
Vorsichtiges Herantasten: Zahlreiche Kinder aus der verstärkt säkularisierten Stadt Recklinghausen bekommen bei der Vorbereitung auf ihre Kommunion erstmals Kontakt zur Kirche.
Erstkommunion-Vorbereitung in St. Peter Recklinghausen
Wenn die Katechese zur Fernstehenden-Pastoral wird
Recklinghausen. 65 Drittklässler empfangen in diesem Jahr in der fusionierten Pfarrei St. Peter in Recklinghausen zum ersten Mal die Heilige Kommunion. Sie alle haben im Vorfeld Besuch von den Verantwortlichen der Katechese erhalten.
Ein Hausbesuch steht am Anfang der Erstkommunion-Katechese in St. Peter in Recklinghausen. "Wir haben erfahren, dass Eltern die Einladung zum Informations-Abend eher als Vorladung statt als Einladung verstehen", sagt Jürgen Quante, seit zwei Jahren Pfarrer der Gemeinde. Deshalb machen sich der Seelsorger und Pastoralreferentin Cäcilia Leenders-van Eickels, federführend für die Erstkommunion-Katechese, auf den Weg, um die Familien zu Hause zu besuchen.
"Bei diesen Besuchen haben wir die Chance, die Menschen sowie das Milieu, in dem sie leben, kennen zu lernen. Die Voraussetzungen – sozial, religiös und familiär – sind sehr unterschiedlich", berichtet Leenders-van Eickels. Über die Grundschulen erhalten die Verantwortlichen im Vorfeld die Adressen der katholischen Kinder der dritten Jahrgänge. Sie werden angeschrieben mit der Bitte um eine Terminabsprache. Die Resonanz ist sehr gut. "Bislang gab es keine Ablehnung", sagt Quante.
Am Anfang des häuslichen Gesprächs stehen organisatorische Angelegenheiten. "Natürlich fragen wir auch nach der Motivation. Allerdings fehlt vielen Eltern die Sprache für religiöse Themen", weiß Leenders-van Eickels. Anders als im Münsterland gäbe es in der verstärkt säkularisierten Stadt Recklinghausen keinen sozialen Druck, zur Erstkommunion zu gehen. "Wir machen Fernstehenden-Pastoral", betont Quante.
Während der 30-minütigen Gespräche seien die Eltern häufiger Thema als die Kinder. "Mehr als die Hälfte der Familien sind Patchwork-Familien. Aber sie bekommen bei dem Besuch einen Eindruck von uns und merken, dass wir nicht in einer anderen Welt leben", sagt Leenders-van Eickels. Das Kennenlernen erleichtert den Verantwortlichen die Aufgabe, wenn die Vorbereitung auf das Sakrament beginnt. "Man kennt sich schon, hat sich gesehen und miteinander gesprochen", erklärt Quante.
Vier Elternabende, zwei organisatorische sowie zwei inhaltlich theologische, in denen es um die Themen Beichte und Eucharistie geht, gehören zum Programm. Neben den 16 Kleingruppentreffen der Kinder gibt es einmal monatlich ein gemeinsames Treffen für alle Kinder.
Mosaik aus unterschiedlichen Bausteinen
"Unsere Vorbereitung ist ein Mosaik aus unterschiedlichen Bausteinen, da die Teilnehmer aus unterschiedlichen sozialen Milieus stammen", berichtet Quante. Das Konzept wurde in den vergangenen 15 Jahren entwickelt. Seinen Ursprung hatte es in St. Elisabeth. Später wurde es in der Gemeinde Heilige Familie in Speckhorn übernommen, dann in St. Markus. Später kam St. Peter dazu. "Schon vor der Zusammenlegung im Juli 2010 war die Erstkommunion-Katechese in den Gemeinden gleich angelegt", informiert Leenders-van Eickels. Neu hinzugekommen sei das Buch "Gott mit neuen Augen sehen" von Albert und David Biesinger sowie Herbert Bendel.
Ausgewählte Kapitel werden für die Katecheten vorbereitet, die die Inhalte den Kindern in den Kleingruppen vermitteln. "Wer mehr wissen möchte, kann sich selbst weitere Kapitel anschauen, denn jeder erhält das Buch", informiert der Pfarrer.
