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21.05.2012
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Burnout

2010 wurden etwa 100.000 Menschen allein mit der Diagnose Burnout krankgeschrieben.

Wenn berufliche Leidenschaft die Seele ausbrennt

Kirche hilft Menschen mit Burnout-Syndrom

Coesfeld. Immer mehr Menschen leiden unter dem Burnout-Syndrom, ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Auch die kirchlichen Beratungsstellen bieten Erkrankten Hilfsangebote.

Heute schämt sie sich nicht mehr. Mit ruhiger Stimme erzählt sie: "Morgens einfach nur aufzustehen war lange Zeit ein Riesenproblem für mich. Nachdem jahrelang mein Büro in der Anwaltskanzlei mein bevorzugter Aufenthaltsort gewesen war, war es nun mein Bett zu Hause. Ich war froh, wenn ich es tagsüber mal von dort bis zum Sofa im Wohnzimmer schaffte", schildert Bettina W. (Name geändert) ihr Leben während ihrer Burnout-Erkrankung. "Alle häuslichen Arbeiten wie Kochen, Wäschewaschen und Einkaufen hat mir mein Mann abgenommen, obwohl er ja selbst berufstätig war. Das ging drei Monate so, dann fand ich langsam wieder ins normale Leben zurück. Ohne meinen Mann hätte ich es sicher nicht geschafft."

Wie bei immer mehr Menschen in Deutschland begann auch bei der 48-jährigen promovierten Juristin die Krankheit schleichend: Zunächst nehmen meist nur die beruflichen Belastungen am Arbeitsplatz zu. Dazu zählen in der modernen Leistungsgesellschaft anhaltender Erfolgs- und Termindruck, eine nicht zu bewältigende Aufgabenhäufung, permanente Störungen im Arbeitsablauf durch Telefonate, E-Mails und SMS, Mobbing, Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes und ähnliche Ängste.

"Vollkommen erschöpft"

Treten zu diesen Problemen noch private hinzu, stellen sie oft das Tröpfchen dar, das das Fass der gefühlten persönlichen Unzulänglichkeit zum Überlaufen bringt: Mit Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit, Appetitmangel begann bei Bettina W. der Burnout, am Ende der Entwicklung hatte die Rechtsanwältin keine Kraft mehr, ihre Arbeit zu tun. "Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war vollkommen erschöpft, körperlich, geistig und auch seelisch."

1974, als der Psychologe Herbert J. Freudenberger den Begriff ins Leben rief, vermutete er, dass von Burnout nur Angehörige sozialer Berufe mit hohem Frustrationsniveau wie Krankenschwestern und Lehrer betroffen seien. Auf Grund aktueller Studien weiß man heute, dass jeder daran erkranken kann.

Immer mehr Fälle

Das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen nannte unlängst im Zusammenhang seiner Untersuchungen zu psychischen Erkrankungen bei Arbeitnehmern konkrete Zahlen: Die Krankschreibungen haben sich im Zeitraum 2004 bis 2010 verneunfacht, so wurden 2010 etwa 100.000 Menschen allein mit der Diagnose Burnout krankgeschrieben. Diese Patienten seien durchschnittlich 23,4 Tage im Jahr krank und damit mehr als doppelt so lange wie Menschen, die an anderen Krankheiten leiden (11,6 Tage). Produktionsausfallkosten in Höhe von etwa 27 Milliarden Euro, basierend auf den mit der Krankheit verbundenen 1,8 Millionen ausgefallenen Arbeitstagen und deren wirtschaftlichen Folgen, kommen hinzu.

Hilfe tut also Not. Vor diesem Hintergrund hat die IG Metall die Bundesregierung aufgefordert, eine Anti-Stress-Verordnung zu erlassen, wie es sie schon in mehreren anderen europäischen Ländern gebe. Doch bis es zu einer solchen Regelung hierzulande kommt, muss jeder Betroffene sich selbst helfen. Denn eines ist unbestritten: Die Gesundheit ist noch immer das höchste Gut des Menschen. Bettina W. formuliert es so: "Ich wollte wieder gesund werden, das war mein größter Wunsch."

