
Pfarrer Meinolf Winzeler vor der St.-Antonius-Basilika in Rheine.
Kirche im Umbruch
Wie Pfarrer Winzeler sich dem Wandel stellt...
Rheine. "Viele Kirchenmitglieder ahnen noch nicht annähernd, welche gewaltigen Umbrüche in der religiösen Landschaft geschehen." Doch was kommt? Pfarrer Meinolf Winzeler (58) versucht, sich und seine Pfarrei auf Veränderungen einzustellen.
Das waren noch Zeiten: Vor rund 100 Jahren entstand in einem Arbeiterviertel in Rheine rechts der Ems eine Kirche, die ihresgleichen sucht im Münsterland: weithin sichtbar mit ihren vielen Türmen und einem gut 100 Meter hohen Hauptturm. Und obwohl nur Pfarrkirche, nennt man sie St.-Antonius-Basilika.
Gute alte Zeit
10.300 Katholiken bei 12.800 Einwohnern zählte damals die gesamte Stadt Rheine. Bauherr seinerzeit war Dechant Bernhard Pietz. Von ihm soll der Ausspruch stammen: "Hoch die Schornsteine, höher die Kirchtürme!" Und so ließ der damalige Rheiner Pfarrer nicht locker, um rechts der Ems, wo seit Mitte des 19. Jahrhunderts Textilfabriken und Arbeitersiedlungen entstanden waren, eine gewaltige neuromanische Kirche zu errichten – eine Trutzburg des Glaubens.
Einen Blick in diese "gute alte Zeit" kann man im liebevoll eingerichteten Basilika-Archiv in der Krypta wagen. Voll mit Frömmigkeits-Zeugnissen aus Kaisers Zeiten und den Nachwirkungen des bismarckschen Kampfs gegen die katholische Kirche: selbstbewusst katholisch, für manchen kitschig, für einige vielleicht frömmelnd – aber wer darf darüber urteilen?
Andere Zeiten...
Heute sind die Zeiten anders. Pfarrer Meinolf Winzeler kann davon ein Lied singen. Seine Pfarrkirche war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die einzige im Stadtgebiet rechts der Ems. In Kürze könnte sie es erneut sein, wenn alle abgepfarrten Gemeinden wieder mit der "Mutter" Antonius zusammengeführt werden: Rund 21.100 Katholiken soll die neue Pfarrei dann zählen.
Selbstverständlich katholisch – das war einmal, weiß Winzeler. Wenn sich heute Familien aus seinem Beritt melden, um ihr Kind zur Erstkommunion zu führen, dann gibt es darunter eine ganze Reihe, die nicht getauft sind. Einige sind dabei, die ein schönes Fest für ihr Kind wollen – so wie es eben bei den gut-katholischen Nachbarn ist. Was tun? Erstkommunion im Vorbeigehen oder rigoros eine stramme Katechese anbieten?
Zurecht finden
Pfarrer Winzeler hat einige Zeit dafür gebraucht, sich in dem gravierenden Wandel des kirchlichen Lebens zurecht zu finden. Zwar hatte er eine Ahnung, wieso und warum sich gemeindliches Leben verändert. Doch was er intuitiv spürte, kann er erst seit einiger Zeit auch einordnen. Geholfen hat ihm und seinen Weihekurskollegen eine Priesterfortbildung mit der Erfurter Pastoraltheologin Maria Widl.
"Viele Kirchenmitglieder ahnen noch nicht annähernd, welche gewaltigen Umbrüche in der religiösen Landschaft geschehen", meint Winzeler. Dass die Volkskirche auch auf dem Land zu Ende kommt, wird zwar zusehends akzeptiert, aber auch eine bestimmte Ausprägung der Konzilsära kommt nach Meinung des 58-Jährigen an ihr Ende. "Das starke Volk-Gottes- und Gemeinde-Bewusstsein prägte eine ganze Generation, zu der ich mich auch zähle. Es konnte aber nicht auf die nächste Generation überspringen." In der Gesellschaft erkennt er einen "praktischen Atheismus". Und obwohl "postmoderne Menschen von einer neuen religiösen Sehnsucht erfüllt sind", stellt die Kirche für sie keinen relevanten "Anbieter" dar.
Regelmäßige Umbrüche
Durch die Fortbildung mit Professorin Widl hat er erfahren, dass derartige Umbrüche immer wieder vorkommen – nach wissenschaftlichen Erkenntnissen alle 60 Jahre. Winzeler: "Verbunden ist dies mit Trauer über das, was vergeht." Selbstblockade und ein Hang zur Selbstzerstörung könnten diese Prozesse begleiten. "Es sollte die Offenheit und Bereitschaft hinzukommen, das Neue zu entdecken, das sich entwickeln will." Der Geistliche ist sich sicher: "Wenn wir auf die Sendung Jesu und seine Menschenfreundlichkeit schauen, dann relativieren sich viele Fragen, die sich bedrohlich vor uns aufbauen."
