
"Beispiele für Nächstenliebe gibt es in der Bibel. Und am Bahnhof", steht auf der Spendendose der Bahnhofsmission in Münster. Im Bild deren Leiterin Dorothea Büker.
Knotenpunkt soziale Hilfe
Nächstenliebe zwischen den Gleisen in Münster
Münster. Das normale Szenario am Hauptbahnhof von Münster: Menschenmengen schieben sich durch die Gänge, vorbei an abgesperrten Treppenaufgängen und mit Flatterband abgesperrten staubigen Baustellen, Pressluftbohrer hämmern, der Regen fällt durch das abgerissene Dach an Bahnsteig 3. Mitten dazwischen eine Frau in blauer Jacke mit dem Logo der Bahnhofsmission.
Sie wird angesprochen von einem Mann in abgerissener Kleidung, der seine Habe in einer löchrigen Plastiktüte umherträgt. Er gehört zu jenen, um die die meisten Passanten einen großen Bogen machen. "Wo seid ihr denn jetzt eigentlich?", fragt er. "Auf Gleis 12 zwischen den Treppen, wo früher der Bahnservice war." Auf die Frage "Aber das mit dem Kaffee, das gibt es nicht mehr, oder?", lächelt die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Bahnhofsmission: "Doch, natürlich." – "Dann komm ich nachher mal bei euch vorbei."
Die Bahnhofsmission ist zurzeit von den Umbauarbeiten am münsterschen Hauptbahnhof betroffen. Nicht nur, dass viele Reisende sich schwerer zurechtfinden und zusätzliche Hilfe benötigen, wenn der Zug plötzlich an einem anderen Bahnsteig abfährt oder die Zugangstunnel jeden Tag anders aussehen. "Deshalb gehen wir in dieser Zeit verstärkt auf die Bahnsteige, damit wir besser helfen können", sagt Dorothea Büker, Leiterin der Bahnhofsmission. "In unseren Ausweichräumen haben wir auch gar nicht so viel Platz."
Denn die Bahnhofsmission musste für eine im Rahmen des Umbaus anstehende Sanierung ihre angestammten Räume am Südende von Bahnsteig 9 / 12 verlassen. Übergangsweise stellt die Bahn ihre früheren Serviceräume auf demselben Gleis zur Verfügung. Diese werden, wenn die Bahnhofsmission wieder zurückzieht, abgerissen – und so wurden auch die Heizungsrohre schon einmal abgetrennt. Die Bahnhofsmission heizt in den Diensträumen und auch im Gäste-Aufenthaltsraum zurzeit mit elektrischen Heizkörpern gegen die Winterkälte an. Aber so richtig warm wird es trotzdem nicht.
Drei Mitarbeiter, vor allem Ehrenamtliche und Praktikanten, helfen in den meisten Schichten. Eine Schicht dauert sechs Stunden, von 8 bis 14 Uhr oder von 14 bis 20 Uhr an den Werktagen. Wer kommt und Hilfe benötigt, wissen die Helfer vorher nicht.
30 Personen zählt die Adressenliste, aus der Büker monatlich ihren Dienstplan zusammenstellt. Dazu kommen immer wieder Kurzzeitpraktika von Schulen oder auch Menschen, die eine Schicht lang die Arbeit der Bahnhofsmission kennen lernen wollen. "Die Hausfrau, die 20 Jahre lang nebenher bei der Bahnhofsmission tätig ist, gibt es heute kaum noch. Die Zeit ist vorbei", sagt Büker. "Manche kommen für eine Woche, um ein Praktikum zu machen, andere bleiben während der ganzen Zeit ihres Studiums. Wieder andere entdecken im Ruhestand, dass sie noch gut etwas machen können und freuen sich, dass sie so mit Menschen in Kontakt bleiben." Auf diese Weise gibt es ein gutes Miteinander der Generationen unter den Mitarbeitern, man schätzt und hilft sich gegenseitig.
Die Bahnhofsmission steht als "Kirche am Bahnhof" in der Trägerschaft von Diakonie und Caritas und finanziert sich vor allem aus Spenden. Zum Beispiel geben Bäcker Brötchen für eine kleine Mahlzeit ab. Es gibt auch viele Reisende, die Hilfe in Anspruch nehmen und dann als Dank eine kleine Unterstützung geben. Aber auch Kirchengemeinden und Vereine gehören zu den regelmäßigen Wohltätern der Bahnhofsmission. Und nur so könne diese weiter ihren Dienst leisten, betont Büker. "Deshalb danken wir allen herzlich, die im vergangenen Jahr gespendet haben."
Text: Cornelia Klaebe | Foto: Cornelia Klaebe in
Kirche+Leben
06.02.2012
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