
Weihbischof Dieter Geerlings (l.) hörte den Vertretern auf den Kreisdekanatsversammlungen – hier in Dülmen – aufmerksam zu.
Strukturdebatte
Das Ende der "Volkskirche"
Kreisdekante Coesfeld und Recklinghausen. Auf den Kreisdekanatsversammlungen in den Regionen Coesfeld und Recklinghausen informierte sich Weihbischof Dieter Geerlings über den Stand der Diskussionen.
Auf wenig Gegenliebe stoßen bei zahlreichen Pfarreien in der Region die geplanten Strukturveränderungen des Bistums Münster. Von Wut, Entsetzen und Unverständnis bei Gemeindemitgliedern berichteten die Vertreter auf den Versammlungen der Kreisdekante Coesfeld und Recklinghausen ebenso wie von Diskussionen in Pfarrversammlungen und erste Treffen von Vertretern der Betroffenen. Viele Pfarreien hätten ihre Stellungnahmen zu den Plänen des Bistums auf den Weg nach Münster gebracht. "Es wird den Gemeinden viel zugemutet", brachte es ein Vertreter auf den Punkt. Zudem kritisierten die Laien den Dialog zwischen der Bistumsleitung und den Pfarreien. Es würden einfach Regelungen vorgenommen, aber es werde nicht der Dialog gepflegt. Dabei sei es wichtig, im Gespräch zu sein über das, was anliege, bemängelte eine Vertreterin.
Weihbischof Dieter Geerlings hörte den Vertretern zu. "Wichtig ist es, dass wir Ihre Rückmeldungen bekommen, um ein Gesamtbild zu erhalten", sagte er. In diesem Zusammenhang verdeutlichte der Regionalbischof nochmals, dass es sich bei den vergangenen Veranstaltungen in den Kreisdekanaten um Anhörungen gehandelt habe. "Es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür herzustellen, warum wir in dieser Situation sind. Es gibt gewaltige Umbrüche in der religiösen Landschaft", betonte Geerlings.
Fertige Rezepte, wie diesen zu begegnen sei, gäbe es nicht. "Wir müssen gemeinsam nach zukunftsfähigen Wegen suchen. Sie können in den einzelnen Pfarreien unterschiedlich sein", sagte er. Viele Menschen seien darüber traurig, was momentan geschehe. "Ich bin ebenso traurig. Denn wir müssen uns von bestimmten Dingen verabschieden, in denen wir aufgewachsen sind und uns beheimatet fühlten. Wir erleben das Ende der milieugestützten Volkskirche, auch wenn ich diesen Ausdruck nicht gern nutze. Diese Gestalt der Kirche ist erschöpft."
Immer mehr Menschen wendeten der Kirche den Rücken zu. Die kleinräumigen Pfarreien, das sei statistisch belegbar, schrumpften immer mehr zu alternden Kerngemeinden, und die Kirchen seien auch zu sonntäglichen Eucharistiefeiern nur spärlich gefüllt. Junge Christen und junge Familien fehlten vielerorts. "Das ist die uns umgebende Wirklichkeit. Die Frage der Umstrukturierung ist die eine Frage, die Frage nach einem anderen Zugang zu den Weiheämtern in der Kirche ist eine andere Frage. Das kann man nicht miteinander vermischen", nahm Geerlings Stellung zu den Forderungen der Theologieprofessoren in ihrem Memorandum.
Wichtig sei die Frage, wie junge Christen eine Christusbeziehung erhielten. "Wir schaffen es in der Katechese und Weitergabe des Glaubens nicht, junge Menschen trotz engagierter Firmkonzepte an die Kirche zu binden."
Nähe gestalten
Geerlings ging vor den Vertretern der Pfarreien auf Aspekte ein, wie in größeren pastoralen Räumen Begegnung stattfinden könne. Fertige Konzepte gebe es dafür nicht, auch sei es nicht möglich, die Arbeit der kleineren Pfarrei auf die neue größere Einheit zu übertragen. "Wenn eine Pfarrei 15 000 Mitglieder hat, muss ich mir überlegen, wie ich Nähe gestalten kann. Einige sagen, eine Großpfarrei ist eine Chance, andere sagen, es sei eine Nötigung. Ich sage manchmal, natürlich ist es auch eine Notlösung. Wir müssen zu einer neuen Gemeindegestaltung kommen, die sich als Netzwerk einer Gemeinschaft von Gemeinschaften darstellt. Da müssen wir uns auch Gedanken machen, wie in diesen Gemeinden Leitung gestaltet wird. Da können wir uns etwas abgucken bei den jungen Kirchen in Afrika oder Asien."
Die Ausweitung der pastoralen Räume sei der Versuch, andere Ressourcen deutlich zu machen und auf andere Milieus zuzugehen. Aber die Kirche würde ihre eigene Basis vernachlässigen, wenn der Gemeinschaftsbezug des Glaubens vor Ort nicht gelebt werden könnte. Das sei der Nahraum. "Zwar leben viele Menschen heute in größeren Daseinsräumen, aber der Nahbereich ist für sie der stabile Lebensraum. Die Menschen sind heute mobiler, doch nicht alle haben den Vorzug, mobil zu sein. Arme Menschen sind nicht mobil. Es wäre ganz fatal, wenn Pfarrei im Großformat bedeuten würde, dass diejenigen, die schon Verlierer sind, jetzt auch im spirituellen Sinn und in ihren religiösen Vollzügen nochmal die Verlierer sind. Der Nahbereich ist für die Menschen eine Orientierung. Da muss Seelsorge sein."
In den größer werdenden Räumen müsse dafür Sorge getragen werden, dass sich die Menschen als Christen im Nahbereich begegnen können und dort Christsein gelebt werde. "Das ist die Grundlage, damit die Kirche lebensfähig bleibt und ihren Sendungsauftrag erfüllt. Nur kann es nicht mehr so sein, dass man das alles allein dem Pfarrer oder den Hauptamtlichen auflastet."
Lokale Einheit
Die Unterscheidung zwischen Pfarrei und Gemeinde helfe bei der Gestaltung von Nähe weiter. Die Pfarrei sei eine lokale Einheit mit einem leitenden Pfarrer. Die Gemeinde – mit und ohne Kirchturm – sei der eigentliche kirchliche Lebensraum. "Die Gemeinden können in gewisser Weise ein eigenständiges Leben führen, das mit ihrer Tradition zusammenhängt. Es kann sein, dass in einer Pfarrei mit vier Gemeinden sich in jeder der Gemeinde das Leben ein bisschen anders gestaltet. Das ist der eigentliche Ort von christlichem Zusammenleben", erklärte Geerlings.
Die Erfahrung Gottes sei immer an soziale Gegebenheiten gebunden, also immer dort, wo Menschen sich zusammenfänden. "Der Sendungsauftrag der Kirche ist doch im Grunde der, dass ein Mensch eine Gemeinschaft findet, in der er merkt, dass er von Gott und der Welt nicht verlassen ist. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen in einer sich wandelnden Gesellschaft. Und das ist relativ unabhängig von 6.000, 10.000, 15.000 oder noch mehr Mitgliedern in einer Pfarrei", ist sich Geerlings sicher.
Ein fertiges Pastoralkonzept liege beim Bistum nicht vor. "Wir können höchstens Leitlinien geben, an denen gearbeitet wird. Jede Gemeinde ist unterschiedlich. Deshalb werbe ich dafür, schnell mit den Strukturfragen zu Ende zu kommen, damit Zeit und Ressourcen bleiben, um über pastorale Konzepte zu sprechen."
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Text: Michaela Kiepe | Foto: Michaela Kiepe in
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