Neben den Einheiten für die Kinder gibt es drei Familienangebote. Die Erstkommunionvorbereitung startet mit einem Kennenlernnachmittag. Ebenso lädt die Gemeinde zu einem Familientag ein. Er umfasst sechs verschiedene Stationen wie eine Kirchenkatechese, bei der einige Lieder geübt werden, ein Farbenquiz zu den Messgewändern, ein Aufstieg zu den Glocken, eine Kirchenführung, bei der die Teilnehmer mit der Ausstattung des Gotteshauses bekannt gemacht werden. Die Schatzkammer von St. Peter wird ebenfalls geöffnet. Für ein Bibelquiz backt Quante jedes Jahr einen Kuchen. "Die Teilnehmer lernen, wie sie bestimmte Stellen in der Bibel finden wie zum Beispiel die Backzutat Zimt, die im Kuchen ist." Da das Angebot an einem Samstagnachmittag stattfindet, kommen auch viele Väter. Zum Programm für die Familien gehört zudem die jährliche Wallfahrt zum Annaberg nach Haltern. "Dabei haben die Familien die Möglichkeit, die Kerngemeinde kennen zu lernen", betont Leenders-van Eickels.
Beim Thema "Beichte", das in den Kursus integriert ist, haben die beiden Hauptamtlichen eine interessante Beobachtung gemacht. "Für Kirchenferne ist das Thema einfacher als für Menschen, die der Kirche nah stehen. Es gibt eine größere Offenheit", sagt Quante. Und van Eickels fügt hinzu: "Die Kinder haben keine Probleme, sich mit eigenen Versäumnissen zu beschäftigen. Sie haben die Möglichkeit, sich in einem geschützten Raum altersspezifisch mit ihren Grenzen auseinander zu setzen."
Ziel sei es, ihnen zu vermitteln, wie sie menschlich und aufrecht mit Fehlern umgehen können.
Pflicht und Kür
Da die Erstkommunionvorbereitung im November beginnt, nutzen die Verantwortlichen die Möglichkeit, gemeinsam mit Kindern und Eltern die kirchlichen Feste wie Weihnachten und Ostern zu feiern. Neben dem Pflichtprogramm gibt es besonders an den Kartagen ein Kürprogramm. "Diese liegen in den Ferien. Deshalb gibt es keine Verpflichtung. Aber wir bieten an Gründonnerstag ein Paschamahl an, einen Kreuzweg am Karfreitag und die Osternachtfeier, in der die Erstkommunionkinder kleine Aufgaben übernehmen können", berichtet Leenders-van Eickels.
Pfarrer Jürgen Quante und Pastoralreferentin Cäcilia Leenders-van Eickels. |
Bei so vielen verschiedenen Terminen sei das A und O der Vorbereitung eine frühzeitige Planung. "85 Prozent der Eltern und Kinder sind keine Kirchgänger. Für sie ist es ein zusätzliches Programm zu ihrer Lebenswelt. Zudem müssen Besuchsrechte der Kinder geplant werden, die bei nur einem Elternteil leben", weiß Leenders-van Eickels aus Erfahrung.
Das Fest der Erstkommunion wird in der Pfarrei in allen Gemeindeteilen gleich gefeiert. Am Vorabend starten die Familien mit einer Tauferneuerungsfeier. "In der manchmal auch getauft wird. Im vergangenen Jahr haben wir während der Vorbereitungszeit zehn Kinder getauft", berichtet Quante. In Erinnerung an ihr Taufkleid erhalten die Kinder am Ende der Feier ihre weiße Kutte, die sie am kommenden Tag tragen. "Zum Abschluss sprechen wir gemeinsam das Glaubensbekenntnis. Manchen Eltern fällt das schwer, aber sie machen es", ist Leenders-van Eickels aufgefallen. Am Sonntagmorgen empfangen die Kinder in einem Familiengottesdienst erstmals die Heilige Kommunion. Einen Tag später schließt sich der Dankgottesdienst an, zu dem auch die Mitschüler eingeladen sind.
"Bei all diesem stellt sich natürlich die Frage der Nachhaltigkeit. Aber, wenn wir es geschafft haben, dass die Kinder eine Ahnung haben, dass sie es bei dem Empfang der Kommunion mit etwas Heiligem zu tun haben, dann haben wir etwas erreicht", ist sich Quante sicher. Zudem haben die Verantwortlichen die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern die Möglichkeit nutzen, sich noch einmal mit ihrem Glauben zu beschäftigen. Manche binden sich neu an die Gemeinde.
"Wir haben es bei der Erstkommunion nicht mit einem Auslauf-Modell zu tun, sondern mit einer Chance, mit den Menschen über den Glauben ins Gespräch zu kommen", ist Quante überzeugt. Nirgendwo sonst könnten die Hauptamtlichen so viele und unterschiedliche Menschen kennen lernen. "Sie erden uns immer wieder mit ihren Fragen. Das macht richtig Spaß", fügt er hinzu, und Leenders-van Eickels nickt zustimmend.
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Text: Michaela Kiepe | Fotos: Michaela Kiepe in Kirche+Leben
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