
Angelika Walter.
Und trotzdem wird es Weihnachten
Weihnachten im Seniorenzentrum Klarastift
Münster. Das Leben geht an den Feiertagen weiter – im Seniorenzentrum Klarastift in Münster aber ist es ein besonderes. Wie überall, wo alte Menschen wohnen und gepflegt werden.
Die alte Dame fährt mit ihrer Gehhilfe durch das Café unter dem großen Glasdach und sucht ihren Weg. "Wo soll ich bloß hin?", spricht sie leise vor sich hin, bis ihr eine Pflegerin zur Hilfe eilt. Von einem Zimmer auf dem angrenzenden Flur ist von Zeit zur Zeit ein lauter Seufzer zu hören. Das blecherne Husten des Mannes, der sich im Foyer mit einer Zeitung niedergelassen hat, lässt alle zusammenzucken. Kann hier Weihnachtsstimmung aufkommen?
Härten des Lebens
"Das ist die Sicht von außen", sagt Angelika Walter. Die Sozialpädagogin aus dem sozialen Dienst des Hauses kennt die Vorbehalte von Besuchern gut. "Natürlich wirkt das für jemanden, der eine solche Atmosphäre nicht kennt, alles andere als festlich." Für die Bewohner und Angestellten im Klarastift ist diese Atmosphäre aber Normalität. Der Alltag in einem Altenpflegezentrum sei einer, in dem auch die Härten des Lebens immer präsent seien. "Und trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb, wird es hier Weihnachten."
Denn die Bedeutung dieses Festes ist für die Menschen an diesem Ort herausragend. Seine Ausstrahlung sicher noch intensiver als auf andere, die kaum Muße für die Vorbereitung haben. Davon haben die Bewohner des Klarastifts ausreichend. "Für viele sind die Weihnachtsfeiertage ein ganz wichtiges Gut", sagt Walter. "Sie sind schon Wochen vorher regelrecht fixiert auf dieses Ereignis." Tradition, Erlebnisse, gerade die eigene Familiengeschichte werden für die Bewohner an diesen Tagen wachgerufen. "Da müssen wir nur etwas anticken, und die Erinnerungen brechen auf." Die erste Zeile des Weihnachtsgedichts "Von drauß‘, vom Walde komm‘ ich her" beim gemeinsamen Adventscafé reiche schon. "Den Rest können fast alle auswendig mitsprechen."
"Ich werde an Weihnachten abgeholt – was ziehe ich bloß an?" Walter kennt die wohl meist gestellte Frage in der Adventszeit. "Weihnachten in der Familie gehört für die meisten zur Sternstunde des Jahres." Dann könnten die Erinnerungen gelebt werden. "Dazu gehört auch das Schenken", sagt sie. "Endlich können die alten Menschen wieder etwas geben." Denn das Gefühl, in der Situation des Alters auf andere angewiesen zu sein, sei bei vielen stark. "Und nun können sie zürückgeben, auch wenn es nur das Glas besondere Marmelade ist, für das die Bewohner weite Wege auf sich nehmen." Alle Mitarbeiter wissen, welche Bedeutung dieser Tag für die Menschen im Klarastift hat. Auch für die, die nicht abgeholt werden. Natürlich wird ihnen gerade an diesen Tagen ihre Situation besonders bewusst. "Raus aus den eigenen vier Wänden, nicht selten fern von der Familie, manchmal auch im Streit mit Angehörigen." Die letzte Lebensstation Pflegeheim kann deutlich vor Augen führen, was im Leben richtig und was falsch gelaufen ist. "Gerade am Weihnachtsfest."
Frau B. macht deshalb die Tür zu. So reagiert sie schon seit vielen Jahren. "Ihre Trauer über das, was fehlt, ist einfach zu groß", sagt Walter. Alle Beteiligten wissen das, akzeptieren das und lassen sie in Ruhe diese Tage für sich gestalten. "Wer weiß, was sie in der Familie alles mitgemacht hat."
Die meisten aber versuchen, so viel Weihnachten zu erleben, wie es eben geht. Und dafür wird einiges geboten: gemeinschaftliches Singen, Advents- und Weihnachtskonzerte, Bastel- und Backnachmittage. "Alles mit möglichst viel traditionellen Elementen." Es darf in Erinnerungen geschwelgt werden.
