988. Damals ist die Hiltruper Missionsschwester 48 Jahre alt. Es ist die Zeit der Cruise-Missile-Raketen. Es ist die Zeit der Aufrüstung und der Angst: "Der Kalte Krieg war greifbar", sagt die 75-Jährige heute. Im Jahr 1988 war Schwester Roswith Köhler das erste Mal bei dem Pfingstkapitel der "Ordensleute für den Frieden" dabei. Ein Dominikaner und ein Jesuit gründeten diese Initiative 1983, um sich mit Wallfahrten, Gebeten und Diskussionen für die Abrüstung und für den Frieden zu engagieren. Im Hunsrücker Hasselbach fanden von 1985 bis 1988 Zeltlager mit rund 100 Ordensleuten und ihrem Freundeskreis statt.
"Das war etwas ganz Neues für mich. Eine totale Aufbruchstimmung. Wir wollten etwas verändern. Aber gleichzeitig war es auch sehr frustrierend", berichtet die gelernte Krankenschwester. Zu der Zeit war sie Lehrerin an der Krankenpflegeschule in Münster-Hiltrup. Eine Schülerin hatte ihr von den "Ordensleuten für den Frieden" berichtet. Nun fuhren sie also durch die Wälder, die von außen nicht erahnen ließen, was sich dank des NATO-Doppelbeschlusses in ihnen verbarg. Von einer hohen Mauer umgeben lagerten dort die 96 atomaren Marschflugkörper in großen Erdbunkern, Tag und Nacht bewacht vom Militär. Die christlichen Demonstranten kochten gemeinsam, diskutierten und beteten. Über sechs Tage wurde vor den Raketen Mahnwache für den Frieden gehalten. "Die Vereinigung der Deutschen Ordensoberen hat unsere Initiative gutgeheißen."
Hätte man nicht zuhause in der Kapelle beten können? Schwester Roswith schüttelt lächelnd den Kopf. Die Initiative nimmt sich Ignatius von Loyola zum Vorbild. Gemäß der Anleitung in den "Geistlichen Übungen" des Ordensgründers aus dem 15. Jahrhundert wollen sie die Umgebung mit allen Sinnen erfahren. "Für die Betrachtung und das Gebet über die Realität des Unfriedens war es wichtig, vor Ort zu sein", sagt Schwester Roswith. Nachdenklich nickt sie mit dem Kopf: "Aber mein Vater fand das nicht gut", erinnert sich die 75-Jährige.
Sie ist auf dem Land groß geworden, bei Wadersloh-Liesborn. "Mich hat es schon immer persönlich verletzt, wenn ich mitbekommen habe, dass andere zurückgesetzt wurden", sagt sie. Die blauen Augen schauen lebhaft von links nach rechts wenn sie von früher erzählt. Sie vermeidet Begriffe wie "wir haben gekämpft für etwas" oder "wir haben demonstriert für etwas". Es geht ihr immer um "Zeichen setzen". Dasein, vor Ort sein, etwas tun aus einem christlichen Auftrag heraus: "Wir sind von Jesus gefordert, uns an die Seite der Unterdrückten zu stellen und für unsere Überzeugungen auch einzutreten." Das ist ihre Prämisse.
Dieses Sich-Einsetzen gegen Ungerechtigkeit wurde ihr in die Wiege gelegt. In den Nachkriegsjahren erlebte sie das Elend vieler Menschen, die zum "Hamstern" aus dem Ruhrgebiet kamen, hautnah mit: "Das fand ich ganz schlimm, wie sie da auf den Zügen saßen." Ihre Mutter schickt sie mit ihren beiden jüngeren Brüdern los, um den Menschen, die noch weniger hatten, zu helfen: "Mit unserem Bollerwagen haben wir ihre Habseligkeiten zum nächsten Bahnhof nach Benninghausen transportiert."
