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10.12.2018
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Pater Siutbert.

Bild einer frühzeitigen Kooperation: Pater Siutbert mit einer Radierung der fünf Pfarrkirchen in Offenburg.

Erst die gute Erfahrung

Pater Suitbert ist ein Pionier der Pfarreienfusion

Werne. Es war eine ganz andere Ausgangssituation. 1970 hatten die Pfarrgemeinden im mittelbadischen Offenburg ausreichend aktive Gläubige und genug Geistliche. Es bestand überhaupt kein Zwang für die Erzdiözese Freiburg, an Kooperationen oder gar Fusionen zu denken. Trotzdem überlegten die drei Kapuziner, die dort damals in der Seelsorge von St. Fidelis eingesetzt waren, wie sie über ihre Pfarrgrenzen hinweg aktiv werden konnten. "Uns ging es um neue Wege", sagt Pater Suitbert Telgmann im Rückblick. "Wir wollten einfach mal was ausprobieren."

Am Anfang habe also eine Idee gestanden, kein Druck. Und das sei sicher entscheidend für eine Grundatmosphäre gewesen, die er in heutigen Diskussionen rund um die Umstrukturierungen häufig vermisse. "Wir wollten doch selbst etwas – wir wollten uns neue Ideen und Talente von außen hereinholen", sagt der 73-Jährige. "Es war eine inhaltliche Aufbruchstimmung, keine strukturelle Vorgabe."

Eine harte Nuss

Natürlich stießen die drei Kapuziner mit ihrer Idee nicht sofort und überall auf Gegenliebe. Gerade in den vier Dorfpfarreien der Vororte, mit denen man zusammenarbeiten wollte, gab es große Zurückhaltung. "Die haben sich auch erst gesperrt", erinnert sich der Pater, der heute im Kapuzinerkloster in Werne lebt. Deshalb verständigten sich die Kapuziner mit dem Erzbistum, dass sie in den anderen Pfarreien erst tätig werden würden, wenn die dortigen Pfarrer in den Ruhestand gingen. Es blieb eine harte Nuss. "Die erste Gemeinde hat sich wahnsinnig gewehrt und zum Erzbischof geschrieben, dass sie jeden alten Pfarrer nehmen würden, wenn er nur allein für sie im Einsatz bliebe." Die zweite Gemeinde habe sich dann aber nur noch pro Forma an die Leitung des Erzbistums gewandt. "Bei der dritten und vierten Gemeinde hatte sich das schon gedreht: Sie wollten in der Kooperation unbedingt mitmachen." Das war bereits knapp drei Jahre später.

Was war passiert? "Sie hatten gemerkt, dass sich etwas positiv entwickelte." Pater Suitbert und seine Mitstreiter waren bei der wachsenden Zusammenarbeit immer von den Punkten ausgegangen, wo in den einzelnen Pfarreien etwas gut funktionierte. "Hier war jemand, der besonders gut Jugendarbeit machte, dort gab es eine andere, die in der Frauenarbeit stark war." Also gab man diesen Talenten die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten über die Pfarrgrenzen hinaus einzubringen. Das habe für alle Bereiche gegolten, erklärt er, auch für die Verwaltung. Dort übernahm Pater Suitbert bald die Arbeit für zwölf Kindergärten in Offenburg. Und erlebte wunderbare Begleiteffekte: "Ich hatte gegenüber der Stadt plötzlich eine ganz andere Position, konnte mit einer Stimme reden, auch Druck ausüben."

Empfindsamkeiten

Es blieb ein mühevoller und steiniger Weg. "Weil wir auf viele Empfindsamkeiten vor Ort acht geben wollten." Es sei zum Beispiel wichtig gewesen, den Menschen das Gefühl zu geben, dass die Seelsorge nicht wegging, sondern immer ein Ansprechpartner im Dorf blieb. "Wir haben lange diskutiert, ob es möglich sei, reduzierte Stellen dafür in den Pfarrgemeinden zu installieren." Da Gemeindeleitung durch Laien aber kirchenrechtlich nicht möglich war, wurden ehrenamtliche Kontaktpersonen eingesetzt. "Der PGR-Vorsitzende, die Nachbarin von der Kirche, die dort immer die Blumen pflegte, oder auch der Dorflehrer." Entscheidend sei das Talent gewesen, für die Menschen als Ansprechpartner dienen zu können. "Sag das mal den Patres", sei dann häufig ihr Auftrag gewesen. "Sie waren echte Kontakt-Verstärker."

