
Das Fenster-Motiv zeigt oben den schlafenden Jesse, den Vater von König David, darunter Adam und Eva. Links unten ist Bileam, der heidnische Wahrsager, und rechts die Königin von Saba.
Entdecker-Tour im Advent: Darstellung des Stammbaums Jesu
Das Wurzel-Jesse-Fenster in St. Brigida
Legden. Sakrale Kunst ermöglicht immer auch eine theologische Interpretation. In der Kirchenkunst des Mittelalters war es üblich, das alttestamentliche mit dem neutestamentlichen Geschehen zu verbinden. Ein gängiges Bildmotiv im 13. Jahrhundert bezieht sich auf eine Weissagung aus Jesaja 11, dass aus Davids Vater Isai (Jesse) ein großer Nachfolger erwachsen wird: "Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht" (Jes 11,1). Aus dem schlafenden Jesse erwächst ein Baum, in dessen Krone Maria und Christus dargestellt werden. Bis heute wird dieses Motiv im Weihnachtslied "Es ist ein Ros entsprungen" entfaltet.
Den Stammbaum Jesu, auch Wurzel Jesse genannt, zeigt das mittlere Chorfenster der Pfarrkirche St. Brigida in Legden. Es ist das älteste im Ganzen erhaltene Fenster Norddeutschlands. Hergestellt wurde es um 1230 in den Künstlerwerkstätten von Soest. Das Fenster befindet sich noch heute an der Stelle, für die es ursprünglich geschaffen wurde. Die Datierung ergibt sich aus der Baugeschichte der Kirche, die 1235 geweiht wurde. Das Fenster ist 3,35 Meter hoch und durch Windeisen in Felder eingeteilt, zwischen denen 15 Scheiben befestigt sind. Die Stammbaumdarstellung mit ihren 32 Figuren ist klar strukturiert: Ausgehend vom Sündenfall der ersten Menschen steigt die Linie der Erlösung über Könige und Propheten bis zu Maria und Christus, der umgeben ist von den sinnbildlichen Tauben des Heiligen Geistes. Neben den leiblichen Vorfahren sind auch die "geistigen" Vorfahren in das Programm einbezogen: die Propheten. Die Bedeutung des Motivs liegt in der Veranschaulichung der Heilsgeschichte. Der Sohn Davids – ein messianischer Titel, mit dem Jesus in den Evangelien oft angeredet wird – nimmt den gläubigen Betrachter in den Stammbaum des Gottesvolks auf. Die gegenwärtige Glaubensgeschichte ist dessen ungebrochene Fortsetzung.
Der Stammbaum beginnt im Legdener Kirchenfenster nicht mit dem schlafenden Jesse, sondern mit Adam und Eva. Die Schlange bietet Eva den Apfel dar. An den Seiten sind zwei grüne Bäume. Sie tragen die Inschrift "Lignum vitae" (Holz des Lebens) und deuten auf den Kreuzesstamm hin, dessen Holz der Legende nach vom Baum des Paradieses genommen war. Über Adam und Eva ruht Jesse mit aufgestütztem Haupt. Aus seiner Lende wächst der grüne Stamm empor, der in Christus gipfelt.
Das Kirchenfenster in Legden weist starke Korrosionsschäden auf. Sie beeinträchtigen die Leuchtkraft der Farben. Restauratoren suchen nach Methoden, wie die Fensterteile geschützt werden können. Vom Fenster sind zwei "Kopien" angefertigt worden. Eine befindet sich im Priesterseminar Borromaeum in Münster, die andere ist im Besitz des Landesmuseums Münster.
Die tagsüber geöffnete Pfarrkirche St. Brigida ist mit weiteren wertvollen Chorfenstern ausgestattet.
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Text: Johannes Bernard | Fotos: Archiv in
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