Abschied vom hohen Leistungsanspruch

Da Burnout kein eindeutiges Krankheitsbild verursacht, sind die Symptome sehr unterschiedlich: Sie reichen von der geschilderten Erschöpfung über Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Magen- und Darm-Beschwerden, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen bis hin zu Gedächtnisproblemen und innerer Unruhe. Entsprechend vielfältig und individuell sind die medizinischen Therapieansätze.

Zu allererst ist es jedoch wichtig, dass der Patient seinen bisherigen hohen Leistungsanspruch gegenüber seiner Arbeit ändert. Erst dann können Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga, verschiedene Atemtechniken, Psycho- und Gesprächstherapie Abhilfe schaffen. Auch Ausdauersportarten wie Jogging, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen etc. werden empfohlen. Chinesische Ganzheitsmedizin, die mit Kräutertees, Akupunktur und langen Ruhephasen zur Genesung beitragen will, stellt eine weitere therapeutische Möglichkeit dar. Voraussetzung für alle Therapiearten ist jedoch, dass der Patient sich seines Nicht-mehr-Funktionierens in seiner beruflichen und privaten Umgebung nicht schämt und sich auch auf seine Angehörigen verlassen kann.

Caritas: Gesprächsangebote und Hilfsangebote vermitteln

Und hier greift insbesondere das Angebot der katholischen Kirche. Heinz Kues, Referent für Behindertenhilfe und Gemeindepsychiatrie bei der Caritas in Münster, erklärt dazu: " In unserem flächendeckenden Netz von Kontakt- und Beratungsstellen liegt das Hauptaugenmerk auf dem Angebot zu entlastenden Gesprächen für seelisch erkrankte Menschen und deren Familienangehörige. Aber auch sozialrechtliche Fragen können erörtert werden, und bei Bedarf werden Kontakte zu Psychotherapeuten, speziellen Kliniken etc. hergestellt."

Seine Kollegin, die Diplom-Pädagogin Nina Enseling von der Kontakt- und Beratungsstelle Coesfeld, nimmt konkret zu Bettina W.s Fall Stellung: "Wir haben zwar bislang in unserer Beratungsstelle erst wenig Kontakt zu Burnout-Patienten gehabt, doch würden meine Kollegen und ich zunächst empfehlen, die Forderung nach dem eigenen 'Immer-Besser' und 'Immer-Mehr' zu ändern, die individuellen Leistungsgrenzen anzuerkennen, sich seine Fehlbarkeit einzugestehen, Hilfe von anderen zu akzeptieren und sich schließlich auch wieder mehr Freiräume in Form von Freizeitunternehmungen, aktivem Familienleben und der Pflege von Freundschaften zu schaffen."

Vorbeugung für jedermann

Jeder einzelne sollte nach Meinung von Enseling sich dafür einsetzen, seine Arbeit so gut wie möglich tun zu können. "Dazu gehört aber vor allem auch, sich 'freizuschaufeln', eben nicht jede Bitte eines Kollegen zu jeder Zeit zu erfüllen, nicht jede Mail sofort zu beantworten, nicht jeden Anruf umgehend entgegenzunehmen usw." Wer sich bewusst Freiräume bei der Arbeit schaffe, werde seine Arbeit besser erledigen und gesundheitlich davon profitieren. "Letztlich ist im Hinblick auf das grassierende Burnout ein wenig Prophylaxe für jedermann wünschenswert, und möglicherweise findet das positive Beispiel eines Einzelnen bald Nachahmer."

Heute geht es Bettina W. wieder gut. Beruflich hat sie sich allerdings verändert – und aus ihrer Krankheit gelernt: Sie unterrichtet nun überlastete Manager, ihr Berufsleben in den Griff zu bekommen. Damit für die Seele auch noch Raum bleibt.

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  2. undefinedViele Mütter in Kuren leiden an psychosomatischen Störungen: Burnout-Syndrom häufigste Erkrankung (23.09.2009)
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Text: Patricia Alda | Foto: Lupo, Öffnet externen Link in neuem Fensterpixelio.de
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