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22.05.2012
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Dieter Frintrop stand elf Jahre den Häftlingen in Coesfeld als Gesprächspartner zur Seite.

Dieter Frintrop stand elf Jahre den Häftlingen in Coesfeld als Gesprächspartner zur Seite.

Pfarrer Dieter Frintrop: Montags war Knasttag

Ehrenamtliche Seelsorge in der JVA Coesfeld

Coesfeld. Seine Knastzeit ist vorbei. Etwas wehmütig ist Dieter Frintrop dennoch. Doch nach elf Jahren ehrenamtliche Seelsorge in der Justizvollzugsanstalt Münster, Zweiganstalt Coesfeld, sei es auch gut gewesen, meint der Pfarrer im Ruhestand. Jeden Montag war er in dem tristen Backsteingebäude in Coesfeld zu Gast. "Und nie hat mir auch nur einer etwas Übles gewollt", blickt er auf die vergangenen Jahre zurück. 45 Häftlinge verbringen in der Zweigstelle ihre Strafe. Ein Drittel von ihnen seien Untersuchungshäftlinge.

Eher zufällig ist er zu diesem Ehrenamt gekommen. "Ausschlaggebend war meine Flüchtlingsarbeit", erklärt er. 13 Jahre war Frintrop im Vorstand von "Asyl in der Kirche NRW" und als Vorsitzender des Flüchtlingsrats im Kreis Coesfeld aktiv. In dieser Zeit, nämlich Anfang der Neunzigerjahre Jahre, wurden Abschiebehäftlinge in das kleine Gefängnis gebracht, das eigentlich abgerissen werden sollte. "Das war der größte Ausdruck von Ausländerfeindlichkeit, die der Staat gemacht hatte. Häftlinge unterschiedlicher Nationen wurden bewusst menschenverachtend gemeinsam in Zellen geschlossen", kann sich der 76-Jährige noch heute über die damaligen Zustände aufregen. Er fasste den Entschluss, sich zu engagieren und fand einen großen Unterstützer in dem inzwischen verstorbenen Regionalbischof Josef Voß. "Es ist immer wichtig, dass man weiß, einen Fürsprecher zu haben, wenn man sich weit aus dem Fenster lehnt und ein Mann des offenen Wortes ist." Kennen gelernt hatten sich die beiden Geistlichen übrigens in Rom. "Ich war zur Krönung von Papst Johannes XXIII., und Josef Voß studierte in dieser Zeit in Rom."

Die Flüchtlinge seien damals hinter Gittern gewesen, nicht, weil sie kriminell gewesen waren, sondern "weil es auf diesem Weg leichter war, sie abzuschieben" Vieles habe er von den Menschen erfahren, obwohl es schwierig gewesen sei, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. "In dieser Zeit habe ich mein Herz an den Knast verloren", gibt Frintrop unumwunden zu. Eineinhalb Jahre hat er sich um die Flüchtlinge hinter den dicken Backsteinmauern gekümmert. Sein Einsatz in der Flüchtlingsarbeit "ist Frucht einer unsäglichen Kindheitserinnerung" Es war der 10. Dezember 1941. Der gebürtige Vredener kann sich genau an das Datum erinnern. Er war damals sechseinhalb Jahre alt, "aber das, was ich zu diesem Zeitpunkt erlebt habe, hat mir zu denken gegeben" Er war der letzte Zeuge, der gesehen hat, wie der jüdische Nachbar und seine Familie auf Lastwagen geprügelt und in die Vernichtungslager transportiert wurden. "Obwohl ich so jung war, hat es mir zu denken gegeben. Wie kann es sein, dass Menschen, die unschuldig sind, so behandelt werden? So ist später in mir der Wille entstanden, mich für rechtlose und schutzlose Menschen einzusetzen", erklärt er die Hintergründe.

Als das Gefängnis in Coesfeld später wieder eine Zweigstelle der münsterschen Justizvollzugsanstalt wurde, hat Frintrop im Jahr 2000 als Gefängnisseelsorger seine ehrenamtliche Arbeit fortgeführt. Gemeinsam mit Pfarrer Frank Ottofrickenstein, der heute als Gefängnisseelsorger in Münster arbeitet, hatte er diese Aufgabe übernommen. "Davor standen die Überlegungen, was ich machen wollte, wenn ich 65 Jahre alt bin", erklärt Frintrop, der seit 36 Jahren in der Kreisstadt lebt und 24 Jahre Pfarrer in St. Jakobi in Coesfeld war.

