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21.05.2012
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Frank Ottofrickenstein, Seelsorger in der JVA Münster.

Frank Ottofrickenstein, Seelsorger in der JVA Münster.

Ein Gefängnis ist kein Sonderort

Tröstliche Feiern hinter verschlossenen Türen

Münster. Seit einigen Jahren ist Pfarrer Frank Ottofrickenstein Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Münster. In seinem Beitrag beschreibt er seine Eindrücke, wie Inhaftierte die Weihnachtszeit erleben und welche Möglichkeiten eine "Gefangenenseelsorge" hat.

Als mich die Anfrage erreichte, für "Kirche+Leben" etwas zum Thema "Weihnachten im Gefängnis" zu schreiben, war mein erster Gedanke: "Was gibt es dazu zu schreiben? Irgendetwas Spektakuläres gibt es da nicht."

In der Tat erlebe ich die Advents- und Weihnachtszeit in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Münster seit zehn Jahren – solange arbeite ich dort als Seelsorger – weit weniger besonders als ich es auch selbst vermutet hatte. Eher sogar im Gegenteil: Speziell die Adventszeit ist in der JVA von einer großen Normalität geprägt, irgendwie sogar in angenehmer Unterscheidung zu der "besinnlichen" Gestaltung in so mancher Pfarrgemeinde.

Natürlich müssen auch in der JVA diverse Vorbereitungen auf Weihnachten getroffen werden wie die Gestaltung des Kirchenraums mit Krippe und Weihnachtsbäumen oder die Durchführung der Weihnachtspaketaktion, die alljährlich mit einem Spendenaufruf in "Kirche+Leben" präsent wird. Aber bei guter Planung und Mitwirkung einiger Inhaftierter bereitet dieser "Mehraufwand" meistens sogar Freude. Ansonsten sind natürlich die Gottesdienste und Gebetszeiten am Sonntag und während der Woche adventlich gestaltet, selbst die Roratemessen, aus organisatorischen Gründen am Abend, fehlen nicht. Ja, gerade das Lichtelement berührt nicht wenige, ganz ähnlich wie in den Gemeinden draußen. Es ist wichtig und schön, dass es die verschiedenen Möglichkeiten zum gemeinsamen Gebet während der Woche gibt. Neben den Eucharistiefeiern am Sonntag und Mittwoch wird in der JVA seit vielen Jahren das Rosenkranzgebet mehrsprachig gepflegt, die wöchentliche Zeit der stillen Anbetung und Taizégesänge gehören ebenfalls dazu.

Natürlich wird in der Advents- und Weihnachtszeit die emotionale Seite von uns Menschen in besonderer Weise angesprochen, das ist in der JVA nicht anders. Nicht wenige erleben die weitgehende oder gar totale Trennung von Frau/Lebensgefährtin oder Kindern, Eltern und Freunden hier an manchen Tagen als besonders schmerzhaft, den Menschen draußen geht es oft ähnlich. Manche haben auch Angst vor Weihnachten oder ziehen sich in diesen Tagen stärker zurück. Andere sagen, dass es sehr auf die eigene Einstellung bezüglich der Zeit im Gefängnis ankommt: "Wenn ich mich damit arrangiert habe, dass ich nun einmal im Gefängnis bin, dann geht das auch mit Weihnachten ganz gut. Ich lebe dann halt momentan hier. Wenn ich dagegen ständig dagegen ankämpfe, dann wird’s schwierig."

Natürlich muss dazu auch gesagt werden, dass längst nicht alle einen inneren Bezug zum Weihnachtsfest haben. Neben den knapp 20 Prozent Muslimen gibt es etliche andere, die keine oder kaum Vorerfahrungen mit einer Feier von Weihnachten mitbringen. Gerade was Gottesdienste und Gebete betrifft, machen nicht wenige neue oder sogar erstmalige Erfahrungen mit Advent und Weihnachten.

Ich darf ehrlich sagen, dass ich gern diese Zeit im Gefängnis verbringe: Natürlich ist es nicht immer leicht, in Gesprächen und anderen Situationen die Traurigkeit von manchen Inhaftierten mitzubekommen, aber gerade hier setzt der Anfangspunkt und Sinn meiner Verkündigung an: Menschwerdung Gottes geschieht keineswegs zuerst im heimeligen Familienkreis, sondern überall dort, wo Menschen sich ihrer eigenen Bedürftigkeit bewusst werden und bereit sind, sich als Kinder Gottes beschenken zu lassen. Und da ist das Gefängnis kein Sonderort. Weihnachten wird dort genauso Wirklichkeit wie auch eine nur äußere Fassade, die an Menschen einfach sinnentleert vorbeirauscht.

Beides ist innerhalb und außerhalb der Mauern real, Gott jedenfalls macht an keiner Grenze halt. Weihnachten: ein tröstliches, aufbauendes Fest, auch ein Fest, um neu aufzubrechen. In diesem Sinn ist Weihnachten in der JVA ein ungemein wichtiges und im richtigen Sinn verstanden sehr schönes Fest. Das schließt ein, dass wir natürlich "Stille Nacht" in den Gottesdiensten singen und auch dass die meisten durchatmen, wenn die Feiertage vorbei sind. Doch wir brauchen Weihnachten.

Liebe Leserinnen und Leser: Irgendwie ist dieser Artikel über Weihnachten im Gefängnis mehr zu einer Art Verkündigung geworden, doch anders kann ich darüber nicht schreiben. Wie gesagt, im Grunde genommen läuft es in der JVA wenig spektakulär ab, vieles ist normaler als manche denken. Es leben dort halt einfach Menschen mit ihren so unterschiedlichen Geschichten, Hoffnungen und Ängsten.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Advent und Weihnachten

Text: Frank Ottofrickenstein | Foto: Privat in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
26.12.2011

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