Doch Winzeler gibt auch zu, was vermutlich viele andere Seelsorger ähnlich spüren: "Die Situation hat mich lange total verunsichert." Aber er hat Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen gezogen: "Ich will nicht mehr planlos agitieren und mich zugleich von jeder Kritik, jedem Rezept, jeder Erwartung verrückt machen lassen." Klar für ihn ist auch: Er will nicht mehr tun, was er nicht mehr für sinnvoll hält und was seit Jahren nicht mehr funktioniert.
Kirche als "verlässlicher Ansprechpartner"
Konkret sieht es bei der Erstkommunion etwa so aus, dass Familien, die nicht ein erwartetes Minimum an Beteiligung bei Treffen und Sonntagsmessen zeigen, ihr Kind nicht zur Erstkommunion führen können.
Und wie soll es weitergehen? Die Kirche muss nach Meinung von Meinolf Winzeler verlässlicher Ansprechpartner bleiben "für die Menschen in ihrer Alltagswelt" – und sie muss erreichbar sein in den größer werdenden Pfarreien: ob bei Taufe oder Trauerfall, bei karitativen Aufgaben und in Fragen der Lebenshilfe. Winzeler wünscht sich zudem "spirituelle Knotenpunkte", an denen sich Menschen "geistlich-fromm" beheimaten. Familien- und Hauskreise sind dies; zielgruppen- und altersspezifische Gruppen nennt der Geistliche in diesem Zusammenhang.
"Gemeindekirche" hat ausgedient
In seiner Pfarrei hat er etwa erlebt, wie sich aus Eigeninitiative ein Kreis von 20 Witwen gebildet hat, um mit ihrer Trauer und der neuen Situation des Alleinseins fertig zu werden. Gelegentlich besucht er die Gruppe, "aber die Frauen organisieren das Leben der Gruppe allein" – dafür braucht es keinen Hauptamtlichen. Für ihn ist dies ein Beispiel, wie Gläubige auch in größeren pastoralen Räumen ihre Beheimatung in der Kirche behalten oder finden können. Die "Gemeindekirche" hat für Winzeler ausgedient. "Wir müssen doch ehrlich eingestehen, dass wir mit diesem Modell seit langem nicht mehr alle erreichen, zumal sie fixiert war auf eine gebildete Schicht und verheiratet war mit den bürgerlichen Strukturen."
Wichtig sei es, sich darüber im Klaren zu sein, dass Menschen auch nur punktuell Kontakt mit der Kirche wünschten. Gleichzeitig hebt er hervor, wie wichtig eine gut gefeierte Liturgie sei. Dies seien Anknüpfungspunkte, sei Glaubens- und Lebenshilfe zugleich. "Gottvoll und lebensnah" wünscht sich der Priester daher die Gottesdienste.
"Innerlich wach bleiben"
Eine solche feste Verankerung hält Winzeler für wichtig. Daher sind für ihn jährliche Exerzitien, geistliche Begleitung und Fortbildung ein Muss. Das helfe ihm "innerlich wach zu bleiben", betont der Pfarrer.
Im Pastoralteam versucht er mit den anderen Hauptamtlichen diese Wachheit für die Entwicklungen in der Pfarrei zu behalten. Seine Aufgabe sieht er darin, dass sich jeder mit seinen Stärken einbringen kann. So kann der eine besonders gut organisieren, der andere spricht auf unkonventionelle Weise Menschen an, die nicht zur traditionellen Kerngemeinde gehören, wieder ein anderer läuft in der Katechese zur Höchstform auf. Als Leiter des Teams geht es ihm um ein "Ermöglichen" und einen "wertschätzenden Umgang miteinander".
Freiräume schaffen
Winzeler ist weit davon entfernt zu sagen, es laufe perfekt. Dennoch weiß er, dass auch er sich in einer Weise einbringen kann, die ihm zusagt. In der geistlichen Begleitung von Menschen etwa oder als Referent für Besinnungs- und Einkehrtage in der Pfarrei. Und eben in der Liturgie, die ihm besonders am Herzen liegt.
Das schafft Freiräume, die man für Dinge nutzen kann, die ansonsten vielleicht zu kurz kommen. So wird etwa in Winzelers Pfarrei in der Erstkommunionvorbereitung mehr Energie darauf verwendet, mit den Familien, "die mehr wollen", besondere Angebote zur Vertiefung und Intensivierung zu verwirklichen. – Vielleicht entwickelt sich so Neues, das seinesgleichen sucht ...
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Text: Norbert Göckener | Foto: Norbert Göckener
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