Die Arbeit mit den Häftlingen hat ihm Freude gemacht. "Ich bin nicht ins Gefängnis gegangen, um sie fromm zu machen, sondern um ihnen in ihrer Situation nah zu sein und um das Wort der Gerichtsrede Jesu zu leben: "Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen"", erklärt er seine Aufgabe und zitiert Matthäus 25, 36. Gut sei er mit den Häftlingen klar gekommen, habe beim Zellenbesuch an die Türen geklopft und sei immer freundlich empfangen worden. Angst habe er vor ihnen nicht gehabt. Zudem sei es ihm möglich gewesen, ihnen "Wohltaten" zukommen zu lassen. "Das konnte Tabak genauso sein wie eine Nachricht von der Großmutter, mit der ich nach dem Besuch von zu Hause telefoniert hatte. Für manche waren die Großeltern besonders wichtig, denn "Oma" war oft die letzte Instanz, die noch zu ihnen gehalten hat", weiß Frintrop. "Die Gefangenen waren oft junge Kerle, die sich ihre Zukunft verbaut haben", fügt er bedauernd hinzu.

Durch seine Beziehungen zum Caritasverband – Frintrop war über viele Jahre Dekanats-Caritas-Seelsorger – sei es ihm möglich gewesen, den einen oder anderen Wunsch im Gefängnis zu erfüllen. "Das konnte mal eine Mikrowelle sein oder ein Satz Saiten für die Gitarre", erzählt er. Diese hatte er dem Gefängnis geschenkt.

Zweimal im Monat hat der Seelsorger mit den Häftlingen Gottesdienst in der hauseigenen Kapelle gefeiert – mal mit mehr, mal mit weniger Beteiligten. "Da musste man flexibel sein." Ansonsten hat er Gesprächsnachmittage zu Themen wie Gerechtigkeit oder Wiedergutmachung sowie Einzelgespräche angeboten. Ab 2002 hat er den Familiennachmittag als kirchliche Veranstaltung etabliert. "Am letzten Donnerstag im Monat besteht für maximal drei Inhaftierte die Möglichkeit, sich mit ihrer Familie für zwei Stunden im Besuchsraum zu treffen", erklärt er. Einzige Aufsichtsperson: der Seelsorger. Dabei habe es Szenen gegeben, deren Bilder ihn nicht so schnell in Ruhe ließen – wie das dreijährige Kind, das sich mit Händen und Füßen gewehrt hatte, wenn es seinen Papa wieder für eine längere Zeit verlassen musste. "Diese familiären Dramen, die an den Nachmittagen manchmal zu Tage traten, waren nicht einfach zu ertragen."

Dass er selbst der Schweigepflicht unterliegt, versteht sich von selbst. Auf die Frage, ob ihn die Geschichten aus dem Gefängnis belasten, kommt die Antwort schnell: "Nein, mich belastet das wenig. Allerdings hatte ich immer Probleme, Sexualstraftätern unbefangen zu begegnen." Der Vorteil des Coesfelder Gefängnisses sei gleichzeitig auch sein Nachteil. "Weil es ein kleiner Knast ist, kennen sich die Insassen und Mitarbeiter gut. Aber es gibt wenig Möglichkeiten, die Freizeit zu verbringen", weiß Frintrop.

Für ihn ist die Zeit im Gefängnis nun vorbei. "Zum Abschied haben sich die Häftlinge einen "Tag der offenen Tür" gewünscht", sagt der Seelsorger lachend, der im Februar seinen 77. Geburtstag feiert. "Nach fast 50 Jahren im Dienst bin ich froh, dass ich nichts mehr zu sagen habe" Regelmäßig feiert er noch am Mittwoch und Samstag den Gottesdienst im Seniorenheim. Zudem stehe er den Gemeinden bei Bedarf als Priester zur Verfügung. Und am Sonntagmorgen genießt er das Frühstück "ohne Hast und Blick auf die Uhr".

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Text: Michaela Kiepe | Foto: Michaela Kiepe in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
29.01.2012

    1. Bistumshandbuch: Gefangenenseelsorge

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