Auch später, nachdem sie 1955 den Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu in Münster beigetreten war, wurde sie immer wieder mit Ungerechtigkeit konfrontiert: "Wir bekamen viel über unsere Ordensschwestern mit, die im Ausland tätig sind." Missstände durch Diktatoren, denen deutsche Politiker auch noch die Hände schüttelten. Unterdrückung, Gewalt gegen Frauen, die zunehmende Verschuldung in der Dritten Welt und jetzt in Europa. Das hat sie motiviert, bei der IOF mitzumachen. Nach ihrer 20-Jährigen Tätigkeit im Krankenpflegedienst fing sie als Sekretärin in Frankfurt bei dem Bildungsträger "Institut der Orden" an. Für die IOF erklärte sie sich bereit, bei Hauptversammlungen der Deutschen Bank vor den Aktionären zu sprechen. 2003 erhielt die Initiative den Aachener Friedenspreis.
Heute hat sich das Engagement der Ordensleute ein wenig reduziert und verlagert. Aber auch heute noch stehen regelmäßig einige von ihnen vor der Deutschen Bank und mahnen. 2004 nähte die Schwester ein 13 mal fünf Meter großes Banner, das von KAB'lern aus Dusiburg-Walsum mit riesigen Buchstaben bemalt wurde: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Das hing vom Frankfurter Dom herunter. "Die Macht des Geldes durchkreuzen" war das Motto des Pfingstkapitels in dem Jahr. "Wir haben alle Bistümer angeschrieben und alle Orden gebeten, ihr Geld nachhaltig und ethisch anzulegen." Denn auch das ist ihre Überzeugung. Wer im System etwas ändern will, muss bei sich selbst anfangen: "Kommen Sie mir nicht mit Sozialneid!" Das ist das einzige Mal, dass die Stimme der zierlichen Frau fest und streng wird: "Das ärgert mich maßlos. Sagen Sie das einmal einer alleinerziehenden Frau mit zwei Kindern, die nicht weiß, wie sie über die Runden kommen soll!"
Mit den aktuellen Demonstrationen wie beispielsweise vor den Finanzzentren in New York kann sie viel anfangen: "Occupy Wallstreet finde ich gut", sagt Schwester Roswith und lächelt. "Das ist ja nicht mehr nur die Arbeiterklasse, sage ich jetzt einmal platt. Immer mehr Menschen aus dem Mittelstand sind betroffen und wollen sich engagieren."
Wie es mit der Initiative "Ordensleute für den Frieden" in zehn Jahren aussieht, bleibt abzuwarten. Noch treffe man sich regelmäßig und telefoniere. Klar gebe es Nachwuchssorgen oder Interessierte schlössen sich alternativen Angeboten an. Aber Schwester Roswith bewegt vor allem Eines: "Ich freue mich, dass unsere Botschaft in der Gesellschaft angekommen ist. Es kann nicht sein, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. So etwas durfte man 1990 noch nicht öffentlich sagen, ohne direkt in die linke Ecke gestellt zu werden. Wir wurden oft als Kommunisten beschimpft. Aber wir handeln doch aus einem rein christlichen Auftrag heraus."
Ein bisschen ratlos wirkt sie dann doch, wie sie da auf dem Sofa sitzt. "Manchmal denke ich auch, du bist doch jetzt alt. Ich lese ja auch gern." Den Krimi "Nebelsturm" von dem schwedischen Schriftsteller Johan Theorin hat ihr eine Freundin ausgeliehen, "Deutschstunde" von Siegfried Lenz liegt noch parat. Ab und an besucht sie Bekannte im Seniorenheim. Die benachbarte Kirche St. Barbara ist profaniert: "Da werden jetzt die Tabernakel und andere Gegenstände aus anderen geschlossenen Kirchen gelagert", berichtet Schwester Roswith. Bis 2009 war sie in Duisburg-Walsum als Altenseelsorgerin tätig.
Jetzt könnte sie sich eigentlich entspannt zur Ruhe setzen. Doch dann sind da ihre vielen Nichten und Neffen: "Ich denke oft: Wie wird deren Zukunft wohl werden in einer Zeit, in der nur noch befristet eingestellt wird und schlecht gezahlt wird?" Und dann macht sie sich doch wieder auf, zum nächsten Pfingstkapitel nach Frankfurt, um sich für eine bessere Welt einzusetzen.
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Text: Marie-Theres Himstedt | Foto: Marie-Theres Himstedt in
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