"Ich kann versichern, dass es im Klarastift immer auf den Punkt genau Weihnachten wird", sagt Walter. Die Atmosphäre ist da, die Menschen sind an der Krippe angekommen, die in der Cafeteria ihren Platz unter dem riesigen Weihnachtsbaum gefunden hat. Daran ändert auch der Sturz von Frau L. am Vormittag nichts, die vor den Festlichkeiten noch einmal vor die Tür will. Auf dem Glatteis rutscht sie aus, und der Rettungswagen muss sie ins Krankenhaus bringen. Blaulicht, Ersthelfer und Pfleger bringen kurzfristig hektisches Treiben ins Foyer. Viele Bewohner schauen erschrocken zu.
Besondere Wucht
"Es darf weitergehen", sagt Walter anschließend. Ein Moment der Stille sei wichtig. Und einige Gespräche, weil solch ein Unfall allen noch einmal die eigene Gebrechlichkeit vor Augen führe. "Aber Weihnachten darf deshalb nicht ins Wasser fallen." Zum Glück bleibt der Sturz die Ausnahme. Aber auch alle anderen Ereignisse setzen zu Weihnachten nicht aus. Auch nicht der Tod. Am Nachmittag noch stirbt Frau L. nach langer Krankheit. Der Leichenwagen vor der Tür erzählt allen von ihrem Schicksal. "Plötzlich ist jemand aus unserem Kreis nicht mehr da", spricht Walter über die Gefühle der Mitbewohner. "An einem solchen Tag hat das Thema Vergänglichkeit eine besondere Wucht." Es wird ihnen bewusst, dass auch viele von ihnen am Ende des Lebens stehen. "Und dass sie Weihnachten immer so feiern müssen, als wäre es ihr letztes Mal."
Höhepunkt bleibt der Gottesdienst am Heiligen Abend. "Neben dem festlichen Essen", sagt Walter. Aber in der gemeinsamen Messe verdichte sich für viele Bewohner das Weihnachtsgefühl schlechthin. "Viel mehr darf es dann auch schon nicht sein", weiß sie. "Das ist schon ein volles Programm und verlangt den alten Menschen einiges ab."
Am Abend herrscht deshalb erschöpfte Ruhe im Haus. Auch bei den Pflegern und Betreuern. Denn für sie sind diese Tage ebenfalls eine große Herausforderung. "Alles muss auf den Punkt genau fertig, geschmückt und organisiert sein." Allein, dass alle Bewohner zum gleichen Zeitpunkt festlich angezogen sein wollen, fordert alle Kräfte.
Die kommenden zwei Tage sind klassische Besuchertage. Viele, die nicht abgeholt werden, bekommen Besuch von der Verwandtschaft. Auch hier wird der Rahmen für das festliche Gefühl bereit gehalten. Der große Speisesaal ist beim großen Weihnachts-Singen mit Bewohnern und Anhang bis auf den letzten Platz gefüllt.
Angehörige mitnehmen
Gerade für den Ehepartner, die am Abend wieder allein nach Hause gehen müssen, bedeuten diese Tage eine große Belastung. "Sie sind dann daheim, in gewohnter Umgebung, und es fehlt jemand." Die Erinnerung an das schöne Essen oder das Singen in Zweisamkeit werde nicht selten zur großen Trauer. "Deshalb nehmen wir die Angehörigen so weit wie möglich mit in unseren Angeboten hier im Haus."
Doch nicht immer kann diese Situation aufgefangen werden. Frau M. etwa hat über viele Jahre mit ihrer Schwester auf dem elterlichen Hof gelebt. Nun wohnt sie im Klarastift, die Schwester bei ihrer Nichte. "Die Erinnerungen an das Fest in der Großfamilie sind noch lebendig." Eine Sehnsucht, die bei allem Engagement im Pflegeheim nicht gestillt werden kann. "Auch das gehört für uns zum Fest", sagt Walter. "Die Traurigkeit der Menschen mittragen." Was nur gelinge, wenn die Atmosphäre es zulasse. Sie lasse es zu. Weil Weihnachten geworden ist. "Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen."
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Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte in
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