Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles  >  Aus den Regionen
25.05.2012
Artikel drucken
Logo kirchensite.
Johanna Bocklage mit ihrer Mutter. Spätestens im kommenden Sommer wird die Tochter ausziehen, in eine Wohngruppe des Vechtaer Andreaswerks.

Johanna Bocklage mit ihrer Mutter. Spätestens im kommenden Sommer wird die Tochter ausziehen, in eine Wohngruppe des Vechtaer Andreaswerks.

Selbstständig mit Handicap

Johanna zieht aus

Vechta. "Na, möchte die Kleine denn wohl eine Scheibe Kinderwurst?" Sie ist nicht sehr groß, aber trotzdem erwachsen. Soll Johanna Bocklage sich da an der Fleischtheke wie ein Baby behandeln lassen? Ihre Mutter zuckt mit den Schultern. "Es war ja lieb gemeint von der Verkäuferin. Und Menschen mit Down-Syndrom sehen eben auch meistens deutlich jünger aus."

Aber Wilma Bocklage kann das Kopfschütteln ihre Tochter im Supermarkt verstehen. Auch ihre bestimmte Antwort: "Ich bin nicht mehr klein! Ich bin erwachsen!" Eben eine 25-jährige Frau – mit Behinderung und mit viel Selbstbewusstsein.

Kontoauszüge und Bankkarte

Ganz selbstverständlich holt sie sich Kontoauszüge von der Bank oder tippt ihre Geheimzahl in den Automaten, um etwas Taschengeld abzuheben. Gut 220 Euro verdient sie in der Behindertenwerkstatt des Vechtaer Andreaswerks. Sie weiß genau: Um den achten eines Monats herum kommt das Geld. "Wir haben ihr erklärt, dass man nicht zuviel ausgeben darf", sagt ihre Mutter. Seither hält Johanna sich an den Rahmen, ist sogar stolz, wenn am Monatsende ein paar Euro übrig sind.

Jeden Morgen gegen halb acht macht sie sich mit dem Rad auf den Weg zur Arbeit. Den Wecker stellt sie selber. Das Andreaswerk ist als katholischer Träger für die Behindertenhilfe im Landkreis Vechta zuständig. Zurzeit arbeitet Johanna dort in der Industrie-Abteilung, montiert zum Beispiel Kleinteile oder sortiert Schrauben in Packungen. Gegen vier Uhr ist Feierabend. Im Sommer und im Winter gibt es ein paar Wochen Urlaub.

Wechsel in die Wohngruppe

Der Weg mit dem Rad in die Stadt, zu Bekannten, Freunden oder zur Apotheke – kein Problem. Auch um den Termin beim Friseur kümmert sie sich allein. Und bald steht ein weiterer großer Schritt an: Johanna wird ausziehen. Den Platz in einer neuen Wohngruppe des Andreaswerks hat sie schon sicher.  Mitte nächsten Jahres soll es soweit sein. Die Wohnung liegt mitten in der Innenstadt – Platz für ein halbes Dutzend Bewohner, Betreuung inklusive.

Wilma Bocklage nickt. Sie freut sich für ihre Tochter. Sie weiß: Lebenszeit ist begrenzt. "Ich bin 55, mein Mann 58. Wir können nicht ihr ganzes Leben lang die Verantwortung für Johanna tragen." Die Mutter kennt das aus dem Bekanntenkreis: "Wenn dann die noch lebende Mutter oder der Vater stirbt. Und die Kinder dann nicht nur diesen schweren Verlust verarbeiten, sondern auch noch von heute auf morgen in ein Heim ziehen müssen."

Trotzdem: Wenn ihr damals jemand vorhergesagt hätte, dass ihre Tochter mit 25 Jahren in ihre eigenen vier Wände ziehen würde – Wilma Bocklage hätte es sich kaum vorstellen können. Damals, kurz nach der Geburt. Als die Hebamme Johannas Handicap noch "mongoloid" nannte. "Zu der Zeit gab es gerade einmal die allerersten Wohnheim-Plätze in Vechta – für einen ganzen Landkreis. Es war üblich, dass ein behinderter Sohn oder eine Tochter zu Hause wohnen blieb, bis die Eltern verstorben waren." Kaum einer, der ihnen mehr Selbstständigkeit zutraute.

Hoffen auf weiteren "Sprung"

"Auch ich meinte immer, Johanna mehr beschützen zu müssen als ihre drei jüngeren Brüder", sagt die Mutter. Mehr das Auge drauf zu haben. Wo ist sie gerade? Was macht sie? Wann kommt sie nach Hause?" Und sie kennt dieses Gefühl: "Zu denken, dass wir als Eltern unsere Kinder doch am allerbesten kennen, am besten mit ihnen umgehen können. Dass das kein anderer so gut kann."