Dieser Grundgedanke zog sich wie ein roter Faden durch das Zusammenwachsen der Pfarreien. "Alles, was an Seelsorge vor Ort möglich ist, muss dort bleiben – alles andere geht zentral zusammen." Das habe für die Kapuziner aber auch bedeutet, sich von manchmal lieb gewonnenen Aufgaben zu trennen. Etwa bei den Fronleichnams-Prozessionen: "Wir starteten gemeinsam und schickten die einzelnen Pfarrgruppen dann mit dem Allerheiligsten in ihre eigenen Kirchen." Die Andacht dort wurde dann durch einen Laien gehalten.

Diese Offenheit, möglichst viel den Laien zu überlassen, habe sich immer mehr gelohnt, betont Pater Suitbert. "Sie waren dankbar und konnten sich immer mehr in den neuen Grenzen einfinden." Mit Freude erinnert er sich etwa an eine feste Einrichtung in dieser Zeit: "Das Kaffee-Trinken bei mir im Büro." Jeden Nachmittag um Drei lief bei mir die Kaffee-Maschine, den Kuchen brachten die Besucher mit." Man kam aus allen Pfarreien, um sich auszutauschen, Entscheidungen zu fällen, Dinge zu überdenken. Der Andrang war groß, manchmal gab es zwei Mal Kaffee und Kuchen: "Dann musste die erste Gruppe raus, damit die zweite Platz hatte."

Dabei seien auch ganz erstaunliche Impulse von den Besuchern ausgegangen. Schließlich fragten sie ihn sogar, ob sie nicht einen einzigen Pfarrgemeinderat gründen sollten. "Sie hatten bemerkt, wie stressig die Terminsituation von uns Kapuzinern manchmal war." Das galt besonders für die Festtage, an denen er förmlich von Messe zu Messe "gerast" sei. "In der einen Sakristei habe ich mir das Messgewand ausgezogen, habe mich in Albe ins Auto gesetzt, um ein paar Minuten später in der Sakristei des Nachbarorts das nächste Messgewand anzulegen." Kein Wunder, mittlerweile war ihre Zuständigkeit für anfangs 2.000 Gemeindemitglieder in St. Fidelis auf 6.000 in den nun fünf Pfarreien gewachsen. Aber auch bei den Gottesdiensten schafften es die Kapuziner nach und nach, immer mehr Unterstützung durch die Laien zu bekommen.

"Zu einigen Terminen wurden später von Laien geleitete Wortgottesdienste angeboten", erinnert sich Pater Suitbert. "Wichtig war uns dabei immer, dass dort gebetet werden konnte, wo die Menschen beten wollten."

Nach 13 Jahren ging Pater Suitbert, das von ihm mitgestaltet Pfarreienkonstrukt aber existiert noch heute. Mittlerweile ist man fusioniert, zwei weitere Pfarreien sind dazugekommen. "Alles ohne große Probleme." Warum dort etwas gelungen sei, was heute vielen Pfarrgemeinden große Probleme bereite? "Weil wir zwei wichtige Grundvoraussetzungen hatten: Zeit und Freiheit!"

Keiner habe damals Termine vorgegeben, keiner ein Zielmarge, die man habe erreichen müssen. Im Gegenteil: "Bis auf die Finanzen, die weiter vor Ort geregelt werden mussten, gab es strukturell keine Grenzen." In den mehr als zehn Jahren habe es genug Möglichkeiten gegeben, sich nach Talenten umzuschauen – die Menschen hätten immer die Chance gehabt, die Entwicklung zu verarbeiten. "Bei uns stand erst die gute Erfahrung und dann der Entschluss, es so auch künftig zu machen." Das sei der gravierende Unterschied zu heute, wo es häufig umgekehrt geschehen müsse.

Entscheidend aber bleibe die "Freiheit im Kopf der Gemeindeleitung", wie Pater Suitbert es nennt. "Der Pfarrer muss von Beginn an wissen, dass er sich von Verantwortungen trennen muss." Denn er wisse aus eigener Erfahrung, dass nicht das schwer falle, was dazu komme, sondern das, was man abgeben müsse. "Aber Seelsorge hat immer etwas mit Leidenschaft zu tun", sagt er. Und das müsse gerade an dieser Stelle sichtbar werden: "Genau schauen, was nur ich für die Menschen tun und was ich besser kann als andere – den Rest an andere Talente abgeben."

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