
Oft unterwegs: Militärpfarrer Thomas Funke und Pfarrhelfer Rudolf Brinkmann (v. l.) bieten in den Ferien Werkwochen für Soldatenfamilien an.
Der Rasenmäher als Abschiedsgeschenk
Militärseelsorge: Schicksal der Soldatenfrauen
Wilhelmshaven/Delmenhorst. Wie kommen Familien zurecht, deren Väter in den Krieg ziehen müssen? Welche Hilfe bietet die Militärseelsorge dann? "Kirche+Leben" hat mit einer Soldatenfrau aus Wilhelmshaven gesprochen und den Militärpfarrer in Delmenhorst besucht.
Karin Kleinwächter aus Wilhelmshaven kennt das Schicksal von Soldatenfrauen. "Mein Mann ist 21 Jahre lang als Marine-Soldat zur See gefahren", sagt sie. Das Ehepaar hat zwei Kinder. "Unser Sohn ist geboren, als mein Mann gerade zu Hause war." Noch heute klingt sie darüber erleichtert. "Als das Kind zehn Monate alt war, musste er wieder für ein halbes Jahr weg. Er konnte nicht sehen, wie der Kleine seine ersten Schritte macht."
Das war zur Zeit des ersten Golfkriegs. Peter Kleinwächter arbeitete als schiffstechnischer Offizier, hat mit seiner Mannschaft das östliche Mittelmeer abgesichert. "Es war ein Gefühl von Unsicherheit", beschreibt Kleinwächter. "Was passiert dort? Was machen die da?" Vieles sei nicht nach außen gedrungen. "Telefonieren, E-Mails schreiben – das war damals natürlich nicht so einfach."
Karin Kleinwächter stammt aus Nürnberg. Der Liebe wegen ist sie mit ihrem Mann Peter nach Wilhelmshaven gezogen. "Wenn mein Mann zur See war, war ich auf mich allein gestellt", sagt sie. "Ich kannte anfangs niemanden, hatte hier keine Verwandten."
Vieles habe sie allein entscheiden müssen: In welchen Kindergarten sollen die Kinder gehen? Welcher Betrieb soll die Heizung reparieren? "Oft ganz banale Dinge", sagt sie. An eine Situation erinnert sich die 52-Jährige gut: "Als mein Mann wieder fort musste, sind wir in den Baumarkt gefahren. Ich sollte mir einen Rasenmäher aussuchen. Einen, mit dem ich gut zurecht komme – als Abschiedsgeschenk."
Für Karin Kleinwächter war es immer wichtig, persönliche Kontakte zu knüpfen. Über die Familienbetreuung der Bundeswehr zum Beispiel oder über die Militärseelsorge. Hier hat sie andere Soldatenfrauen kennen gelernt, die ihre Sorgen kannten. "In vielen Familien sind manche Sachen selbstverständlich", sagt sie, "dass der Papa bei der Einschulung dabei ist oder bei der Erstkommunion. Bei uns war das immer eine Zitterpartie."
Eines sei immer wichtig gewesen: "Man muss ein Grundvertrauen haben", sagt die Soldatenfrau. "Natürlich: Die Männer kommen viel herum und sind allein." Aber das sei umgekehrt genauso. "Ich habe großes Vertrauen in meinen Mann – und er in mich."
Standortwechsel: Dienststelle Delmenhorst, Feldwebel-Lilienthal-Kaserne, Gebäude 015. Der lange Flur der Militärseelsorge wirkt grau und trist. Ein großes Holzkreuz macht auf das aufmerksam, was in diesen Räumen Thema ist: der Glaube. Nicht immer offensiv und direkt, wohl aber im Miteinander, bei gemeinsamen Familien-Wochenenden und Ausflügen.
Thomas Funke ist seit 2007 Militärpfarrer. 2009 hat er Soldaten in den Kosovo begleitet. "Heute ist der Pfarrer dabei – da passiert uns nichts." Die Sprüche der jungen Männer sind für ihn unvergessen. "Man muss ein Kumpeltyp sein", sagt Funke. Die Soldaten könnten schließlich genau einschätzen, wer ihnen als Person wohlgesonnen sei. Funke und sein Pfarrhelfer Rudolf Brinkmann sind das zweifellos: Kumpeltypen. Brinkmann war selbst Soldat. Die Militärseelsorge hat er als Ausbilder bei der Bundeswehr kennen gelernt.
Die Militärseelsorge Delmenhorst betreut drei Standorte: das Landeskommando und die Feldjägerkompanie in Bremen, den großen Luftwaffen-Fliegerhorst in Diepholz und die Logistikbrigade in Delmenhorst. Sie kümmert sich um 3300 Soldaten, von denen rund 600 katholisch sind. "Aber wir fragen nicht, ob jemand katholisch, evangelisch oder konfessionslos ist", sagt der Pfarrer.
Einen Schwerpunkt ihrer Arbeit sehen Funke und Brinkmann bei den Familien-Werkwochen in den Ferien. "Die werden gut angenommen", sagt Brinkmann. "Wir können den Bedarf kaum decken." Ist der Vater in einem militärischen Einsatz, nehmen Mutter und Kind allein teil. Auch Wochenenden für Väter und ihre Kinder bieten die Seelsorger an.
"Wir gestalten die Themen so, dass die Familien für sich etwas daraus mitnehmen können", sagt Funke. Es sei immer eine Mischung aus Freizeit und Bildung. Der Militärpfarrer kennt die Vorteile der Veranstaltungen: "Die Familien haben Zeit für sich, die Frauen müssen nicht kochen und alle können abschalten."
So komme es auch zu neuen Kontakten. "Das fällt besonders bei Kindern auf", sagt Pfarrhelfer Brinkmann. "Sie wissen früh, dass sie teilnehmen können und erzählen es Freunden aus anderen Soldatenfamilien." So seien dann deren Eltern in einem gesunden Zugzwang.
Natürlich kommen in der Militärseelsorge auch Probleme zur Sprache. Mit der Beziehung zum Beispiel, die Trennung von zu Hause oder die Frage nach der Treue. Funke sagt: "Junge Leute haben oft große Ideale. Wenn es im Leben doch schief geht, sind wir bemüht, gemeinsam einen Weg zu finden. Wir wollen sie daran hindern, alles weg zu schmeißen."
Eines weiß Funke aus Erfahrung: "Manchmal ist Militärseelsorge auch einfach nur nett. Es sind nicht immer Therapiesitzungen."
Einsatz gegen Piraten:
Die Bundesmarine ist seit dem Jahr 2008 in der so genannten Operation Atalanta vor der Küste Somalias vertreten. Dabei wird eine Fregatte mit Bordhubschrauber gegen Piraten eingesetzt. Der Bundestag hat dafür 1.400 Soldatinnen und Soldaten genehmigt. Im Vorjahr wurden dort mehr als 200 Schiffe angegriffen. Heer und Luftwaffe setzen zurzeit rund 5.000 Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan ein. Der Bundestag hat eine Obergrenze von 5.350 gesetzt. Der Schwerpunkt des Einsatzes liegt im Norden des Landes. Die Truppen sollen nach einer UN-Resolution Afghanistan beim Wiederaufbau unterstützen. (fjs)
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Text: Katharina Deuling | Foto: Katharina Deuling in
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