Trotzdem stand für Wilma Bocklage und ihren Mann seit gut drei Jahren fest: Spätestens mit 30 soll Johanna aus dem Haus sein. "Weil wir bei anderen gesehen habe, dass sie durch den Auszug noch einmal einen großen Sprung gemacht haben."

Mit ihrem Freund verlobt

Große und kleine Schritte, Sprünge, Entwicklungen, das sind Glücksmomente nicht nur für Eltern behinderter Kinder – aber besonders für sie. Wilma Bocklage weiß noch, wie Johanna mit zweieinhalb Jahren zu laufen anfing  oder später das Fahrradfahren lernte. "Das hat viel Mühe und Üben gekostet", erinnert sie sich. Lächelnd erzählt sie von der ersten Alleinfahrt. Nach einer Tanzstunde. "Ich bin heimlich hinterher. Fährt sie richtig? Fährt sie vorsichtig?" Heute verlässt sie sich voll und ganz auf ihre Tochter.

Die Sache mit Ronny freut ihre Mutter besonders. "Wir sind verlobt!", sagt Johanna. Ronny arbeitet auch in der Behindertenwerkstatt, wohnt in einer Wohnung in der Stadt, mit vier Stunden Betreuung pro Woche. Seit drei Jahren sind die beiden ein Paar. Nach der Arbeit ist Johanna oft bei ihm, auch mal übers Wochenende. Sie kochen und essen gemeinsam. Stolz trägt sie den Verlobungsring, den sie selbst ausgesucht und mit Bankkarte bezahlt hat.

Verantwortung übernehmen

"Natürlich gab es vorher auf Partys auch mal Händchenhalten oder Küsschen geben. Aber dieses ist etwas anderes", sagt Wilma Bocklage. Als Ronny mal krank war, hat Johanna sich um ihn gekümmert. Gleich nach der Arbeit wollte sie immer schnell zu ihm. "Ich muss ihn pflegen. Er muss sich schonen."

Wilma Bocklage sieht auch darin einen wichtigen Entwicklungsschritt. Sie freut sich, dass ihre Tochter zu einer Beziehung fähig ist, für die sie auch Verantwortung übernehme. "Dass sie in der Lage ist, so eine Beziehung zu leben." Ihre Tochter sei durch die Freundschaft auch noch selbstständiger geworden. "Und sie will noch weniger als Kind angesehen werden. Obwohl sie wie ihre Brüder immer unser Kind bleiben wird. Das haben wir ihr auch gesagt."

Wer weiß, vielleicht zieht Johanna sogar einmal mit Ronny zusammen? Sie selbst würde das gern, am liebsten sofort. "Aber es ist uns lieber, sie findet erst einmal in einer größeren Gemeinschaft ihren Platz", sagt Wilma Bocklage dazu.

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.andreaswerk.de

Text: Michael Rottmann | Foto: Michael Rottmann in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
03.11.2011

Aus der Region Borken

... Nachrichten und Berichte.

Aus der Region Coesfeld

... Nachrichten und Berichte.

Aus der Region Kleve

... Nachrichten und Berichte.

Aus der Region Münster

... Nachrichten und Berichte.

Aus der Region Oldenburg

... Nachrichten und Berichte.

Aus der Region Recklinghausen

... Nachrichten und Berichte.

Aus der Region Steinfurt

... Nachrichten und Berichte.

Aus der Region Warendorf

... Nachrichten und Berichte.

Aus der Region Wesel

... Nachrichten und Berichte.

Kommunionempfang

Erzbischof Robert Zollitsch setzt sich weiterhin dafür ein, dass Katholiken auch nach Scheidung und Wiederheirat die Kommunion empfangen können.

Bibelarbeit

Unterwegs nach Emmaus: Kleopas und sein Freund.

Verbände

Christliche Arbeiter-Jugend.

Service für Sie

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web

Spruch des Tages

Es ist schön, den Augen dessen zu begegnen, den man soeben beschenkt hat.
Jean de la Bruyére

Reden, Fragen, Antworten finden

im "Haus der Seelsorge" hat man ein offenes Ohr für Sie


Seelsorger im Mai:
Pfarrer Martin Weber.

Seelsorger/-innen

Haus der SeelsorgeHaus der Seelsorge

Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Lebenshilfe+Seelsorge: 
  Martin Weber
  weberkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand