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21.05.2012
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Regionalbischof Christoph Hegge

Regionalbischof Christoph Hegge in seiner Privatkapelle.

In christlicher Gemeinschaft einen "Mehrwert" erleben

Gespräch mit Regionalbischof Christoph Hegge

Region Borken/Steinfurt. Viele Pfarreien haben sich mit Strukturfragen zu beschäftigen. Doch neben der Bewältigung von Planungsaufgaben gilt es zuallererst, eine Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern. Daran mitwirken möchte Regionalbischof Christoph Hegge.

Kirche+Leben: Auf zwei Kreisdekanatsversammlungen in Borken und Emsdetten haben Sie und weitere Bistumsvertreter Anfang des Jahrs den Struktur- und Personalplan der Diözese für die nächsten Jahre vorgestellt. Wie bewerten Sie heute, in der zeitlichen Distanz, die Diskussionen am Jahresanfang?

Christoph Hegge: Diese Informationsveranstaltungen für die hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie für die Vertreter der Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte waren unbedingt notwendig. Sie waren der Beginn eines Dialogs über Fragen, wie der pastorale Raum gestaltet wird und in welche Zukunft die Pfarreien gehen. Es herrschte Klärungsbedarf. Die Bistumsleitung hat Zahlen, Daten und Fakten zusammengetragen und die Notwendigkeit erklärt, dass es besser ist, auf kirchliche Entwicklungen zu reagieren statt abzuwarten. Es wurde dargelegt, dass die gewonnenen Erkenntnisse auf der Ebene der Bistumsleitung auf einem weit reichenden Konsens zwischen dem Bischof, dem Bischöflichen Rat, dem zahlreiche Laien angehören, dem Diözesanrat als das höchste gewählte Laiengremium des Bistums, dem Priesterrat als die gewählte Vertretung der Priester und der Dechantenkonferenz beruhen.

Kirche+Leben: Das offene Gespräch über Gemeinde-Zusammenlegungen und Personalfragen ist bis dato einzigartig. Kann man von einem "Dialogprozess der Kirche vor Ort" sprechen?

Hegge: Tatsächlich haben wir erstmals in größeren Veranstaltungen sehr transparent unsere Personalsituation vorgestellt und besprochen. Insofern war es der Beginn eines Dialogprozesses in und mit den Pfarreien, der sich fortsetzt. Die Bistumsleitung hat sich ausdrücklich Rückmeldungen auf ihre Vorschläge gewünscht. Zwischenzeitlich sind viele weitere Gespräche mit den Pfarreien geführt worden, um möglichst einvernehmliche Lösungen zu erzielen. Und nicht in allen Fällen ist es auf eine baldige Fusion von Pfarreien hinausgelaufen. Im Dialogprozess kommt es darauf an, sich Zeit zu nehmen und den Blick auf das gesamte Bistum zu richten, um die Notwendigkeiten größerer Pfarrstrukturen nachvollziehen zu können. Ich rate deshalb auch nicht zu übertriebener Eile. Das kann aber nicht bedeuten, Entscheidungen unnötig auf die lange Bank zu schieben, sondern Kooperationen zwischen den Pfarreien entschieden anzugehen mit dem Ziel der Zusammenführung der Pfarreien in spätestens vier Jahren.

Kirche+Leben: Einige Gemeindevertreter äußern offen Kritik an den Vorschlägen der Bistumsleitung. Sie wünschen sich die überschaubare Gemeinde und wenden sich gegen "Groß-Pfarreien". Wie gehen Sie mit diesen Kritikern um?

Hegge: Zunächst teile ich die Überzeugung mancher Kritiker, dass durch die Strukturreform weder das Vertrauen der Menschen wieder gewonnen wird noch die tatsächlichen Probleme unserer Zeit und unserer Kirche ernsthaft angepackt werden. Strukturen können das geistliche und pastorale Leben der Pfarrei stützen, es aber weder hervorbringen noch ersetzen. Hinsichtlich der Strukturreform ist daher etwas anderes entscheidend: Anhand der statistischen Daten über die vermutlich zur Verfügung stehenden Priester in den nächsten 20 Jahren ist es zunächst einmal die Aufgabe des Bischofs und der Bistumsleitung, sicherzustellen, dass die leitenden Pfarrer in Zukunft nicht durch Verwaltungsarbeit überlastet werden. Die reine Verwaltungsarbeit wird dem Fachpersonal, zum Beispiel in den Zentralrendanturen, übertragen werden. Außerdem können durch eine Strukturreform sinnvolle Synergien im Bereich der Seelsorge geschaffen werden. Da es in Zukunft weniger leitende Pfarrer geben wird, werden in den kommenden zehn bis 15 Jahren mehr Priester als bisher ausschließlich für die Seelsorge in den größeren Pfarreien zur Verfügung stehen. Im Team mehrerer Priester, Diakone, Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten wird in den größeren Pfarreien eine differenziertere Seelsorge in den Gemeinden, Gruppen und Verbänden einer Pfarrei möglich sein. Teamfähigkeit als geistliche und pastorale Herausforderung beugt zudem dem Einzelgängertum vor. Darin wird verstärkt ein Schwerpunkt der Aus- und Fortbildung der Seelsorger und Seelsorgerinnen liegen.

Kirche+Leben: Wird nicht so das Problem des Priestermangels kaschiert?

Hegge: Wir kaschieren nichts, sondern sehen nüchtern die Entwicklung. In meiner Jugend bin ich noch in einem recht katholischen Milieu aufgewachsen. Während meiner Studienzeit gab es sechs junge Erwachsene aus meiner Heimatpfarrei St. Elisabeth in Rheine, die einen geistlichen Beruf als Priester oder Ordenschrist anstrebten. Das Gemeindeleben und die Jugendarbeit förderten die innere Auseinandersetzung mit dem Glauben und das Hineinwachsen in eine alltägliche Glaubens-, Gebets- und Lebenspraxis. Ich stelle heute fest, dass dieses selbstverständliche Umfeld des Glaubenslebens in vielen Pfarreien nicht mehr ausreichend gegeben ist. Sowohl die zölibatäre Lebensform der Priester und Ordenschristen wie auch die christliche Lebensform von Ehe und Familie wurden hoch geachtet. Beides ist heute im Schwinden begriffen.

Kirche+Leben: Was können denn die Gemeinden gegen diese Entwicklung tun?

Hegge: Ich denke, dass es vor allem einer neuen Vertiefung und Verlebendigung des Glaubenslebens in unseren Pfarreien, Gemeinden und Gemeinschaften bedarf, einer Erneuerung, die auf einer inneren Bekehrung beruht, weil sich Menschen wieder von der Botschaft Jesu Christi, von seiner lebendigen Gegenwart, in ihren Herzen berühren lassen und eine tiefe Freude am Glauben und am gemeinsamen Glaubensleben entdecken. Alle Christen müssen sich immer wieder fragen: Lebe ich als katholischer Christ nur noch aus einer Gewohnheit heraus oder brennt in mir eine Liebe zu Jesus Christus, weil ich entdeckt habe, dass er für uns sein Leben hingegeben hat, uns seinen Geist gesandt hat und er uns in seiner Barmherzigkeit und Liebe ständig sucht? Was der heilige Paulus seinerzeit schrieb, hat auch heute nichts an Aktualität verloren: "Lasst nicht nach in eurem Eifer, lasst euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn! Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!" (Röm 12, 11-12). Bekehrung bedeutet Umkehr und Aufbruch zum lebendigen Christus hin, dem wir in der Heiligen Schrift, im gemeinsamen Gebet, in der Feier der Sakramente und in der gelebten gegenseitigen Liebe begegnen können. Sein Heiliger Geist möchte uns zu einem neuen Denken, Handeln und einander Begegnen bewegen. In diesem Sinn stimmen mich viele Aufbrüche in geistlichen und karitativen Gruppen und Bewegungen in der Kirche insgesamt und in den Pfarreien optimistisch.

Kirche+Leben: Wie kann ein solcher Optimismus entspringen, wenn doch durch Strukturreformen oft pessimistische Einstellungen vorherrschen?

Hegge: So sehr strukturelle Veränderungen Priester heute von der Verwaltungsarbeit entlasten können, dürfen wir doch nicht meinen, wir könnten die inhaltlichen Probleme der Glaubensvermittlung angesichts der schrumpfenden Zahl aktiver Katholiken und eines größer werdenden Priestermangels einfachhin durch unsere pastorale Planung beheben können. Vielmehr müssen wir alle uns immer wieder fragen, wie Jesus Christus seine Kirche heute in die Zukunft führen möchte. Nicht zuletzt deshalb sind Priesterberufungen zu Recht unserem pastoralen Planungsvermögen entzogen, sagt doch Jesus Christus selbst: "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Mt 9, 37-38). Jede Form von Seelsorge und pastoralen Überlegungen beginnt mit und gründet daher im Gebet, also im persönlichen und gemeinsamen Hören auf das, was Gott uns über unser christliches Leben und die lebendige Kirche heute zu erkennen gibt. Und dieses Gebet ist zugleich leidenschaftliche Bitte an Gott, der weiß, was wir zum Leben brauchen.

Kirche+Leben: Welchen pastoralen Weg sollten die Gemeinden dabei einschlagen?

Hegge: Ein Weg der Erneuerung unseres Gemeindelebens zeigt sich in der paulinischen Theologie einer an Charismen orientierten Gemeindewirklichkeit, in der jeder Christ sein Charisma entdeckt und als Berufung missionarisch lebt und so zum Gemeindeaufbau beiträgt. Diese dynamische, weil vom Geist Gottes geleitete Sicht von der Gemeinde Jesu Christi würde seine Gegenwart im Wort und in den Sakramenten wieder in den Mittelpunkt rücken und das Band der gegenseitigen Liebe, das alles zusammenhält, hervorheben und auf neue Weise erfahrbar machen, wie der Selige Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben "Novo Millennio ineunte" (Nr. 43) unterstreicht: "Vor der Planung konkreter Initiativen gilt es, eine Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern. … Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muss." Dem Dienst an dieser Wirklichkeit der Kirche weiß sich das Hirtenamt der Bischöfe und Priester besonders verpflichtet.

Außerdem besteht die Notwendigkeit, unsere Sprachlosigkeit im Glauben zu überwinden und mit Wort und Tat Zeugnis zu geben von unserer persönlichen Begeisterung für Jesus Christus. Das beginnt dort, wo wir fähig werden, unsere innere Angst und Schüchternheit zu überwinden, um voreinander unsere eigene Glaubensgeschichte zu erzählen und die kleinen und großen Glaubensereignisse unseres Lebens miteinander zu teilen.

Ein weiterer Aspekt ist damit eng verbunden: Wir müssen zu missionarischen Christen werden. Das heißt, es braucht den Mut, die gewohnten Grenzen unseres gemeinschaftlichen Lebens in Verbänden, Gruppen und Familien zu überschreiten, um auf andere Menschen, die nur noch wenig oder keinen Kontakt mehr zu Kirche haben, zuzugehen, um ihnen Zeugnis zu geben von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Wenn diese Menschen in der christlichen Gemeinschaft oder durch das persönliche Zeugnis einen "Mehrwert" erleben können, werden wir sie für ein Leben als Christen in der katholischen Kirche gewinnen können.

Kirche+Leben: Sie haben die Gemeinden eingeladen, gemeinsam im Herbst 2012 eine Wallfahrt nach Rom zu unternehmen. Was erhoffen Sie sich von der regionalen Pilgerfahrt?

Hegge: Wir machen uns auf zu den Gräbern der Apostel, den großen Zeugen des Glaubens, um von ihnen zu lernen, was es heißt, lebendige Jünger und Zeugen Jesu Christi zu sein. Nach Möglichkeit werden wir auch unserem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI. begegnen und seinen Segen empfangen. Eine möglichst große Vielfalt der Programme und gemeinsame Veranstaltungen eröffnen die Chance, Rom aus der je eigenen Perspektive kennen zu lernen und im Austausch und Miteinander die Vielfalt und Buntheit unserer Kirche und unserer Gemeinden als Zeugnis des einen Geistes Gottes zu erleben. Gemeinsam mit vielen möchte ich mich auf den Weg machen, auf dass wir wahrhaft missionarische und vom Geist Gottes entzündete Christen sind.

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