
Ein Geschenk aus Münster Sankt Lamberti: Diese Krippe schmückt Weihnachten die Kirche von Schillig im Wangerland – eigentlich.
Eine Rundreise durch das Wangerland
Krippen ohne ihre Kirchen
Schillig. In der Weihnachtszeit versammeln sich Gläubige um die Krippen in ihren Kirchen, lassen sich von der Gestaltung und den je ganz besonderen Figuren zur Besinnung anregen. Was aber machen die Menschen, deren Kirche in Trümmern liegt? Deren Kirche dann neu aufgebaut werden soll? Deren Bau aber in eine Phase fällt, den Maurer fachmännisch "Schlechtwetter" nennen? Kirche+Leben hat eine solche Kirche besucht.
Pfarrer Lars Bratke hupt und winkt im Vorbeifahren über das Lenkrad den drei Frauen am Straßenrand zu. "Die sind alle katholisch", sagt er. Acht Katholiken gebe es hier in der Bauerschaft Wiarden, und die Hälfte komme treu zur Kirche.
Seelsorger im Wangerland, an der friesischen Küste, sei eine besondere Herausforderung. Gut 170 Quadratkilometer Fläche, kaum achthundert Katholiken – und im Winter weniger Aufgaben für den Seelsorger als sonst. Das ändert sich am Pfingstfest, wenn die klassische Urlauberseelsorge beginnt.
Bratkes Sorge gehört zurzeit den treuen Katholiken, die hier wohnen, und den wenigen Winterurlaubern. Für sie gestaltet er festliche Weihnachtsgottesdienste, für sie sorgt er auch dafür, dass vor dem Gottesdienstraum eine Krippendarstellung zur Besinnung ruft.
In Baracke und Lokschuppen
Krippen im Wangerland, Krippen in Schillig – eine Geschichte mit viel Auf und Ab. 1946 wurde in Schillig in einem Barackenlager der ehemaligen Kriegsmarine für Flüchtlinge aus Oberschlesien erstmals ein Gottesdienst gefeiert. Einige hundert wurden im Ort und in der Umgebung heimisch. Für sie fand der Gottesdienst ab 1951 in einem ausgedienten Lokschuppen statt; erst 1967 gab es eine eigene Kirche.
Anfangs andere Sorgen
Theodor Söbbecke, später in der Nähe als Bundeswehrsoldat stationiert, kann sich noch gut erinnern: "Das waren ja ganz andere Zeiten: Eine prachtvolle Krippe in der Kirche aufbauen – daran dachte niemand." Eine Familie hätte aus ihrem Privatbestand eine kleine Gipskrippe gestiftet, mehr habe es in den frühen Jahren nicht gegeben.
Einen ersten Anstoß für eine besondere Krippe gab es 1975: Damals waren viele Soldaten in den Pfarrbezirk Hohenkirchen gezogen. Für sie wurde die Sankt-Hedwigs-Kirche errichtet. Gemeindemitglieder sorgten dort für eine eigene Krippe, pflegten die Figuren und die Kleidung, die ihnen angezogen wurde. So hatte die kleine Filialkirche mit ihren siebzig Plätzen eine Krippe – die große Pfarrkirche immer noch nicht.
Theodor Söbbecke nahm die Sache auf Bitten des damaligen Pfarrers Felix von Merveldt in die Hand. Und er hatte Glück. Denn in seiner Heimatgemeinde Münster Sankt Lamberti, im Zentrum der Bischofsstadt, verstaubte eine alte Krippe auf dem Dachboden. Die Gemeinde dort hatte sich neue Figuren gekauf; wohin mit den alten, das wusste sie nicht so recht.
Theodor Söbbecke hatte direkt die Vorstellung, an wen er sich zu wenden hatte: an seinen Bruder, der im Kirchenvorstand von Sankt Lamberti saß. Mit dessen Hilfe erhielt die kleine Diasporagemeinde 1985 alte und eindrucksvolle Krippenfiguren erst einmal geliehen.
Auch der Kardinal kannte sie
Alt – "die kannte noch mein Vater, und der ist Jahrgang 1910!" Eindrucksvoll – die Figuren laden nicht nur durch ihren Ausdruck zum Verweilen ein, sie gehören auch zum Leben der Kirche, an der der Selige Clemens -August von Galen Anfang der 1930-er Jahre Pfarrer war. Schillig pflegt also wichtige kirchenhistorische Stücke. Und die Gemeinde ist deshalb stolz, so berichtet es Söbbecke, dass die Gemeinde Sankt Lamberti die Krippenfiguren einige Jahre später endgültig der Pfarrgemeinde Sankt Marien in Schillig geschenkt habe.
Zwei Krippen für zwei Kirchen – alles sollte damit eigentlich gut sein. Bis 2007. Damals kam das Ende für Sankt Hedwig in Hohenkirchen. Zunächst wurde der Raketenstandort der Bundeswehr in der Nähe aufgelöst. Soldaten und ihre Angehörigen zogen weg; der Unterhalt der Kapelle, auch aus Mitteln der Bundeswehr getragen, schien sich nicht mehr zu rechnen. Das Ergebnis: Die Kapelle wurde "profaniert" (offiziell aus dem kirchlichen Gebrauch entlassen) und sollte verkauft werden. Als sich kein Käufer fand, wurde das Gebäude abgerissen; heute stehen dort zwei Einfamilienhäuser.
Nur die Krippe blieb
Geblieben von der kleinen Kirche ist die Krippe. Eine Krippe, die sich nicht mehr regelmäßig aufstellen ließ. Sondern nur jedes zweite Jahr. Im Wechsel mit der alten Krippe aus Sankt Lamberti in Münster in der Pfarrkirche. Und dieses Jahr an ganz besonderer Stelle: im Vorraum der evangelischen Nikolaikirche. Dort finden die katholischen Christen eine Heimat, bis der Neubau ihrer Marienkirche fertig ist. Und in diesem Vorraum wäre kaum der Platz gewesen, eine so prächtige Krippe wie die aus Münster aufzustellen.
Doch musste diese Krippe in der Weihnachtszeit nicht auf dem Dachboden liegen. Pfarrer Lars Bratke lieh die Figuren für die evangelische Sixtus-und-Sinitius-Kirche aus, eine der ältesten Kirchen im Wangerland. Dort überlegt man, eine neue Krippe anzuschaffen. Und wollte sich von der eindrucksvollen Krippe aus Münster anregen lassen.
Doch nicht von den Figuren der Weisen aus dem Morgenlande: Wegen der Kälte im Gotteshaus und den wenigen Gläubigen verlegte die evangelische Gemeinde ihren Gottesdienst schon am Sonntag nach Weihnachten ins Gemeindezentrum.
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Text: Franz Josef Scheeben | Foto: Archiv in
Kirche+Leben
17.01.2011
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